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Das Bildungssystem muss sich radikal Àndern

  • Lamya Kaddor
Von Lamya Kaddor

Aktualisiert am 05.12.2019Lesedauer: 5 Min.
Schulkinder: Die PISA-Studie hat viele Menschen in Deutschland darĂŒber verunsichert, wie leistungsfĂ€hig das deutsche Bildungssystem ist.
Schulkinder: Die PISA-Studie hat viele Menschen in Deutschland darĂŒber verunsichert, wie leistungsfĂ€hig das deutsche Bildungssystem ist. (Quelle: /getty-images-bilder)
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Nach dem schlechten Abschneiden Deutschlands bei der Pisa-Studie glauben manche: Daran sind die FlĂŒchtlinge seit 2015 schuld. Doch das Problem liegt woanders

Jeder fĂŒnfte 15-JĂ€hrige in Deutschland ist nicht in der Lage, einfache Texte zu verstehen. Das geht aus der aktuellen Pisa-Studie hervor. Schuld daran seien die vielen GeflĂŒchteten, die ab 2015 gekommen sind, ohne sie stĂŒnde Deutschland viel besser da, fantasierte jĂŒngst die "Bild"-Zeitung. Muss die Migration also wieder mal als "Mutter aller Probleme" herhalten?

Das ist nicht nur falsch, sondern verantwortungslos. Es geht nicht darum, gĂ€nzlich von der Hand zu weisen, dass der Zuzug von GeflĂŒchteten die Situation an den Schulen verkompliziert hat. Diesen Faktor jedoch in den Mittelpunkt zu rĂŒcken, ist unsachgemĂ€ĂŸ. Solche Versuche entlasten lediglich die wahren Verantwortlichen. Doch dazu spĂ€ter.

Versagen der Schulen bei ihrem Kernauftrag

Die zentralen Befunde von Pisa- und anderen Bildungsstudien sind seit Jahrzehnten bekannt: Es gelingt nicht, Chancengleichheit herzustellen. Bildungserfolg ist nach wie vor zu stark vom sozioökonomischen Status der Eltern abhĂ€ngig und Kinder mit Migrationshintergrund werden grundsĂ€tzlich stĂ€rker benachteiligt im Schulsystem. In Dauerschleife werden diese Probleme benannt, nur dagegen getan wird zu wenig. So versagen Deutschlands Schulen weiterhin bei ihrem Kernauftrag: alle Kinder zu einem jeweils optimalen Bildungsgrad zu fĂŒhren.

Das Versagen liegt jedoch weniger an inkompetenten Lehrerinnen und Lehrern, weniger an zu vielen SchĂŒlerinnen und SchĂŒlern mit Migrationshintergrund, weniger an der Frage der richtigen oder falschen Schulformen und Bildungskonzepten. Der zentrale Faktor ist gegenwĂ€rtig der Personalstand. In den Mittelpunkt der Bildungsdebatten gehört der eklatante Mangel an Lehrerinnen und Lehrern. Die besten Strategien taugen nichts, wenn sie niemand umsetzen kann.

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Konzepte und Vorstellungen aus den 80er-Jahren

Also einfach abwarten, bis wieder genĂŒgend LehrkrĂ€fte da sind? So einfach ist es leider nicht. Strukturell haben sich die Rahmenbedingungen geĂ€ndert. Deutschland muss Bildungskonzepte fĂŒr seine Einwanderungsgesellschaft etablieren. Seit Jahren wird auf die zunehmende HeterogenitĂ€t in den Klassen hingewiesen, wobei es mehr um Milieus geht und weniger um Schichten oder Ethnien. Doch an der Basis kommt das zu selten an.

JĂŒngst habe ich Rektorinnen und Rektoren von Gymnasien weitergebildet. FĂŒr mich war es erschreckend zu erleben, dass ausgerechnet einzelne von ihnen scheinbar immer noch nach Konzepten und Vorstellungen aus den 80er-Jahren handeln. Sie zeigten sich nicht willens oder nicht in der Lage, BedĂŒrfnisse von Kindern und Jugendlichen, die nicht ihren Vorstellungen von „normalen“ deutschen SchĂŒlerinnen und SchĂŒlern entsprechen, auch nur wahrzunehmen.

Das Kernproblem: Es gibt zu wenige Lehrer

LehrkrĂ€fte mĂŒssen in der Ausbildung mit neuen pĂ€dagogischen Konzepten intensiv darauf vorbereitet werden, mit Kindern unterschiedlichsten kulturellen, religiösen, sozioökonomischen, biografischen und körperlichen Voraussetzungen zu tun zu haben. Nötig wĂ€re zudem eine Ausweitung von Differenzierungskursen und eine Verstetigung dieser Angebote. Es reicht nicht aus, SchĂŒler mit Defiziten ein Jahr lang zusĂ€tzlich zu fördern und die Förderung dann auslaufen zu lassen. Es kann ebenso wenig sein, dass vor solch diversen Schulklassen nur eine Lehrkraft steht. Die Herausforderungen lassen sich nur mit sogenanntem Teamteaching – mit mindestens zwei Lehrerinnen pro Klassen – bewĂ€ltigen. Doch wie oft findet Teamteaching statt?

