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Massives Fischsterben in der Oder: Kommt das Gift aus der Natur?


Fischsterben: Hinweise deuten auf giftigen Organismus in der Oder

  • Theresa Crysmann
Von Theresa Crysmann, Liesa Wölm

Aktualisiert am 17.08.2022Lesedauer: 4 Min.
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Eine Algenzelle unter dem Mikroskop: Forscher vermuten eine Wasserpflanze als Ursache des Fischsterbens in der Oder.
Eine Algenzelle unter dem Mikroskop: Forscher vermuten eine Algenart als Ursache des Fischsterbens in der Oder. (Quelle: Sinhyu/ Getty)
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Der Ursprung des massiven Fischsterbens könnte in der Oder selbst liegen. Der Verdacht einer schädlichen Algenart erhärtet sich.

Der Anfang vom Ende liegt in Polen. Vor knapp drei Wochen begann das massive Fischsterben in der Oder bei Wroclaw (Breslau), inzwischen zieht sich die Spur der toten Tiere durch Brandenburg und bis vor Stettin. Dort sollen Ölsperren verhindern, dass die Kadaver ins Stettiner Haff gespült werden. Woran die Fische gestorben sind, ist weiterhin unklar. Doch nun rückt eine giftige Algenart in den Fokus.

Die Mikroalge mit dem Namen Prymnesium parvum sei im Fluss identifiziert worden, sagt der Gewässerökologe Christian Wolter vom Leibniz-Institut für Gewässerökologie und Binnenfischerei. "Die Art ist bekannt dafür, dass es gelegentlich zu Fischsterben kommt."

Christian Wolter forscht am Leibniz-Institut für Gewässerökologie und Binnenfischerei dazu, wie sich Flüsse revitalisieren lassen.
Christian Wolter forscht am Leibniz-Institut für Gewässerökologie und Binnenfischerei dazu, wie sich Flüsse revitalisieren lassen. (Quelle: IGB)

Ob die Organismen in diesem Fall Giftstoffe produziert haben, müsse allerdings noch nachgewiesen werden, betont der Forscher. Darüber hinaus müsse auch dann belegt werden, dass die Toxine für das Fischsterben verantwortlich sind.

Das Algenvorkommen in der Oder sei in jedem Fall massiv: Pro Liter enthalte das Wasser 200 Mikrogramm Pflanzenteile und mehr als 100.000 Zellen pro Milliliter. Für den Menschen sei das Toxin der Alge jedoch ungefährlich, so Wolter. t-online berichtete bereits am Dienstag über den Verdacht, dass das Fischsterben auf eine massive Algenblüte zurückgehen könnte.

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Hinweise passen zusammen

So hätten Fischer laut Christian Wolter von einer Wasserverfärbung gesprochen, die für eine Algenplage typisch sei. Auch bei den offiziellen Analysen im Labor hatten sich die Beweise schon Anfang der Woche erhärtet: Der sogenannte "Chlorophyll-a-Gehalt" des Oder-Wassers sei auffällig stark angestiegen, als die toxische Welle kam, sagt Wolter. Ein deutliches Algenindiz.

Passend dazu sei auch der Sauerstoffgehalt des Wassers in die Höhe gegangen – eine Folge der Fotosynthese von Unterwasserpflanzen. Und nicht nur von harmlosen.

Eine Bachstelze läuft mit Beute über einen Algenteppich: Eine solche Algenblüte kann für Wasserlebewesen gefährlich werden.
Eine Bachstelze läuft mit Beute über einen Algenteppich: Eine solche Algenblüte kann für Wasserlebewesen gefährlich werden. (Quelle: IMAGO/imageBROKER/Wilfried Martin)

Rund 250 der insgesamt 5.000 bekannten Algenarten produzieren Toxine und geben sie in ihre Umwelt ab – eine tödliche Gefahr für Fische, Krustentiere und andere Wasserlebewesen. Welche Giftstoffe entstehen, hängt von der jeweiligen Algenart ab.

Während der Algenblüte vermehren sich beispielsweise sogenannte Cyanobakterien sehr stark. Sie produzieren ein Nervengift, das sich in Fischen und Muscheln ansammelt und bei Verzehr auch dem Menschen gefährlich werden kann. Der Einzeller Alexandrium catenella, der ebenfalls in großen Algenteppichen gedeiht, scheidet ein noch schädlicheres Neurotoxin aus: Sein Saxitoxin ist 1.000-mal giftiger als der chemische Kampfstoff Sarin und hat es mit dieser Eigenschaft sogar ins Deutsche Kampfmittelkontrollgesetz geschafft.

Normalerweise kein Problem in Fließgewässern

Dass solche Giftstoffe in Flüssen entstünden, sei ungewöhnlich, erklärt Gewässer-Experte Christian Wolter. Normalerweise seien Algentoxine eher in stehendem Wasser und bei hohen Temperaturen ein Problem – beide Faktoren begünstigen die Ausbreitung der Algenblüte.

Die nun in der Oder nachgewiesene Algenart Prymnesium parvum lebe eigentlich im Brackwasser, so Wolter. Das entsteht typischerweise an Flussmündungen, wo sich Süß- und Salzwasser vermischen. Doch in einem salzhaltigen Milieu könne sie gut wachsen, sagt der Gewässerökologe. Zudem brauche die Alge hohe pH-Werte. "Als Brackwasserart würde sie ansonsten in der Oder keine Massenentwicklung bilden."

