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Lamya Kaddor: Überlasst die Heimat nicht den Rechten!

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Überlasst die Heimat nicht den Rechten!

Eine Kolumne von Lamya Kaddor

16.11.2018, 13:16 Uhr
Lamya Kaddor: Überlasst die Heimat nicht den Rechten!. Teilnehmer der "Unteilbar"-Demo in Berlin: Über 200.000 Demonstranten gingen für eine offene und freie Gesellschaft auf die Straße. (Quelle: imago/IPON)

Teilnehmer der "Unteilbar"-Demo in Berlin: Über 200.000 Demonstranten gingen für eine offene und freie Gesellschaft auf die Straße. (Quelle: IPON/imago)

Wer in Deutschland "Heimat" sagt, stößt bei Linken oft auf Unbehagen. Warum eigentlich? Heimat betrifft uns alle. Man darf den Begriff nicht Pegidisten, Identitären und anderen Rechtspopulisten überlassen. Parteien, die das erkennen, könnten hierzulande ein gewaltiges Potenzial an Wählerstimmen abschöpfen.

Neulich auf dem SPD Debattencamp. Die Sozialdemokraten diskutieren die Frage "Linke Heimat, neue Heimat, keine Heimat?". Der proppenvolle Saal, trotz konkurrierendem Promi-Faktor durch Griechenlands Premier Alexis Tspiras, der gleichzeitig im Nebensaal debattiert, zeigt, wie sehr das Thema die Menschen umtreibt. Als Gastrednerin geladen, sitze ich auf dem Podium. Eine Frau, etwa Mitte 20, meldet sich. Sie kritisiert, dass wir überhaupt über "Heimat" diskutieren. Das sei schon immer rechtslastig und ausgrenzend gewesen. Die SPD solle vielmehr stolz darauf sein, einst "heimatlose Gesellen" genannt worden zu sein. Dafür bekommt sie kräftigen Applaus. 

Solche reflexhaften Ablehnungen im linken Politspektrum sind recht uninspiriert, lassen sich aber leicht erklären. Die meisten Applaudierenden werden von ihren Mitbürgern nicht mit Aussagen herausgefordert wie: "Du gehörst nicht hierher! Geh zurück in deine Heimat!" Heimat ist für sie eine unausgesprochene Selbstverständlichkeit. Die gut 20 Prozent der Deutschen mit einem sogenannten Migrationshintergrund haben da einen anderen Zugang zum Thema.

Kolumnen von Lamya Kaddor


Davon abgesehen sind die Überlegungen für ein neues deutsches Wir, für ein Gemeinschaftsgefühl als plurale Gesellschaft wesentlich in unserer Zeit. Sie sind der zentrale Gegenentwurf zum Rechtspopulismus oder "autoritären Nationalradikalismus", wie es der Soziologe Wilhelm Heitmeyer nennt. Parteien sollten dies alsbald erkennen. Den Grünen ist das schon gelungen. Sie eilen auch deshalb von Umfragerekord zu Umfragerekord, weil sie das Narrativ einer vielfältigen und offenen Gesellschaft mühelos tragen. 

Wie sehr diese Vorstellungen die Massen bewegen, zeigen Demos wie #Unteilbar oder #Wirsindmehr. Hunderttausende gehen für diese Ziele auf die Straße. Und das sind beileibe nicht nur Menschen mit Migrationshintergrund. Der Wunsch nach Vielfalt und Offenheit im Land treibt auch Deutschdeutsche massenhaft um. Hier geht es um Millionen von Wählern. Das reicht für weit mehr als für eine Partei. Und alle diese Menschen haben ebenfalls eine Heimat in Deutschland. 

Kosmopoliten sind in der Minderheit

Man darf den Begriff Heimat deshalb nicht den Pegidisten, Identitären und anderen rechtsradikalen Kräften überlassen. Die Vorstellung von Kosmopoliten, die sich in der ganzen Welt zuhause fühlen wollen, trifft allenfalls auf ein paar Menschen zu, die vielleicht als Diplomaten über die Kontinente reisen: heute L.A., morgen Singapur und übermorgen Amsterdam. Die meisten haben ein Bedürfnis nach Geborgenheit innerhalb eines geographischen Raums. In der Regel ist das der Ort, an dem sie aufgewachsen sind. Heimat kann für sie der mit Fichten gesäumte Bergsee sein oder der quirlige Multikultikiez. Mögen sie ihn vor lauter Nostalgie verklären, aber es ist ihr Ort. Wie kann man diese Emotionen nur rechten Gesinnungsgenossen überlassen?

