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Zwischen Flut- und Feuerkatastrophe: Kippt das Klima in Europa?


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Kippt das Klima in Europa?

Von dpa, t-online, sje

06.08.2021Lesedauer: 3 Min.
Aufnahmen wie aus einem Katastrophenfilm: Diese Bilder zeigen, wie rund 650 Menschen mit einer Fähre vor dem Flammeninferno gerettet werden. (Quelle: t-online)
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Erst das Hochwasser in Mitteleuropa, jetzt die Brände im Süden: Europa erlebt derzeit Wetterkatastrophen wie noch nie. Nicht unschuldig daran: die Klimakrise. Und es könnte erst der Anfang sein.

Vor gut drei Wochen standen Teile Deutschlands, Belgiens und der Niederlande unter Wasser – nun erlebt Südosteuropa Hitze, Trockenheit und Brände wie wohl noch nie. Das Wetter in Europa spielt verrückt. Ist das bereits das Anzeichen, dass das Klima kippt?


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Als Kippelemente bezeichnen Klimaforscher bestimmte Prozesse, bei denen bereits leichte Veränderungen, wie ein geringer Temperaturanstieg, dazu führen können, dass Schwellenwerte überschritten werden. Das Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung (PIK) listet 16 solcher Elemente. Ist der Schwellenwert einmal erreicht, "kippt" die Entwicklung des entsprechenden Elements und kann nicht mehr aufgehalten werden.

Dem Jetstream versagt der Motor

Zwei dieser Elemente hatten in den vergangenen Wochen Einfluss auf die Wetterkatastrophen in Europa: der Jetstream und die Strömungen im Atlantischen Ozean. Denn sowohl Tief "Bernd", das den Starkregen brachte, als auch die aktuelle Hitzewelle in Südeuropa sind entstanden, weil das Wetter über Europa quasi stillstand.

Normalerweise sorgt der Jetstream dafür, dass sich Hoch- und Tiefdruckgebiete weiterbewegen. Winde in etwa zehn Kilometern Höhe schieben das Wetter auf der Nordhalbkugel weiter. Der Antrieb dafür entsteht durch den Temperaturunterschied zwischen den Tropen rund um den Äquator und der Arktis. "Der Motor wird aber schwächer, weil sich die Arktis wegen des Klimawandels stärker erwärmt als der Äquator", erklärt Hydrologe Fred Hattermann vom PIK gegenüber der Nachrichtenagentur dpa.

Wenn das Wetter stillsteht

Die Wellenbewegung, die der Jetstream eigentlich vollführt, kann dadurch stehenbleiben. Bleibt das Wetter lange an einem Fleck, führen heftige Niederschläge durch den langen Zeitraum zu Hochwasser, keine Niederschläge und hohe Temperaturen zu Hitzewellen und Dürren. So geschehen ist dies zum Beispiel auch 2018, als es gleichzeitig zu Rekordhitze und Dürre in Nordamerika und Westeuropa sowie Starkregen und Überschwemmungen in Japan und Südosteuropa gekommen war.

2021, 2018 und auch 2015, 2006 und 2003 konnten Forscher das Stillstehen des Jetstreams beobachten. Kommt dieses Problem also öfter auf uns zu? Ja, sagen die Wissenschaftler. Denn Landmassen heizen sich schneller auf als der Ozean. Dadurch könnte das Stocken der Wellen begünstigt werden. Zudem kann eine wärmere Atmosphäre mehr Wasser aufnehmen – Niederschläge gewinnen dadurch an Intensität.

Der Ozean ist zu kalt und zu salzarm

Zum Problem wird auch, dass sich Elemente wie der Jetstream nicht isoliert betrachten lassen. Forscher gehen davon aus, dass er auch beeinflusst wird vom Nordatlantik, der momentan kälter ist, als er eigentlich sein sollte – eine Folge der Schwächung eines anderen Kippelements: dem atlantischen Strömungssystem, zu dem auch der Golfstrom gehört.

Die Atlantische Umwälzströmung (AMOC) könnte ihren kritischen Kipppunkt bereits erreicht haben, warnt das PIK in einer neuen Studie. Eigentlich befördert sie warmes Wasser aus den Tropen an der nordamerikanischen Küste entlang Richtung Norden, wo sich dieses abkühlt, dadurch schwerer wird, und absinkt. In großer Tiefe fließt es dann zurück Richtung Süden. So sorgt die Strömung für mildes Klima in Westeuropa.

Doch aktuell ist die atlantische Strömung so schwach wie in den vergangenen 1.000 Jahren nicht. Das Problem: Durch stärkere Niederschläge und die schmelzenden Eiskappen in der Arktis gelangen im Nordatlantik große Mengen Süßwasser in den Ozean. Da Süßwasser leichter ist als Salzwasser, sinkt es weniger ab – die Strömung verliert ihren Motor.

Droht der Stillstand des Golfstroms?

Die Details seien noch unklar, entscheidend sei aber, "dass wir – früher und deutlicher als erwartet – klare Anzeichen für Stabilitätsverlust sehen", sagte der Autor der Studie, Niklas Boers, gegenüber der dpa. "Das heißt, das System bewegt sich hin zum kritischen Schwellenwert, und jedes Gramm CO2, das noch freigesetzt wird, erhöht die Wahrscheinlichkeit, dass die AMOC irgendwann den kritischen Wert erreicht."

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Würde die Strömung tatsächlich ihren Kipppunkt überschreiten, käme sie wohl innerhalb weniger Jahrzehnte weitgehend zum Erliegen. Das hätte weitreichende Folgen – zum Beispiel im Mittel kälteres und stürmischeres Wetter in Europa, aber durch den Zusammenhang mit dem Jetstream zum Beispiel auch häufigere Wetterkatastrophen wie in den letzten Wochen.

Kippt ein Element, könnten durch die gegenseitige Abhängigkeit der Prozesse weitere folgen. Im schlimmsten Fall entstünde eine Art Kettenreaktion der Katastrophen. Für den Menschen wäre diese bei allen Bemühungen nicht mehr aufzuhalten.

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Verwendete Quellen
  • Nachrichtenagentur dpa
  • PIK: Meeresströmung im Atlantik nähert sich möglicherweise kritischer Schwelle
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