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Urlaub in S├╝dtirol: Darum ist das Sarntal ein Geheimtipp

dpa, Larissa Loges

Aktualisiert am 04.06.2020Lesedauer: 5 Min.
Ausflugsziel im Sarntal: Rund um den Durnholzer See f├╝hrt ein malerischer und familientauglicher Wanderweg.
Ausflugsziel im Sarntal: Rund um den Durnholzer See f├╝hrt ein malerischer und familientauglicher Wanderweg. (Quelle: Michael Lange/Tourismusverein Sarntal/dpa-tmn)
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Das Sarntal hat nicht die spektakul├Ąrsten Berge S├╝dtirols. Doch gerade f├╝r Familien und Erholungsbed├╝rftige ist die Region eine Reise wert ÔÇô nicht nur wegen der abwechslungsreichen Wanderwege.

Sarner Toppar sind urgem├╝tliche, handgefertigte Hausschuhe ÔÇô und eine Beleidigung. "Toppar, kein nettes Wort. Fr├╝her wurde gesagt, die Sarner w├Ąren immer f├╝nf Jahre hinterher", erkl├Ąrt Albert Unterweger in seiner Werkstatt, deren Oberlichter den Blick auf S├╝dtiroler Almwiesen und W├Ąlder freigeben.


Darum ist das Sarntal ein Geheimtipp

Nicht nur etwas f├╝r fortgeschrittene Wanderer: Auf dem Sagenweg k├Ânnen Urlauber die Natur des Sarntals genie├čen.
Beliebtes Ziel mit Ausblick f├╝r Wanderer: Stoanerne Mandln auf der Gro├čen Reisch.
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Tats├Ąchlich wirkt die Wollmanufaktur fortschrittlich. Und das trotz betagter Maschinen, von denen eine "so alt wie der Papa ist" ÔÇô 85 Jahre also. Vater Josef war es auch, der in einer Zeit, als alle anderen aufh├Ârten, als Handweber 1968 den Betrieb gr├╝ndete.

"Nachhaltigkeit" ist das Schlagwort, das Albert Unterweger h├Ąufig benutzt. Geduldig erkl├Ąrt der 46-J├Ąhrige, wie bei ihm die klassischen Sarner Jangger (Jacken), Teppiche, Kissen und noch einiges mehr entstehen ÔÇô beliebte Mitbringsel von Touristen.

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Wolle von einheimischen Schafen

Aus prallgef├╝llten S├Ącken quillt Schafwolle in allen Farben der Natur. Die Wolle wird zun├Ąchst sortiert. "Nach Farbe, Feinheit, L├Ąnge, Rasse, um m├Âglichst einheitliche Partien daraus zu machen", erl├Ąutert der Handweber. Dann wird gewaschen, bei 20 bis 25 Grad im Stahlbecken. Anschlie├čend geht es zum Trocknen in eine Art ├╝berdimensionierte Salatschleuder. Selbst gebaute, rechteckige Trockenrahmen entziehen die Restn├Ąsse. Der Bergwind hilft.

Unterweger klaubt ein B├╝ndel Wolle aus dem Rahmen. Gut f├╝hlt es sich an, minimal ├Âlig. Nur ganz leicht kann man das Schaf erschnuppern. "Bei unserem Waschprozess bleibt etwas Restfett, das ist gut f├╝r die Verarbeitung", also f├╝rs K├Ąmmen, Spinnen, Verstricken und N├Ąhen.

Der S├╝dtiroler ist stolz auf seine Produkte. Der Rohstoff werde so behandelt, dass er seine guten Eigenschaften behalte. "Die Wolle ist ein Geschenk." In diesem Fall von ausschlie├člich heimischen Schafen. "Unsere Wolle kommt vom Berg zu uns, geht aus dem Gesch├Ąft zum Kunden", sagt der Familienvater. "Solange es Leute gibt, denen das bewusst ist, k├Ânnen wir das machen." Das Gesch├Ąft sei eine kleine Nische, so Unterweger, "in der wir uns wohlf├╝hlen." Der Sarner Jangger ist in Schnitt und Modell traditionell geblieben.

Das wohltuende ├ľl der Latschenkiefer

Ein echtes regionales Naturprodukt sind auch die ├ľle des Familienunternehmens Eschgfeller. Latsche, Wei├čkiefer, L├Ąrche, Fichte, Wacholder, Zirbe und Wei├čtanne landen hier nach dem Destillationsprozess, den man auch besichtigen kann, 100 Prozent naturrein und biozertifiziert in Flaschen und Flakons.

