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Weshalb der Hadrianswall bei Wanderern so beliebt ist

Landschaft, Ausgrabungen und Co.  

Weshalb der Hadrianswall bei Wanderern so beliebt ist

19.05.2020, 13:36 Uhr | Andreas Heimann, dpa

Weshalb der Hadrianswall bei Wanderern so beliebt ist. Wanderurlaub: Erbaut wurde der Hadrianswall von Osten nach Westen. (Quelle: dpa/tmn/Andreas Heimann)

Wanderurlaub: Erbaut wurde der Hadrianswall von Osten nach Westen. (Quelle: Andreas Heimann/dpa/tmn)

Der Hadrianswall hat seinen Namen von dem römischen Kaiser, der die Mauer bauen ließ. Das ist viele Jahre her. Doch noch nie war der Wall so beliebt wie heute – vor allem bei Wanderern. Was die Route zu bieten hat.

Römischer Kaiser mit sieben Buchstaben? Das dürfte englischen Schulkindern leicht fallen: Hadrian ist zumindest in Nordengland ausgesprochen populär.

Das liegt an der Mauer, die er im zweiten Jahrhundert nach Christus bauen ließ – ein Riesenprojekt, rund 120 Kilometer lang von Bowness-on-Solway im Westen bis nach Newcastle upon Tyne im Osten. Nach Wallsend, in den Vorort der nördlichsten englischen Großstadt, kommen jedes Jahr Tausende von Menschen. Rockstar Sting ist dort geboren worden.

Der Ort ist Schlusspunkt des Hadrian's Wall Path, eines Wanderwegs von Küste zu Küste, der alles bietet, was Menschen mögen, die Landschaften gerne zu Fuß erkunden, aber mehr sehen möchten als Felsbrocken und Trampelpfade. Und das ist am Hadrianswall garantiert.

Der Hadrianswall war in der römischen Antike ein Befestigungssystem, von dem nur Teile erhalten ist – die Mauer war ursprünglich rund vier Meter hoch. (Quelle: dpa/Andreas Heimann)Der Hadrianswall war in der römischen Antike ein Befestigungssystem, von dem nur Teile erhalten ist – die Mauer war ursprünglich rund vier Meter hoch. (Quelle: dpa/Andreas Heimann)

"I walked the Wall"

Erbaut wurde der Hadrianswall von Osten nach Westen, aber fürs Wandern ist die Gegenrichtung mindestens genauso gut. Der westlichste Punkt des zum Weltkulturerbe zählenden Walls liegt noch ein Stück hinter der Kleinstadt Carlisle am Meeresarm Solway Firth, der Schottland von England trennt. Wer viel Zeit hat, startet hier.

Aber auch Carlisle oder Haltwhistle kommen dafür infrage. Der Abschnitt von dort bis nach Corbridge gilt als der interessanteste. Wer keinen Zeitdruck hat, läuft bis Newcastle weiter und kauft sich dort nach der Tour von drei bis fünf Tagen ein T-Shirt mit dem Schriftzug: "I walked the Wall" ("Ich bin am Wall entlang gelaufen") – als Nachweis für eine Grenzerfahrung der etwas anderen Art.

Steinmauern aus sorgsam aufeinander geschichteten Brocken gibt es im Norden Englands viele. Oft trennen sie nur die eine Schafweide von der anderen, und genauso oft stehen sie schon seit Generationen. Dry Stone Waller heißen die Männer mit geschickten Händen, die sich darum kümmern, sie auszubessern, wenn hier oder da ein Stein herausbricht – oft an Stellen, an denen Schafe regelmäßig über die Mauer springen.

Grüne Hügel und friedvolle Schafe

Beim Wandern entlang des Hadrianswalls in der hügeligen Landschaft ein Stück südlich der heutigen Grenze zwischen Schottland und England dominiert die Farbe Grün. Autobahnen, Fabriken, Windräder, Schornsteine mit Industrieabgasen – Fehlanzeige. Hier und da steht mal ein Bauernhaus im gleichen Grau wie die Steinmauern auf den Weiden, manchmal grasen in der Nähe schwarze Rinder. Hin und wieder gibt es eine Pferdekoppel. Ansonsten Weiden, so weit das Auge reicht.

Die Dörfer sehen aus, als würde Insprector Barnaby im Nachbarort wohnen. Dass es Verkehrsschilder gibt, die Autofahrer auffordern "Slow" zu fahren, kommt einem auf geradezu komische Weise überflüssig vor. Die Landschaft erinnert an Renaissance-Gemälde: friedlich grasende Schafe unter blauem Himmel mit ausladenden Bäumen. In der Antike war hier das Römische Reich zu Ende.

