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Trinkwasser: Deutschland droht durch Hitzewelle die Wasserknappheit


Hitzewelle mit bis zu 37 Grad  

In Deutschland droht Wasserknappheit

Von Saskia Leidinger

18.06.2021, 18:52 Uhr
Trinkwasser: Deutschland droht durch Hitzewelle die Wasserknappheit. Liegewiese im Treptower Park am Spreeufer: Die Spree hat derzeit Niedrigwasser. (Quelle: imago images/Jürgen Held)

Liegewiese im Treptower Park am Spreeufer: Die Spree hat derzeit Niedrigwasser. (Quelle: Jürgen Held/imago images)

Eine Hitzewelle hat Deutschland erfasst. Extremwetterlagen wie diese werden häufiger. Das hat fatale Folgen für das Grundwasser. Politik und Experten sind sich deshalb einig: Knappheit und Konflikte stehen bevor. 

An den Badeseen tummeln sich Menschen, in den Innenstädten kühlen sich Kinder im Springbrunnen ab und in Deutschlands Gärten sorgen Rasensprenger dafür, dass Pflanzen nicht austrocknen. Während die Temperaturen über 30 Grad klettern, sehnen sich die Deutschen nach Abkühlung – nach Wasser. Doch Wasser droht jetzt selbst in Deutschland knapp zu werden – wenn wir unseren Umgang mit dem kühlen Nass nicht ändern. 

Gemeinden rufen Wassernotstand aus

Im hessischen Grävenwiesbach konnte man bereits im vergangenen Sommer spüren, was es heißt, wenn das Wasser knapp wird: Die Gemeinde rief wegen anhaltender Trockenheit den Trinkwassernotstand aus. Wer dann beispielsweise das kostbare Gut aus dem Hahn zur Bewässerung des eigenen Rasens benutzte, dem drohten hohe Bußgelder von bis zu 5.000 Euro.

In Lauenau in Niedersachsen brach zur selben Zeit die Wasserversorgung kurzzeitig völlig zusammen. Trinkwasser gab es nur noch im Supermarkt. In dem Ort stammt ein Großteil des Wassers aus nahe gelegenen Quellen, die sensibler auf anhaltende Trockenheit reagieren als Brunnen. Zudem waren durch die Corona-Pandemie im Sommer mehr Menschen als üblich zu Hause.

Doch es muss nicht unbedingt heiß sein, um zu trocken zu sein. Der April war laut Deutschem Wetterdienst der kälteste Monat seit 40 Jahren. Dennoch regnete es im Vergleich zum Mittel der Referenzperiode 1991 bis 2020 insgesamt 25 Prozent weniger. Wie viel Wasser tatsächlich im Boden verfügbar ist, ist regional aber sehr unterschiedlich. Am Oberrhein oder entlang der Donau gibt es große Grundwasservorkommen. Dagegen ist es in Teilen von Sachsen und Nordrhein-Westfalen relativ trocken.

"Wasserreichtum ist keine Selbstverständlichkeit mehr"

In den letzten drei Jahren war es in Deutschland insgesamt besonders trocken – und das verändert die Grundwasserlandschaft. "Die Grundwasserdefizite der letzten drei Jahre sind in vielen Regionen noch nicht ausgeglichen", sagt Dietrich Borchardt zu t-online. Der Hydrobiologe leitet den Themenbereich "Wasserressourcen und Umwelt" am Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung (UFZ). Deshalb sei die Lage derzeit noch angespannt.

Ein Blick auf eine Auflistung der sogenannten Dürremagnituden – ein Maß, um die Stärke von Dürren vergleichen zu können – zeigt eine besorgniserregende Entwicklung: Die letzten drei Jahre waren insgesamt mit die trockensten seit 1952. "Drei Dürrejahre in Folge haben gezeigt, dass Deutschlands Wasserreichtum keine Selbstverständlichkeit mehr ist", warnte deshalb auch Bundesumweltministerin Svenja Schulze.


"Nach den Klimaprognosen sind Jahre wie 2018 in 30 bis 40 Jahren Normaljahre", sagt Hydrologe Borchardt. 2018 war das bis dato wärmste Jahr seit 1881. Es war das Jahr mit den meisten Sonnenstunden seit Beginn der Messungen 1951. Infolge blieben von Februar bis November zehn Monate zu trocken, schreibt der Deutsche Wetterdienst in seiner Bilanz.

Stadt-Land-Konflikte drohen

Hamburgs Umweltsenator Jens Kerstan hat die Bevölkerung angesichts des Klimawandels und häufiger werdender Dürreperioden deshalb am Mittwoch zum Handeln aufgefordert. "Es ist schon noch notwendig, Wasser zu sparen", sagte der Grünen-Politiker. Hamburg hat dabei gleich zwei Probleme: Über die Jahre hat sich hier ein Grundwasserdefizit aufgebaut – und die Stadt wächst zu stark. "In unserer Stadt ist das größere Problem, dass wir so stark wachsen in der Bevölkerungszahl, dass die Versorgung mit Wasser ein Problem werden kann", so Kerstan.


Damit spricht Hamburgs Umweltsenator ein zentrales Problem mit großem Streitpotenzial an: einen drohenden Stadt-Land-Konflikt. "Diesen gibt es zwangsläufig, weil jede Stadt auf ihrem Gebiet nicht genug Wasser neu bilden kann, wie sie für ihre Bevölkerung und ihre Industrie braucht", erklärt der Hydrologe. Hamburg wird beispielsweise mit Wasser aus der Nordheide versorgt, Stuttgart aus dem Raum Bodensee. Was es laut Borchardt deshalb brauche, sei ein Interessensausgleich und "am Ende darf eine Stadt aus ihrem Umfeld auch nur so viel Wasser entnehmen, wie nachhaltig da ist."