"Der Mensch muss eine Heimat haben, ein Stück Erde, ein Stück Himmel, ein Stück Brot, was er liebt", wusste schon Hans Albers. Ein Ort, an dem man sich auskennt, an dem man die Schleichwege kennt. An dem man weiß, ob das Gegenüber rheinisch fröhlich oder westfälisch zurückhaltend ist. An dem man das Gefühl hat, angekommen zu sein, wenn man von einer Reise zurückkehrt. Ein Zuhause.

Auch Menschen mit Migrationshintergrund sind stolz auf ihre Heimat: Beim Grünen-Politiker Cem Özdemir erkennt man das an seiner Mundart, findet unsere Kolumnistin.  (Quelle: Alexander Pohl)Auch Menschen mit Migrationshintergrund sind stolz auf ihre Heimat: Beim Grünen-Politiker Cem Özdemir erkennt man das an seiner Mundart, findet unsere Kolumnistin. (Quelle: Alexander Pohl)

Das ist bei Menschen mit Migrationshintergrund nicht anders. Man kann das sogar beobachten. Wie stolz sind manche doch, dass sie die Mundart ihrer Heimat beherrschen. Der Politiker Cem Özdemir etwa kokettiert mit seinem Schwäbischschwätza, der Comedian Bülent Ceylan zelebriert sein Hessischbabbeln.  

Heimatbegriff gehört reingewaschen

Um sich aber den Begriff Heimat jenseits rechten Denkens aneignen zu können, muss man ihn "reinwaschen". Man muss ihn entkoppeln von dem Begriff der Nation, so wie Rechtsradikale Nation verstehen, verknüpft mit der Vorstellungen einer homogenen "Volksgemeinschaft". 

Dass deutsche Heimat eine Gruppe von ethnisch Gleichen vereinen muss, ist eine irrige und ahistorische Vorstellung. Deutschland ist aus Pluralität heraus entstanden: Otto, der Große, einte vor tausend Jahren so ungleiche Stämme wie Sachsen, Franken, Bayern, Schwaben, Langobarden. Er legte den Grundstein für das Heilige Römische Reich Deutscher Nation. Später kamen Burgunden, Böhmen, Mähren und andere dazu, die sich alles andere als gleich verstanden. Noch im Revolutionsjahr 1848 war das Ringen um eine Einheit "der Deutschen" maßgeblich. 

Das heutige Unbehagen im Zusammenhang mit "Heimat" hängt vor allem an der jüngeren Geschichte. Es waren die Nazis, die das Wort als Kampfbegriff missbraucht, pervertiert und mit Blut-und-Boden-Ideologie aufgeladen haben. Doch soll man sich heute wirklich den Vorgaben der Nationalsozialisten fügen?

Heimat gibt es in der Mehrzahl

Trennen muss man sich auch von der Vorstellung, Heimat ließe sich nur eindimensional verstehen. Freilich geht einem "Heimaten" nur schwer über die Lippen. Das Wort wird im öffentlichen Diskurs kaum gebraucht. Aber es gibt Heimat tatsächlich in der Mehrzahl. Wenn die Eltern zum Beispiel eine andere Heimat haben, kann einem diese zur zweiten werden.

Für mich ist es etwas besonders, wenn ich in meinen Geburtsort Ahlen in Westfalen komme, wo ich aufgewachsen bin. Daran ändert nichts, dass Syrien, das Herkunftsland meiner Eltern, einen ebenso herausragenden Stellenwert hat. 

Während Heimat für die meisten eine Beziehung zu einem geographischen Raum, ist es für andere die Beziehung zu Menschen, die ihnen am vertrautesten sind. "Heimat ist da, wo meine Liebsten sind." Auch das geht. Heimat kann selbst vertraute Lebenswelt und zugleich soziale Zugehörigkeit sein. Es Bedarf da kein Entweder-oder.


So gesehen betrifft Heimat uns alle. Wir alle teilen die Sehnsucht nach einem Stückchen heile Welt, nach Ruhe und Geborgenheit, egal wo wir im politischen Spektrum stehen. Heimat muss somit nichts Trennendes besitzen. Im Gegenteil. Heimat, befreit von ausgrenzendem Nationalismus, kann die Macht entfalten, uns zu vereinen. Denn wer eine Heimat hat, der sorgt sich um diese Heimat. Das erzeugt gemeinschaftlichen Antrieb. Und diesen gemeinschaftlichen Antrieb können wir in polarisierten Zeiten sehr gut gebrauchen.

Lamya Kaddor ist Islamwissenschaftlerin, Religionspädagogin und Publizistin und leitetet derzeit ein Forschungsprojekt an der Universität Duisburg-Essen. Ihr neues Buch heißt "Die Sache mit der Bratwurst. Mein etwas anderes deutsches Leben" und ist bei Piper erschienen. Sie können unserer Kolumnisten auch auf Facebook oder Twitter folgen.

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