Schafe sind entlang des Hadrianswalls immer wieder zu sehen – wie hier östlich von Haltwhistle. (Quelle: dpa/Andreas Heimann)Schafe sind entlang des Hadrianswalls immer wieder zu sehen – wie hier östlich von Haltwhistle. (Quelle: dpa/Andreas Heimann)

Befestigte Häuser gegen Überfälle

Haltwhistle liegt ungefähr auf der Hälfte der Strecke des Wanderwegs von Küste zu Küste. Den Marktplatz gab es schon vor mehr als 700 Jahren. In den Jahrhunderten danach wurde die Stadt immer mal wieder von marodierenden Soldaten bedroht, englischen wie schottischen. Im 16. und 17. Jahrhundert bauten die Einwohner deshalb Bastles, befestigte Wohnhäuser, die in der umkämpften Grenzregion Schutz vor Überfällen bieten sollten. Einige davon stehen noch heute.

Haltwhistles Ausgehviertel ist überschaubar. In dem 1652 gegründeten Pub "Black Bull" geht es auch am Abend gemächlich zu: Ein älterer Herr bestellt Weißwein, drei betagte Männer am Tisch neben dem Eingang halten sich an Mineralwasser. Nur am Nebentisch wird Black Sheep Bitter getrunken, ein dunkles Bier aus Yorkshire.

Von Haltwhistle zum Hadrianswall

Am Marktplatz startet der Haltwhistle Burn Footpath zum Hadrianswall. Gleich hinter dem Ort geht es durch einen Wald voller hoch aufragender Buchen, mit Butterblumen am Rand des Weges, der einem plätschernden Bach folgt, und mit Felswänden, die direkt daneben aufragen. Die Vögel zwitschern, der Farn wächst üppig.

Die wenigen Kilometer bis zum Hadrianswall sind schnell bewältigt. Es ist weniger ein Wall als eine heute meist nur noch hüfthohe Mauer, die in der Antike durch Gräben ergänzt und nicht durchgehend aus Stein war. Hadrian ließ die Befestigung ab dem Jahr 122 bauen. Tausende von römischen Soldaten bewachten dort die Grenze zum schottischen Norden, den die Römer nicht erobern konnten.

Wandern zwischen Kuhfladen und Butterblumen

Zum Wandern ist der Hadrianswall ideal, die Streckenführung ist eindeutig. Immer wieder gibt es etwas zu sehen. Schon die Mauer selbst ist ein Hingucker mit ihren fleckigen, moosbewachsenen grauen Steinen. Kilometer um Kilometer zieht sie sich durch die Landschaft, Hügel rauf und wieder runter, meistens schon von Weitem gut sichtbar, vorbei an Weiden voller Kuhfladen und Flocken von Schafwolle im Gras, voller Butterblumen, blühendem Ginster, Klee oder Gänseblümchen.

Mal führt die Strecke Dutzende von Felsstufen hoch bis zum nächsten Gipfel über endlosen Weiden, während das Muhen der Mutterkühe zu hören ist, die ihre Kälber zusammenrufen. Mal geht es eine Zeit lang auch direkt auf dem Hadrianswall entlang.

Eine Reihe von Ausgrabungsstätten sind in unmittelbarer Nähe, gleich drei zwischen Haltwhistle und Heddon-on-the-Wall. Am spannendsten ist der Besuch von Vindolanda, ein römisches Fort etwas südlich des Hadrianswalls, das von Haltwhistle aus gut zu erreichen ist. In der Antike lebten hier bis zu 3.000 Menschen, nur der kleinere Teil davon Soldaten. Heute gibt es hier ein modernes Museum, das sich ihrer Geschichte widmet und in dem viele Originalfunde zu sehen sind, die auf dem Gelände ausgegraben wurden.

In South Shields ist das römische Fort von Archäologen ausgegraben worden. (Quelle: dpa/Andreas Heimann)In South Shields ist das römische Fort von Archäologen ausgegraben worden. (Quelle: dpa/Andreas Heimann)

Wo Archäologen einen Babyschuh fanden

Vindolanda ist ein Paradies für Archäologen. Seit einem halben Jahrhundert sind sie dort beschäftigt, und es gibt noch mehr als genug zu tun. In dem Museum sind zahlreiche Münzen zu sehen, ein Holzschwert für Kinder und ein hölzerner Toilettensitz, Geschirr, das in der Antike aus Frankreich importiert wurde, zudem Broschen, Ketten, Armreifen, ein goldener Ohrring und ein Babyschuh. Zu den Topfunden gehören Schreibtafeln, die ins Britische Museum in London gekommen sind. Offiziere tauschten damit Nachrichten aus und klagten über schlechte Straßen und schlechtes Wetter.