Doch was, wenn das nicht reicht? In ihrer nationalen Wasserstrategie schlägt Bundesumweltministerin Svenja Schulze eine regionale Priorisierung vor. Borchardt, der im Vorfeld an dem nationalen Wasserdialog beteiligt war, nennt zwei Möglichkeiten, wie dies in der Praxis aussehen könnte: "Entweder müssen alle ihren Verbrauch gleichermaßen einschränken, oder man macht die menschliche Gesundheit zur Priorität eins und erzeugt dafür etwas weniger Strom oder verlagert Güter von der Binnenschifffahrt auf Züge."

Wasser als Wirtschaftsfaktor

Denn die Klimakrise und Trockenperioden betreffen nicht nur die privaten Haushalte, auch die Industrie ist abhängig von einer guten Wasserversorgung. "Die wirtschaftliche Entwicklung der Industrie des ganzen Ruhrgebiets wäre nicht denkbar gewesen, wenn man nicht die Talsperren im Hinterland im Sauerland gebaut hätte, das wäre am Wasser gescheitert", so Borchardt.

Wie wichtig Wasser für die Industrie ist, wurde vor allem 2018 deutlich. Die Binnenschifffahrt war nur eingeschränkt möglich, Chemiekonzern BASF, der mit seinen Anlagen in Ludwigshafen direkt am Rhein liegt, musste die Produktion drosseln. Vor allem der Energiesektor ist auf Wasser angewiesen, hier wird am meisten Wasser verbraucht (52,9 Prozent). Danach folgen Bergbau und verarbeitendes Gewerbe (24,2 Prozent), die öffentliche Wasserversorgung (21,7 Prozent) und Landwirtschaft (1,3 Prozent).

Pflanzen leiden unter Trockenstress

Die Landwirtschaft macht derzeit nur einen kleinen Teil am Wasserverbrauch aus. Das könnte sich durch anhaltende Dürreperioden allerdings ändern. Auf dem Dürremonitor des Helmholtz-Zentrums für Umweltforschung lässt sich nahezu tagesaktuell die Wasserverfügbarkeit verfolgen.

Am Montag war der Boden in der Nähe der Oberfläche (bis 25 Zentimeter) nur vereinzelt trockener als gewöhnlich. Dennoch bekommen viele Pflanzen derzeit nicht genug Wasser. Denn nicht jeder Boden speichert Wasser gleich gut. Wie viel Wasser den Pflanzen zur Verfügung steht, beschreibt die nutzbare Feldkapazität (nFK). Bei unter 50 Prozent sollte künstlich nachgegossen werden. Bei unter 30 Prozent leiden die Pflanzen unter sogenanntem Trockenstress.

 (Quelle: UFZ-Dürremonitor/ Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung.) (Quelle: UFZ-Dürremonitor/ Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung.)

Auf dem Dürremonitor ist zu sehen, dass sich derzeit von Mecklenburg-Vorpommern bis zum Saarland ein Band von Bereichen mit Trockenstress zieht. Pflanzen, die unter Trockenstress leiden, bekommen nicht nur zu wenig Wasser, sie sind auch anfälliger für Schädlinge. Dadurch kann sich auch der Borkenkäfer in Deutschlands Wäldern stark vermehren.

Ein neuer Konkurrent ums Wasser

Das Problem verstärkt sich durch die Klimakrise. "Wir sehen eine Verschiebung von regenreichen Monaten. Uns fehlt das Wasser teilweise ausgerechnet in den Vegetationsperioden März und April oder wir haben trockene Winter mit nur geringer Grundwasserneubildung", so Borchardt. Dabei werde Grundwasser in Deutschland hauptsächlich in den Wintermonaten gebildet und der Regen, der jetzt niedergeht, verdunstet entweder oder wird von den Pflanzen direkt aufgenommen, erklärt der Hydrologe.

So wird die Landwirtschaft künftig vermehrt auf Trinkwasser zurückgreifen müssen und wird zu einem neuen Wasserkonkurrenten. "Wenn die Landwirtschaft auch in Zukunft so weiter wirtschaften will, wie sie das heute tut, wird der landwirtschaftliche Wasserbedarf erheblich ansteigen. Und damit kommt regional ein neuer Wassernutzer hinzu, der bislang noch gar nicht da ist."

"Wassersensible Bürger"

Was also tun? Die nationale Wasserstrategie von Svenja Schulze will bis zum Jahr 2050 Flussufer und Moore renaturieren, damit sich Wasser dort länger hält und dann in den Boden absickern kann. Zudem soll Wasser in Zeiten, in denen viel zur Verfügung steht, günstiger werden, dafür aber teurer in Zeiten, in denen viele Menschen gleichzeitig Wasser verbrauchen. Städte sollen zudem mehr Flächen bereitstellen, in denen Wasser absickern kann. Der Entwurf muss allerdings noch in der Regierung und mit den Ländern abgestimmt werden. Zudem wird die Umsetzung der Pläne mehrere Milliarden Euro pro Jahr kosten.


Aber nicht nur die Politik ist gefragt. "Wir müssen wassersensible Bürger werden", sagt Borchardt. Damit meint er: Wir müssen stärker unseren eigenen Wasserverbrauch einschränken, weniger Reinigungsmittel nutzen, die das Wasser belasten und darauf achten, Lebensmittel mit einem hohen Wasserbedarf zu meiden.

Das alles braucht allerdings Zeit. "Die Defizite der Extremjahre abzubauen, schafft man weder in einem noch in zehn Jahren", so Borchardt, und mit Blick auf die Entwicklung der Klimakrise ist sich der Wissenschaftler sicher: "Wir müssen uns in einer extremeren Welt zurechtfinden."

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