Die Familie exportiert 2.000 Liter ├ľl j├Ąhrlich nach Deutschland und ├ľsterreich. Ein Teil wird vor Ort verkauft und im Wellnessbereich des eigenen Betriebs genutzt.

Zu Klassikern wie Privatsauna, Massagen, Depilation oder Peelings kommt das "Original Sarntaler Latschenkiefernbad". Mit Heugabel und in Gummistiefeln wirkt Christine Eschgfeller keinesfalls wie eine konventionelle Kosmetikerin. Unter dem Holz├╝berstand in freier Natur legt sie ihre Kundschaft in das Material, das vom Latschen├Âlbrennen ├╝brig bleibt. 50 bis 60 Grad warm ist das wohlige Bett aus den vom Wasserdampf erhitzten Nadeln, Zweiglein und Holzst├╝ckchen.

Der Geruch liegt irgendwo zwischen ofenfrischen Zimtschnecken und w├╝rzig-orientalischem Tabak. Der Blick f├Ąllt auf schneegesprenkelte Bergr├╝cken und saftig gr├╝ne Wiesen, im Ohr das Rauschen des Bachs. Sanft streicht die gelernte Masseurin mit einem befeuchteten Tuch ├╝bers Gesicht. Natur-Wellness nach Sarntaler Art.

Fr├╝her war die Arbeit sehr hart

"Die Schwiegereltern haben vor 50 Jahren begonnen. Damals gab es sogenannte Wanderbrennereien auf der Alm, die M├Ąnner haben in den Latschen gearbeitet, oben geh├Ąckselt, Kessel gef├╝llt und destilliert", sagt Eschgfeller. Eine m├╝hsame Arbeit, nach der die ofenwarmen Latschenkiefern die geschundenen R├╝cken kurierten. "Damals musste man alle zwei Stunden in der Nacht aufstehen, damit das Feuer nicht ausgeht, das geht heute automatisch."

Die Arbeit im Berg oberhalb der Waldgrenze auf 1.800 bis 2.300 H├Âhenmetern sei dagegen noch echte Handarbeit mit S├Ąge und Axt, sagt Eschgfeller. Gerodet werde in enger Abstimmung mit der Forstbeh├Ârde. "Es w├Ąchst mehr Latsche nach, als wir entnehmen." Das liegt am sauren Boden vulkanischen Ursprungs. "3.000 Hektar Latschen haben wir im Sarntal, 6.000 sind es in ganz S├╝dtirol", sagt die Frau, deren Schwiegervater als Erster die Brennerei ins Tal gebracht habe. "Schwiegermutter hat dann das Latschenbad entwickelt."

Dieses Bad endet mit dem "Abkneippen" durch die Masseurin. Bedeutet: Handtuch weg, Schl├╝pfer aus und dann prickelnd kaltes Wasser. Im Ruheraum entspannt man unter einer Zirbenbogendecke.

Wanderrouten im Sarntal

So viel Erholung macht fit f├╝r den Berg, immer den Latschen auf der Spur. Im Sarntal werden sie Reischn genannt. Die Kabinenbahn schwebt ab Reinswald zur Bergstation Pichlberg auf 2.130 Meter: Startpunkt des Urlesteigs, der zum 500-Kilometer-Wanderwegenetz der Sarntaler Alpen geh├Ârt. Da surren Wasserr├Ąder gesch├Ąftig zwischen Latschenw├Ąldchen im Gebirgsbach, gletscherwasserkalte Teiche k├Ânnen mit dem Flo├č gequert werden, und ein Latschenlabyrinth verspricht Abenteuer.

Ebenso familientauglich ist der Rundweg um den Durnholzer See: Natur pur mit Blick auf die Kirche und Almblumenidyll.

Wenige Fahrkilometer entfernt, im "Santerhof" in Unterreinswald, k├Ânnen schon die Allerkleinsten ihre Pizza auf Holzb├Ąnken im Garten gemeinsam mit Enten, Schafen, Ziegen, Hasen, Meerschweinchen, Katzen und Igeln verschmausen.

Info-Kasten: Sarntal
Das Sarntal ist ein etwa 45 Kilometer langes Alpental in S├╝dtirol zwischen dem Penser Joch und der Stadt Bozen. Es liegt in den gleichnamigen Sarntaler Alpen.

