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Lautloser Tod im Wasser: Ertrinken sieht nicht aus wie im Film

Notfall im Wasser  

Ertrinken sieht nicht aus wie im Film

18.06.2021, 16:21 Uhr | Andreas Lerg, dpa, az, t-online, sje

Lautloser Tod im Wasser: Ertrinken sieht nicht aus wie im Film. Körper unter Wasser: Ertrinkende sind meist zu erschöpft, um nach Hilfe zu rufen. (Quelle: Getty Images/piranka)

Körper unter Wasser: Ertrinkende sind meist zu erschöpft, um nach Hilfe zu rufen. (Quelle: piranka/Getty Images)

Im Fernsehen schreien Ertrinkende oder schlagen um sich. In der Realität haben sie dafür kaum Kraft. Wir erklären, woran Sie Menschen in Not erkennen und wie Sie ihnen helfen können.

Die Hauptgründe für Unfälle im Wasser sind unter anderem zu wenig Schwimmunterricht und Übermut. Die Deutsche Lebens-Rettungs-Gesellschaft (DLRG) rät zur Vorsicht, denn noch immer ertrinken Jahr für Jahr Hunderte Menschen in deutschen Gewässern. Das liegt auch daran, dass Ertrinkende nicht als solche wahrgenommen werden. Wenn Sie die wichtigsten Anzeichen und Regeln kennen, kann das vielleicht Leben retten.

Woran erkennt man einen Ertrinkenden?

Ertrinken ist meist ein lautloser Vorgang. Wenn Menschen im Wasser in Not geraten, werden sie meist panisch: Sie versuchen, sich an irgendetwas festzuhalten. Jedoch sieht es selten so aus wie im Fernsehen, wo oft geschrien und wild gewunken wird. Dazu ist der Körper zu erschöpft.

In den meisten Fällen sind ertrinkende Menschen nicht dazu in der Lage, Hilfe zu rufen. Der Körper stellt zunächst sicher, dass die Atmung funktioniert – die Sprache folgt erst danach. Zudem befindet sich der Kopf eines Ertrinkenden meist unter Wasser. "Geraten Kinder in Not, kippen sie in der Regel nach vorne unter Wasser. Dann sieht man höchstens noch den Hinterkopf", erklärt DLRG-Pressesprecher Achim Wiese. "Erwachsene kippen eher nach hinten, hier ragt eher die Nase aus dem Wasser." Schafft man es für einen kurzen Moment an die Wasseroberfläche, wird diese Zeit instinktiv zum Luftholen genutzt.

Auch das Herbeiwinken, wie es in Filmen häufig dargestellt wird, ist nicht realistisch. Die Arme werden dazu genutzt, um den Körper über der Wasseroberfläche zu halten, meist sind sie seitlich ausgestreckt und durch die Stresssituation nicht zu gesteuerten Bewegungen fähig.

Wieso ist es schwierig, einen Ertrinkenden zu retten?

Für Laien ist es schwierig, einen Ertrinkenden aus dem Wasser zu ziehen und sich aus den oft sehr festen Griffen zu befreien. Rettungsschwimmer lernen in ihrer Ausbildung genau das. Außerdem kann das Gewässer Gefahren bergen, die vom Ufer aus nicht zu erkennen sind. Die DLRG rät für den Notfall daher: Hilfe holen und der Person im Wasser Schwimmhilfen oder andere Gegenstände zuwerfen, an denen sie sich festhalten kann.

Rettung: Der Rettungsschwimmer hält den Kopf der Person über Wasser, während diese sich an der Boje festhält. (Quelle: Getty Images/usas)Rettung: Der Rettungsschwimmer hält den Kopf der Person über Wasser, während diese sich an der Boje festhält. (Quelle: usas/Getty Images)

Wie viele Menschen sterben jährlich im Wasser?

2020 sind nach Angaben der DLRG mindestens 378 Menschen in Deutschland ertrunken. 335 davon verloren ihr Leben in Flüssen, Bächen, Seen und Kanälen. Den Rettungsschwimmern zufolge liegt das daran, dass Flüsse und Seen weniger gut bewacht sind als Küsten oder Schwimmbäder. Nach Angaben der Rettungsgesellschaft waren vier von fünf Opfern männlich.

Wann ertrinken die meisten Menschen?

Gutes Wetter sorgt für mehr Badeunfälle. Im vergangenen Jahr ertranken die meisten Menschen im August (117), im Juli starben 71 Personen im Wasser. Die DLRG führt das vor allem auf den großen Andrang an den Badestellen bei gutem Sommerwetter zurück. Durch die Corona-Krise seien zudem viele Menschen nicht ins Ausland verreist, sondern in Deutschland an die Badestrände gefahren, wodurch sich die Lage noch verschärft habe. Im Winter gibt es deutlich weniger Fälle, im Januar 2020 ertranken 20 Menschen, im Februar 19.

Wann tritt der Tod ein?

Die meisten Menschen können kaum länger als eine Minute die Luft anhalten. Danach folgt ein reflexartiges Einatmen. Gelangt Wasser in Atemwege kommt es jedoch zum sogenannten Stimmritzenkrampf – die Muskulatur im Kehlkopf zieht sich reflexartig zusammen, damit kein Wasser in die Lunge gelangt. Dadurch wird jedoch auch die Atmung blockiert. Durch den Sauerstoffmangel folgt die Bewusstlosigkeit, welche zu Hirn- und Organschäden und somit zum Tod führen kann. In der Regel können sich Ertrinkende nur 20 bis 60 Sekunden an der Wasseroberfläche halten, bevor sie untergehen. Experten sprechen hierbei vom trockenen Ertrinken, welches letztendlich dem Ersticken gleichkommt. 