Für den Fachmann besteht damit ein klarer Zusammenhang zwischen einer Salzeinleitung aus Industrie oder Landwirtschaft und der Algenentwicklung. Er persönlich glaube nicht an einen Unfall, sagt Wolter. Hinzu kommt eine Besonderheit an der Stelle, an der das Fischsterben zuerst beobachtet wurde.

Abendstimmung im Nationalpark Unteres Odertal: In Fließgewässern kommt es nur unter ganz bestimmten Bedingungen zur Algenblüte.
Abendstimmung im Nationalpark Unteres Odertal: In Fließgewässern kommt es nur unter ganz bestimmten Bedingungen zur Algenblüte. (Quelle: IMAGO/C. Kaiser)

Die Oder wird dort gestaut, was die Fließgeschwindigkeit verringert. Ein deutlicher Pegelanstieg von mindestens 30 Zentimetern in Eisenhüttenstadt weise darauf hin, dass von der Stauung auf polnischer Seite eine Welle flussabwärts gespült worden sei. Diese könne toxischen Stoffe aus einem Algenteppich mitgebracht habe.

Bisher wurde die Algentheorie nicht als Ursache für die Umweltkatastrophe in der Oder bestätigt. Polens Ministerpräsident Mateusz Morawiecki ging bis zuletzt davon aus, dass "riesige Mengen" Chemieabfälle verantwortlich seien. Seine Regierung hat für die Aufklärung des Fischsterbens eine Belohnung von mehr als 200.000 Euro ausgelobt. Brandenburgs Landesumweltamt hat bisher nur Quecksilber und andere Schwermetalle als Ursache ausgeschlossen.

Doch Industrie und Algen könnten gleichermaßen hinter der Verseuchung des Flusses stecken.

Industrieabwasser und niedrige Pegel

"Die großen Fließgewässer sind unsere Autobahnen für wassergebundene Abfallbeseitigung in Richtung Meer – vor allem für den Abtransport gereinigten Abwassers", sagt Karsten Rinke vom Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung (UFZ). Während diese Entsorgung bei normalen Pegelständen gut funktioniert, kann das, was Fabriken ganz legal in die Flüsse pumpen, bei Niedrigwasser zu schweren Schäden in den Ökosystemen führen.

Niedrigwasser in Frankfurt an der Oder: Niedrige Pegelstände legen derzeit große Sandbänke frei.
Niedrigwasser in Frankfurt an der Oder: Niedrige Pegelstände legen derzeit große Sandbänke frei. (Quelle: IMAGO/Jochen Eckel)

Denn: Auch gereinigtes Abwasser ist nicht so sauber wie natürliches Flusswasser. Es enthält 10- bis 100-mal so viel Stickstoff, Phosphor und organische Substanzen. Sinkt der Pegel eines Flusses wegen hoher Temperaturen und langer Trockenperioden, wächst der Anteil des zugeleiteten Industriewassers stetig weiter. Damit verstärken sich toxische Effekte, erklärt Experte Rinke.

Wie zahlreiche europäische Flüsse leidet aktuell auch die Oder unter niedrigen Pegelständen. In einigen Flussabschnitten in Polen und Deutschland lagen diese zuletzt nur knapp über den historischen Tiefstwerten.

Die hohe Konzentration von Nährstoffen bei Niedrigwasser führe zu extrem hohen Algenkonzentrationen, starken Schwankungen des Sauerstoffgehaltes und des pH-Wertes, erklärt Rinke. "Bei zu geringen Sauerstoffverhältnissen oder ungünstigen pH-Verhältnissen kommt es zu Fischsterben. Wenn Fische sterben, sterben natürlich auch andere Organismen wie Muscheln und Insektenlarven." Durch die Konzentrationserhöhungen könne es auch zu Schadstoffanreicherungen in den Organismen kommen.

Ein Abwasserkanal neben der Emscher: Seit Januar ist der Fluss komplett abwasserfrei. Vielerorts laufen gereinigte Industrieabwässer aber weiter in die Flüsse.
Ein Abwasserkanal neben der Emscher: Seit Januar ist der Fluss komplett abwasserfrei. Vielerorts laufen gereinigte Industrieabwässer aber weiter in die Flüsse. (Quelle: Rupert Oberhäuser/ IMAGO)
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Wachsende Gefahr in der Klimakrise

Dieses Risiko für Fließgewässer dürfte in Zukunft zunehmen: Die fortschreitende Klimakrise lässt die Durchschnittstemperaturen weiter steigen, Dürren werden wahrscheinlicher; besonders im Sommer nimmt die Zahl aufeinanderfolgender Trockentage zu. In ganz Europa dümpelt der Wasserpegel vieler Flüsse nah an historisch niedrigen Extremwerten. Dass dies nicht nur ein massives Problem für die Binnenschifffahrt, sondern auch für Tiere und Natur in und um die Flüsse ist, wird immer deutlicher.

Noch steht nicht fest, woran in den vergangenen Tagen und Wochen Zehntausende Fische in der Oder verendet sind. Inwiefern die toxische Algenart verantwortlich sein könnte, dürfte sich in den kommenden Tagen klären.

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Verwendete Quellen
  • Mit Material der Nachrichtenagentur dpa
  • Gespräch mit Christian Wolters
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