Stattdessen kann man ab der Sarner Skih├╝tte auf 1.618 Meter ├╝ber die Auener Alm mit netter Gastschenke zu den Stoanernen Mandln auf der Gro├čen Reisch aufbrechen, eine gut 2.000 Meter hohe Bergkuppe. Um den Nachwuchs zu tragen, braucht es hier die Kraxe. Oben wartet eine wahre Steingestalten-Armee samt imposantem Dolomitenblick.

Weniger alpin, aber ebenso abwechslungsreich ist der Sagenweg in Aberst├╝ckl. Sch├╝lerinnen und Sch├╝ler der lokalen Grundschule haben den Weg gemeinsam mit Forstbeh├Ârde und Tourismusverein gestaltet. Schmale Pfade, Weiden, Holzbr├╝cken, Wasserf├Ąlle, Ger├Âllfelder und immer wieder liebevoll erdachte Stationen zur Sagenwelt der Region, vom Vogel Greif bis zum goldenen Kegelspiel.

Nur die Anfahrt ist etwas schwierig: Hat man es in den Ortskern von Aberst├╝ckl geschafft, geht der Sagenweg nach Weiterfahrt auf der Aberst├╝ckler H├Âfestra├če in der siebten Kehre ab. Parkpl├Ątze sind rar.

Eine ganz besondere Handwerkskunst

Zur├╝ck im Tal markiert ein Pfau lautstark sein Revier auf einem der vielen pittoresken H├Âfe der Region. Pfauenfedern sind das Ausgangsmaterial eines weiteren traditionellen Gewerks im Sarntal. Federkielsticker Ulrich Thaler streicht im Untergeschoss des Familienbetriebs locker ├╝ber ein B├╝ndel Federn. "Im Juli, August verliert der Pfau die Federn, dann kommen wir beziehungsweise die Bauern und sammeln sie auf", erkl├Ąrt er. Verwendet werden Federn von 80 bis 90 Zentimetern L├Ąnge aufw├Ąrts. Nicht der sch├Âne gr├╝n-blau-schillernde ÔÇô sondern der untere Teil.

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50 Prozent der verarbeiteten Federn stammen von S├╝dtiroler Bauernh├Âfen, der Rest aus Tierparks oder Pfauenzuchten, berichtet Thaler. In fast kontemplativer Feinarbeit werden durch Spaltung aus den Federn je sechs bis acht Stickf├Ąden gemacht ÔÇô die Federkiele. Diese werden dann durch mit spitzer Ahle vorgestochene L├Âchlein zu filigranen Motiven auf Rinds- und Kalbslederprodukte verstickt.

Trachteng├╝rtel zum Preis eines Kleinwagens

"Seit etwa 250 Jahren gibt es das Handwerk der Federkielstickerei. Wir haben immer noch die gleiche Arbeitstechnik wie damals", berichtet Thaler. Vier bis f├╝nf Jahre dauere die Lehre. Der Fachmann zeigt auf einen opulent bestickten Trachteng├╝rtel. "100 Arbeitsstunden, der ist etwa 5.000 Euro wert. Wenn wir ganz aufwendig sticken, kann es den Preis eines Kleinautos haben."

Solche G├╝rtel sind Statussymbole und Erbst├╝cke. Sie und auch fein bestickte Hosentr├Ąger werden vor allem von Sch├╝tzengesellschaften, Musikgruppen und Trachtenvereinen bestellt. Traditionelle Muster, immer neu interpretiert, garantieren Unikate. Lieferzeit der Schmuckst├╝cke: durchaus mal zwei Jahre.

Schneller geht es bei Bestellungen des zweiten Hauptsektors der Federkielsticker ÔÇô auf personalisierte Geldb├Ârsen oder Schl├╝sselanh├Ąnger wartet man rund acht Wochen.

"Unser Handwerk braucht so gut wie keine Maschinen", betont Thaler. "Nur gutes Licht." Etwa 1.500 Stiche macht ein erfahrener Federkielsticker am Tag. Flei├čarbeit.

"Ein arbeitsames Tal mit arbeitsamen Leuten", so beschreibt Handweber Albert Unterweger seine 7.000-Einwohner-Heimat, fl├Ąchenm├Ą├čig die gr├Â├čte Gemeinde S├╝dtirols und genauso gro├č wie Malta.

Die fr├╝here Abgeschiedenheit des Sarntals hat seine Bewohner offenbar erfinderisch und das Haushalten mit Ressourcen zur Pr├Ąmisse gemacht. Etwas, wovon Familien heute wieder lernen k├Ânnen. Man nennt es dieser Tage Nachhaltigkeit.

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