In der Bewusstlosigkeit kann sich der Stimmritzenkrampf zudem wieder lösen. Dann gelangt doch Wasser in die Lunge, was die Lungenbläschen verklebt und zu Infektionen führen kann. Man spricht vom sogenannten nassen Ertrinken. Dieses kann als sekundäres Ertrinken auch noch Stunden später einsetzen.

Was sind die Hauptgründe für diese Unglücke?

Die hohe Anzahl männlicher Ertrunkener führt die DLRG vor allem auf Leichtsinn und Übermut zurück. Dazu komme die Unkenntnis über Gefahren im Wasser. Senioren gehe schnell die Kraft aus. Herzprobleme oder Diabetes seien ebenfalls oft ein Problem. Darüber hinaus sei die Schwimmfähigkeit insgesamt rückläufig. Durch geschlossene Schwimmbäder während der Corona-Pandemie hat sich die Lage noch verschlimmert. "Hier sprechen wir mittlerweile von mindestens einem, wenn nicht sogar schon zwei verlorenen Jahrgängen in der Schwimmausbildung", so DLRG-Präsident Achim Haag bei der Vorstellung der Jahresstatistik 2020. 23 Kinder unter zehn Jahren sind 2020 ertrunken.  Daher ist Schwimmunterricht lebenswichtig.

Ist es wirklich gefährlich, mit vollem Magen ins Wasser zu gehen?

Wer hat diese Baderegel nicht schon einmal gehört? Doch das Amerikanische Rote Kreuz fand in einer großen Überblicksanalyse im Jahr 2011 bei Jugendlichen und Erwachsenen keinen lebensgefährlichen Einfluss eines vollen Magens. Mit vollem Bauch können die Schwimmbewegungen dennoch schwerer fallen. Die DLRG warnt vor dem Gang ins Wasser mit ganz vollem Bauch insbesondere mit Blick auf Kinder. Wenn ihnen beim Baden oder Schwimmen übel wird, sie gar erbrechen und möglicherweise Wasser schlucken, könne es lebensgefährlich werden. 

Ein leerer Magen könne dagegen wirklich bei jedem zum Problem werden, so die Rettungsschwimmer. Denn zum Schwimmen braucht der Körper relativ viel Energie: In zehn Minuten wird ungefähr die Energie eines Apfels verbraucht.

Kälteschock: Bleibt das Herz beim Sprung ins kalte Wasser stehen?

Bei warmem Wetter fließt Blut vermehrt in Arme und Beine. Bei einem Sprung in kaltes Wasser ziehen sich die Gefäße zusammen und pumpen das Blut auf einmal zum Herz. Gerade stehende Gewässer können zum Verhängnis werden: Bei einem See kann sich die Wassertemperatur von der Oberfläche bis zur der Wasserschicht ab ein bis zwei Metern Tiefe um bis zu 15 Grad unterscheiden.

Der Sprung ins unerwartet kalte Wasser kann zu einer Schockreaktion führen und bei unerkannten Herzerkrankungen auch zu Rhythmusstörungen führen. Zudem wird ein Reflex ausgelöst, wenn kaltes Wasser auf das Gesicht trifft. Herzfrequenz und Blutdruck sinken dann schnell und teils sehr stark. Das kann zum Verlust der Orientierung im Wasser oder zur Bewusstlosigkeit führen. 

Im Notfall: Macht nasse Kleidung das Überleben schwerer?

Kleidung erhöht den Widerstand beim Schwimmen. Man braucht mehr Kraft und kommt langsamer voran. Dass Kleidung im Wasser jedoch gefährlich nach unten zieht, ist ein Irrglaube. Stattdessen könne sie sogar Auftrieb geben, schreiben Michael Tipton und Frank Golden in ihrem Fachbuch zum Überleben auf See. Je nach eigener Bewegung kann für einige Zeit die Luft aus der Kleidung am Körper bleiben. Und die sorgt im Notfall für überlebenswichtige Wärme in kalten Gewässern.

Erste Hilfe: So helfen Sie einem Ertrinkenden

Sollten Sie sehen, dass ein Mensch in einem Gewässer in Not gerät, springen Sie nicht unüberlegt hinterher! Vor allem dann, wenn Sie kein guter Schwimmer sind. Sie sollten sich nicht selbst in Gefahr bringen. Werfen Sie dem Hilfebedürftigen etwas Schwimmfähiges zu, damit er sich daran festhalten kann. Ist das Opfer in Ufernähe, kann ein langer Ast oder vielleicht ein Abschleppseil aus einem Auto nützlich sein, damit sich die Person selbst ans Ufer ziehen kann. Bei Gewässern mit starker Strömung ist es ratsam, am Ufer mitzulaufen, sodass die herbeigerufenen Einsatzkräfte sofort wissen, wo sich der Ertrinkende aufhält.

Falls Sie im Wasser sind, nähern Sie sich dem Verunfallten nur von hinten. So verhindern Sie, dass sich die Person in Todesangst an Sie klammert und Sie nach unten drückt. Machen Sie andere Menschen in der Nähe auf die Notlage aufmerksam, vielleicht können mehrere zusammen helfen.

Erste Hilfe: Setzen Sie auf jeden Fall schnell einen Notruf ab. (Quelle: Getty Images/ diverroy)Erste Hilfe: Setzen Sie auf jeden Fall schnell einen Notruf ab. (Quelle: diverroy/Getty Images)

In jedem Fall sollten Sie schnell einen Notruf absetzen. Mit dem Handy einfach 112 wählen. Machen Sie die nötigen Angaben und legen Sie nicht sofort wieder auf. Es könnte sein, dass Sie in der Aufregung wichtige Informationen vergessen haben, deshalb warten Sie kurz Nachfragen der Notrufzentrale ab. 

Verwendete Quellen:

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