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Ex-NPD-Mann und Neonazi berichtet: Ausstieg "war wie ein kalter Entzug"

Ex-NPD-Mann über seinen Ausstieg  

"Es war wie ein kalter Entzug"

13.06.2020, 17:01 Uhr
"Frag mich" mit Ex-Neonazi: "Ich bin eigentlich ein Looser"

Maik Scheffler hat Menschen aufgrund ihrer Herkunft ausgegrenzt, rechtsextremes Gedankengut verbreitet und die NPD in Sachsen angeführt. Vor vier Jahren stieg er aus der Szene aus – und stellte sich nun den Fragen der t-online.de-Leser. (Quelle: t-online.de)

"Ich habe mein Leben verkorkst": Was ein ehemaliger Neonazi über seine Vergangenheit, Straftaten und sein neues Leben denkt, erzählte Maik Scheffler bereits für das Video-Format "Frag mich" bei t-online.de. (Quelle: t-online.de)


Maik, 45, war Vizechef der NPD Sachsens. Er stieg aus, lernte Geflüchtete kennen. Nur die Tattoos blieben. Hier schreibt er, wie er seinen Weg aus der rechtsextremen Szene fand.

Dieser Text erschien zuerst auf chrismon.de.

Früher genoss ich die Blicke der Kameraden. "Landser" stand in Fraktur quer über meinen beiden Schultern. Ich wollte die Leistung der deutschen Soldaten während des Ersten und Zweiten Weltkriegs würdigen. Und direkt überm Herzen das Abzeichen einer Neonazi-Vereinigung. Das musste man sich verdienen: Als "Anwärter" war man die ganze Zeit mit niedrigen Diensten beschäftigt – Gläser spülen, Mitglieder rumfahren, Bier bringen. Wer sich demütigen ließ, durfte bleiben. Der Tag, an dem ich aufgenommen wurde, war der schönste meiner Zeit als Neonazi.

So einer war ich 17 Jahre lang, zuletzt auch Vizechef der sächsischen NPD. Dann schlitterte ich in eine Lebenskrise. Zuerst hatte sich meine Frau von mir getrennt. Sie wollte verhindern, dass unsere Kinder, damals vier und fünf Jahre alt, indoktriniert werden. Und ich war ausgebrannt und frustriert von meiner politischen Arbeit. 2014, als die NPD aus dem sächsischen Landtag flog, verlor ich meine Arbeit als Fraktionsmitarbeiter, 2015 dann habe ich meine Parteiämter niedergelegt.

Nach meinen Ansichten fragte zum Glück niemand

Meine Weltanschauung änderte sich erst später, durch einen Freund aus Kindertagen. Der ist komplett unpolitisch, das war der Grund, warum wir immer mal wieder ein Bier miteinander trinken gegangen sind. Er verschaffte mir einen Job in einem Bildungszentrum. Ich brauchte ja Geld, und nach meinen politischen Ansichten fragte mich zum Glück niemand – damals, im Frühling 2015.
 

 
Dort hatte ich – kein Witz – zum ersten Mal im Leben mit Ausländern zu tun. Ich hatte starke Vorbehalte: Wollen die hier nur Sozialleistungen abgreifen? Unsere Frauen schänden? Nichts davon stimmte. Es waren viele Väter darunter, die so schnell wie möglich auf eigenen Beinen stehen wollten. Zu ein paar habe ich bis heute Kontakt. Ich gab ihnen Sprachunterricht, half ihnen bei Ämtergängen. Meine Vergangenheit verschwieg ich – ich schämte mich.

Ich will mich meiner Vergangenheit stellen

Der Ausstieg selbst war wie ein kalter Entzug. Ich verlor damals auf einen Schlag mein komplettes soziales Umfeld. Das letzte sichtbare Zeichen meiner Vergangenheit waren die Tattoos. Mich störten die Blicke in der Sauna oder im Freibad. Weglasern lassen kam aber nicht infrage. Ich will die Vergangenheit nicht vergessen, sondern mich ihr stellen. Ich bin Maik, Vater, Ex-Nazi, Thaiboxer, Ausstiegshelfer, Bildungsreferent in der Jugendarbeit. Heute gebe ich Kurse über Extremismusprävention, vor allem für den Verein EXIT-Deutschland, der mich während meiner Ausstiegszeit unterstützt hat. Ich spreche mit Lehrern, Polizisten, Studenten und Schülern.

In meiner Zeit als NPD-Fraktionsmitarbeiter hatte ich eine Fortbildung zur Erwachsenenbildung gemacht, die hilft mir jetzt. Manche der Jugendlichen sind randvoll mit Ressentiments. Ich versuche, das Rebellische in ihnen anzusprechen. Ich finde Rebellion erst mal völlig legitim – es kommt nur darauf an, wogegen. Ich sag den Leuten: Ich kann das nachvollziehen, was du da machst. Erst dann komm ich mit Aufklärung.
 

 
Sie sollen verstehen, auf welchem Weg sie sind: erste Straftat, finanzielle Probleme, Eintrag ins Führungszeugnis, Schwierigkeiten bei der Berufswahl, Freunde wenden sich ab. Ich sage nicht: Lass das! Sondern: So kommst du nicht weiter. Manchmal erzähle ich dann, woher ich weiß, wovon ich rede.

Sonst machen sie dicht

Ich frage häufig: Warum? Warum sind die meisten Flüchtlinge Männer, was glaubst du? Weil sie auf unsere Frauen aus sind, heißt es dann. Dem halte ich andere Antworten entgegen: Weil die Flucht anstrengend, teuer und gefährlich ist und man dasjenige Familienmitglied mit den größten Chancen losschickt. Ich will aber niemanden mit meinen Antworten überführen, weil sie sonst dichtmachen.
 

 
Der Tätowierer und ich haben lange überlegt, wie wir die Tattoos übertätowieren. Über dem Schriftzug "Landser" prangt nun ein buntes Universum, das man durch eine zerbrochene Glasscheibe sieht: Ich bin ausgebrochen aus meinem Denken, ich sehe weiter als früher.

Meiner Ex-Frau habe ich Respekt dafür ausgesprochen, dass sie mich verlassen hat. Sie war damals viel reifer als ich. Sie hat Verantwortung für unsere Kinder übernommen. Ich habe mich entschuldigt dafür, dass ich das zu spät erkannt habe.

Protokoll: Andreas Unger

Diese Geschichte erscheint in Kooperation mit dem Magazin "chrismon". Die Zeitschrift der evangelischen Kirche liegt jeden Monat mit 1,6 Millionen Exemplaren in großen Tages- und Wochenzeitungen bei – unter anderem "Süddeutsche Zeitung", "Die Zeit", "Die Welt", "Welt kompakt", "Welt am Sonntag" (Norddeutschland), "FAZ" (Frankfurt, Rhein-Main), "Leipziger Volkszeitung" und "Dresdner Neueste Nachrichten". Die erweiterte Ausgabe "chrismon plus" ist im Abonnement sowie im Bahnhofs- und Flughafenbuchhandel erhältlich. Mehr auf: www.chrismon.de

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