Andrew Birley, dessen Großvater mit den Ausgrabungen begonnen hat, ist selbst Archäologe und arbeitet seit 1991 auf dem Grabungsfeld. "Du weißt nie, was du hier als nächstes findest", sagt er. "Allein 2016 haben wir 460 Schuhe entdeckt."

Skelettfunde von Tieren gab es ebenfalls etliche, von Hunden und auch von einem Pferd zum Beispiel. Die Knochen eines etwa elfjährigen Kindes, das unter dem Boden einer Baracke der Soldaten begraben wurde, stammten wahrscheinlich von einem Sklaven.

Der Fund, der Birley am meisten überrascht hat, waren Boxhandschuhe: "Damit hätte ich nie gerechnet", sagt er.

In Housesteads gab es sogar ein Krankenhaus

In der Nachbarschaft, ein Stück weiter östlich und direkt am Hadrianswall, liegt Housesteads Roman Fort, das 280 Jahre lang von römischen Soldaten genutzt wurde. Ein Stopp lohnt sich.

Eine Schulklasse soll das Gelände erkunden, die Lehrer haben die Schüler mit einer Reihe von Aufgaben losgeschickt: Wo die Toiletten waren, sollen sie herausfinden, wo das Westtor und das Hauptquartier. Der Kommandant mit seiner Familie hatte ein komfortables Haus aus Stein, das sich beheizen ließ. Sogar ein kleines Krankenhaus gehörte zum Militärlager. Aber die Toiletten – wo waren die?

In Chesters Roman Fort war eine römische Reitertruppe stationiert, drei Soldaten und drei Pferde teilten sich einen Raum. Fundamente der Gebäude lassen erahnen, wie das Fort einmal ausgesehen hat – samt einem römischen Badehaus, von dem etliche Teile noch erhalten sind.

Auf Wiedersehen in Wallsend

Ganz im Osten führt der Hadrian's Wall Path dann in die Großstadt: Als die Römer in Nordengland waren, gab es Newcastle noch nicht. Und je größer es wurde, umso mehr geriet das römische Kastell Segedunum in Wallsend in Vergessenheit. Inzwischen haben Archäologen es freigelegt. Ein Stück des Hadrianswalls ist rekonstruiert worden, direkt neben den Fundamenten des Originals. In dem Museum auf dem Gelände des Forts treffen sich viele Wanderer zum letzten Mal.

Mehr zu sehen als in Wallsend gibt es im Stadtteil South Shields. Dort stand ebenfalls ein römisches Kastell, dessen Westtor mit seinen meterdicken Mauern wieder aufgebaut wurde, genau wie mehrere weitere Gebäude aus der römischen Antike. Dazu gehören Getreidespeicher und das Haus des Kommandanten samt Büro und Wohnzimmer.

Beim letzten Angriff auf das Fort im Jahr 410 wurden etliche Soldaten getötet. Danach waren das Kastell und der Hadrianswall jahrhundertelang bedeutungslos. Bis die Archäologen und die Wanderer kamen – und bis die Schulkinder den Namen des Kaisers lernen mussten, der ihn bauen ließ.

Infos: Wandern am Hadrianswall

  • Reiseziel: Der Hadrianswall liegt im hohen Norden Englands, etwas südlich der heutigen Grenze zu Schottland. In der Antike reichte er von Bowness-on-Solway im Westen bis nach Newcastle im Osten.
  • Anreise: Direktflüge nach Nordengland gibt es von Deutschland aus nicht, Flüge nach Newcastle sind zum Beispiel mit Umsteigen in Amsterdam möglich. Sowohl Carlisle als auch Haltwhistle sind mit dem Zug gut zu erreichen.
  • Übernachtung: Entlang der Strecke gibt es etwa in Haltwhistle, Corbridge, Heddon-on-the-Wall und Newcastle diverse Übernachtungsmöglichkeiten in Hotels und Bed & Breakfasts. 
Verwendete Quellen:
  • Nachrichtenagentur dpa

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