Genau. Viel zu selten. Damit sind wir wieder beim Kernproblem: Es gibt zu wenig Lehrer. Doch genau der Punkt ist in der Pisa-Debatte kaum zu hören. Stattdessen werden Ablenkungsmanöver gestartet: In vielen Familien mit auslĂ€ndischer Herkunft wĂŒrde kein Deutsch gesprochen, heißt es etwa. Bei mir zuhause wurde auch kein Deutsch gesprochen. LĂ€ngst zeigen Studien, zu Hause anstatt der Muttersprache gebrochenes Deutsch zu sprechen, ist nicht gerade hilfreich. Bloß: Wen interessieren wahre Fakten, wenn sich die eigene Klientel mit „alternativen Fakten“ besser umgarnen lĂ€sst?

Versagen der Schulen ist das Versagen der Politik

Der Lehrermangel kann nicht sofort behoben werden. Es fehlen schlicht die Aspiranten. Mit diesem Hinweis jedoch darf man sich nicht abspeisen lassen. Schon 2003 gab die Kultusministerkonferenz in einer Bedarfsanalyse erste Hinweise, dass alsbald LehrkrĂ€fte fehlen werden; also lange bevor „die vielen GeflĂŒchteten“ kamen. In den Folgejahren wurde die Dramatik des Problems immer wieder betont. Doch die Politik reagierte entweder gar nicht oder nur halbherzig, stets gab es fĂŒr sie Wichtigeres zu tun. So kamen statt ausreichend LehrkrĂ€fte nur zusĂ€tzliche Aufgaben wie die Inklusion an die Schulen. Das Versagen der Schulen ist das Versagen der Politik.

Bildung wird von Parteien und Regierungen trotz aller weihevollen Worten immer nur stiefmĂŒtterlich behandelt. Richtig laut wird es allenfalls dann, wenn es um die politische Macht der LĂ€nder geht wie beim Widerstand im Bundesrat gegen den "Digitalpakt Schule" vor einem Jahr oder gegenwĂ€rtig beim Scheitern des Nationalen Bildungsrats.

Investitionen in die Bildung mĂŒssen steigen

Politik darf sich beim Thema Bildung keinen schlanken Fuß machen. Bildung ist in Deutschland nicht nur eine Holschuld von SchĂŒlerinnen und SchĂŒlern beziehungsweise deren Eltern. Bildung ist auch eine Bringschuld des Staates. Wir haben schließlich Schulpflicht und unser Bildungssystem grĂŒndet auf Regelschulen, nicht auf Privat- oder Alternativschulen. Zudem sind wir besonders stolz auf die Kulturhoheit der BundeslĂ€nder. Die Politik muss folglich liefern.

Die Bildungsausgaben hierzulande lagen 2016 bei 4,8 Prozent des Bruttoinlandsprodukts und damit deutlich unter den Aufwendungen etwa in den erfolgreichen skandinavischen LĂ€ndern (ungefĂ€hr sieben bis acht Prozent des Bruttoinlandsprodukts), dabei kostet Bildung gerade dort, wo DiversitĂ€t so ausgeprĂ€gt ist wie bei uns, viel mehr Geld. Die Investitionen in die Bildung mĂŒssen steigen. Der Lehrerberuf muss durch bessere Bezahlungen und bessere ArbeitsumstĂ€nde attraktiver gemacht werden.

Löcher werden nur notdĂŒrftig gestopft

Der massive Lehrermangel dieser Tage ist ein gutes Beispiel dafĂŒr, dass bloß von Legislaturperiode zu Legislaturperiode gedacht wird. Langfristige Planungen, fĂŒr die beim nĂ€chsten Urnengang vermeintlich zu wenig Stimmen winken, werden von den Parteien gemieden. Da setzen sie lieber auf Symbolpolitik wie Deutschlandfahnen vor Schulen oder Kopftuch-Verbote, und wenn die öffentliche Aufmerksamkeit fĂŒr ein Thema gerade mal Konjunktur hat, versuchen sie rasch ein paar Löcher notdĂŒrftig zu stopfen, um ein Zeichen zu setzen.

Nachhaltig ist anders, und das gilt auch fĂŒr andere Bereiche. Ob beim Klimaschutz oder bei der Verkehrswende: Überall hinken wir hinterher. Ferner herrschen Facharbeitermangel und Pflegenotstand und weil nicht rechtzeitig gehandelt wurde, sollen es Menschen aus dem Ausland richten, ĂŒber deren Integration anschließend die Nase gerĂŒmpft wird.


Wir, die BĂŒrgerinnen und BĂŒrger sollten der Politik das nicht durchgehen zu lassen. Bildung ist das Stammkapital unserer Gesellschaft. Bildung ist fĂŒr die meisten Probleme in diesem Land zentraler Bestandteil der Lösungen. Mit der Bildung haben wir eine "dea ex machina", eine Maschinengöttin, aber die Politik weigert sich, ihr die Hauptrolle zu geben. Das ist die wahre Tragödie.

Lamya Kaddor ist Islamwissenschaftlerin, ReligionspĂ€dagogin, Publizistin und GrĂŒnderin des Liberal Islamischen Bunds e.V. (LIB). Derzeit leitet sie ein Forschungsprojekt an der UniversitĂ€t Duisburg-Essen. Ihr aktuelles Buch heißt "Die Sache mit der Bratwurst. Mein etwas anderes deutsches Leben" und ist bei Piper erschienen. Sie können unserer Kolumnistin auch auf Facebook oder Twitter folgen.

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