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Proteste in Belarus: Polizei führt Frauen ab – auch eine 73-jährige Aktivistin

Frauenproteste in Belarus  

Polizei führt 73-jährige Aktivistin Baginskaja ab

19.09.2020, 19:45 Uhr | dpa

Proteste in Belarus: Polizei führt Frauen ab – auch eine 73-jährige Aktivistin. Polizisten tragen Nina Baginskaja weg: Die 73 Jahre alte Frau kämpfte schon zu Sowjetzeiten gegen das kommunistische Regime in Belarus. (Quelle: dpa)

Polizisten tragen Nina Baginskaja weg: Die 73 Jahre alte Frau kämpfte schon zu Sowjetzeiten gegen das kommunistische Regime in Belarus. (Quelle: dpa)

In Belarus sind wieder Tausende Frauen gegen Präsident Lukaschenko auf die Straßen gegangen. Dessen Schergen gingen zuletzt immer brutaler gegen die Demonstrantinnen vor.

Bei neuen Frauenprotesten in Belarus gegen Präsident Alexander Lukaschenko haben Polizisten am Samstag in Minsk hunderte Menschen festgenommen. Die Sicherheitskräfte stellten sich den Frauen in den Weg und zerrten sie in Einsatzfahrzeuge. Auch die 73 Jahre alte Nina Baginskaja, eine Veteranin der Protestbewegung und eine seit ihrem Kampf gegen die Kommunisten zu Sowjetzeiten bekannte Dissidentin, wurde in einen Transporter gezwungen.

Etwa 2.000 Frauen nahmen an dem Protestzug unter dem Titel "Glitzermarsch" teil und trugen die rot-weißen Fahnen der Protestbewegung sowie glitzernde Accessoires. "Wir vergessen nicht! Wir vergeben nicht!" und "Lukaschenko, in den Gefangenentransporter", skandierten die Demonstrantinnen am zentralen Komarowski-Markt. An mehreren Stellen standen Gefangenentransporter bereit. Autofahrer hupten den Frauen solidarisch zu.

Geschockte Gesichter in Minsk: Die vermummten Schergen des Lukaschenko-Regimes gingen zuletzt immer brutaler gegen die Demonstrantinnen vor. (Quelle: AP/dpa)Geschockte Gesichter in Minsk: Die vermummten Schergen des Lukaschenko-Regimes gingen zuletzt immer brutaler gegen die Demonstrantinnen vor. (Quelle: AP/dpa)

Vor einer Woche waren maskierte Uniformierte ohne Erkennungszeichen das erste Mal mit brutaler Gewalt gegen die Frauen vorgegangen, es gab mehr als 100 Festnahmen. Seit der Präsidentenwahl am 9. August kommt es in Belarus täglich zu Protesten. Lukaschenko hatte sich mit 80,1 Prozent der Stimmen nach 26 Jahren im Amt zum Wahlsieger erklären lassen. Der 66-Jährige strebt eine sechste Amtszeit an. Die Opposition hält dagegen Swetlana Tichanowskaja für die wahre Siegerin.

Tichanowskaja macht Anhänger*innen Mut

Die Demonstrantinnen fordern Neuwahlen ohne Lukaschenko, die Freilassung aller politischen Gefangenen und die strafrechtliche Verfolgung der Polizeigewalt. Auch in anderen Städten des Landes waren die Frauen wie an den vergangenen Samstagen aufgerufen, friedlich gegen das Lukaschenko-Regime zu demonstrieren. Das teilten die Organisatorinnen von Girl Power Belarus in ihrem Nachrichtenkanal bei Telegram mit.

Tichanowskaja lobte aus ihrem Exil in der EU den Mut der Frauen. "Sie gehen, obwohl ihnen ständig Angst gemacht und Druck auf sie ausgeübt wird", teilte die 38-Jährige mit. Zugleich warf sie dem Regime einen neuen Tiefpunkt vor, in dem es nun auch Kinder instrumentalisiere. Die Behörden hatten den sechsjährigen Sohn der Minsker Aktivistin Jelena Lasartschik am Freitag in ein Heim gesteckt.

Polens Regierungschef: Kinder als "politische Geiseln"

Hunderte Menschen forderten am Samstag vor der Einrichtung, den Eltern ihren Sohn zurückzugeben. Lasartschik verließ mit dem Kind am Vormittag das Heim – unter "Hurra"-Rufen und Applaus der Menge. Der Fall war auch Thema bei dem Frauen-Protest am Samstag.

Schockiert reagierte der polnische Regierungschef Mateusz Morawiecki. Wieder nutze die Führung des Landes Kinder als "politische Geiseln". Die Praxis ist bekannt aus kommunistischen Zeiten der Sowjetunion, als versucht wurde, den politischen Willen von Frauen auf diese Weise zu brechen. "Diese Barbarei muss aufhören", schrieb der polnische Politiker auf Twitter.

Auch Tichanowskajas Kinder waren bedroht worden

Im Wahlkampf hatte auch Tichanowskaja berichtet, dass ihr gedroht worden sei, ihre Kinder zu verlieren. Sie hatte Sohn und Tochter daraufhin in das benachbarte EU-Nachbarland Litauen bringen lassen. Auch ihre Mitstreiterin Viktoria Zepkalo hatte ihre Kinder auf diese Weise vor dem Zugriff der Behörden geschützt.

"Sie versuchen, uns vor die Wahl zu stellen: entweder den eigenen Kindern treu zu sein oder dem Land", schrieb Tichanowskaja in einer Mitteilung. Aber solche Absichten liefen ins Leere, weil die Entschlossenheit der Frauen unterschätzt werde. "Es gibt nichts Stärkeres als eine Mutter, die um die Zukunft ihres Kindes, ihrer Familie und ihres Landes kämpft."

Tichanowskaja hatte so ihre Kandidatur bei der Präsidentenwahl begründet: Sie wolle bis zum Schluss für ein Leben in Freiheit für ihre Kinder in Belarus kämpfen.

Verwendete Quellen:
  • Nachrichtenagentur dpa

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