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Weg mit der Currywurst!

  • Lamya Kaddor
Eine Kolumne von Lamya Kaddor

Aktualisiert am 12.08.2021Lesedauer: 5 Min.
Currywurst mit Pommes: Um das Kantinenessen von VW ist eine Debatte entbrannt.
Currywurst mit Pommes: Um das Kantinenessen von VW ist eine Debatte entbrannt. (Quelle: Eibner/imago-images-bilder)
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Die Volksseele kocht: Das VW-Markenhochhaus schafft die Currywurst ab und stellt auf fleischfrei um. Gerhard Schröder muss jetzt um- und Herbert Grönemeyer seine Texte überdenken. Ein Unding?

Sie ist eine deutsche Legende, wahlweise im Ruhrgebiet, in Berlin oder in Hamburg populär gemacht – je nach Betrachtungsweise: die Currywurst. An Pommes und Soße liebevoll gefeiert als "Assi-Schale","Mantateller", "Bottroper Schlemmerplatte" oder "Kreuzberger Filet" und vielfach besungen.

"Kommste vonne Schicht wat schönret gibt et nich als wie Currywurst", dichtete einst der unvergessliche Diether Krebs für Herbert Grönemeyer. "Mein Gott, was ist denn hier los? So voll war's ja noch nie. Nur wegen Currywurst sind sie alle hier", freut sich Friedemann Weise in seinem Song "In der Kantine".

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Tja, hoffentlich hat Friedemann Weise nie einen Auftritt im Wolfsburger Markenhochhaus von Volkswagen. Denn die Kantine dort hat die Currywurst von der Speisekarte gestrichen. Nach den Ferien gibt es dort gar kein Fleisch mehr.

Schockschwerenot? I wo! Genau richtig. Weg damit! Eine super Entscheidung. Sie ist voll von Kalorien, Fett und Kohlenhydraten – die "Phosphatstange". Das Aus für die Wurst ist ein lobenswerter Schritt in jeglicher Hinsicht – auch wenn die teils selbst produzierte "Volkswagen-Currywurst" Kultstatus genießt, einen eigenen Wikipediaeintrag hat und das Deutsche Currywurst Museum in Berlin über ein eigenes Video zu ihr verfügt.

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Kein Grund zur Panik

800 Millionen Currywürste verspeisen die Deutschen pro Jahr, allein sieben Millionen kamen 2019 aus der Volkswagen-Fleischerei. Wahnsinn.
Aber ruhig Blut, selbst ein Friedemann Weise würde die Verbannung der Wurst verkraften können. Sollte er doch mal bei VW auftreten, müsste er nur ein paar Schritte weiter gehen. Dann könnte er eine weitere Volkswagen-Kantine besuchen und sich 'ne Currywurst bestellen. Wir reden hier schließlich vom weltgrößten Autobauer. Selbstverständlich gibt es dort mehr als eine Kantine. Somit können sich alle VWler, wie es der Vielfalt in diesem Land entspricht, nach wie vor aussuchen, was sie auf den Teller wollen.

Keine Auswahl zu haben, das war früher eher mein Leben. Als Kind musste ich allzu oft verzichten, wenn es in der Kantine oder beim Grillfest wieder nur Schweinefleischgerichte gab, weil die Verantwortlichen "vegetarisch" noch nicht mal schreiben konnten.

Also, ich weiß, wovon ich spreche. Kein Grund zur Panik, wenn das Markenhochhaus auf fleischfrei umstellt. Stellt euch nicht so an! Empörung, Eifer, Skandalisierung: All das ist absolut fehl am Platz. Das Abendland geht nicht unter. Niemand will uns die Currywurst wegnehmen.

Nicht aufgezwungen – sondern "state of the art"

Hin und wieder keine zu essen, bricht niemandem einen Zacken aus der Krone. Im Gegenteil. Es schafft nur Gutes. Jedem ist inzwischen klar geworden, dass weniger Fleisch zu konsumieren von A bis Z eine gute Idee ist. Viele von uns tun das längst und greifen in Kantinen oder am heimischen Herd freiwillig zur vegetarischen Alternative. Nicht zuletzt folgte der Schritt der Markenhochhaus-Kantinen ja dem Wunsch vieler Beschäftigter.

Aldi und andere Discounter wollen bald kein Billigfleisch mehr verkaufen. Die "Rügenwalder Mühle", entstanden 1834 aus einer Fleischerei und reich geworden mit Wurst & Co., stellte bereits zum 1. September 2019 die Produktion von Currywurst ein. Warum? Man brauche mehr Platz für vegetarische Produkte, erläuterte Konzernchef Bodo Röben.

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Die Einsicht, dass weniger oder gar kein Fleisch sinnvoll ist, ist also nicht aufgezwungen – sondern "state of the art". Nutztierhaltung ist vielfach nicht artgerecht. Tiertransporte sind die Hölle: Lebewesen werden nur zum Schlachten teils Tausende Kilometer über die Kontinente gequält, um anschließend als Fleisch wieder Tausende Kilometer zurückzukehren. Wenn so etwas wirtschaftlich sein kann, läuft irgendwas ganz gewaltig schief. Jeder Zweite würde vermutlich nie wieder Tiere essen, wenn man ihn zwingen würde, einen Tag im Schlachthof zu arbeiten.

"Die Currywurst steht stellvertretend für den alten, weißen Mann"

Fleischkonsum trägt zudem zur Erderwärmung bei. Zur Abholzung von Regenwäldern. Zum Artensterben. Täglicher Fleischkonsum ist zum einen aus ökotrophologischer, zum anderen aus traditioneller Sicht völlig daneben. Fragen Sie mal Menschen vom Land! Mein Schwiegeropa und dessen Vorfahren waren über Jahrhunderte Landwirte am Niederrhein. Für ihn war Fleisch etwas ganz besonders. Es kam sonntags als Sonntagsbraten auf den Tisch. Freitag gab's Fisch. Das war's.

Obwohl sie an der "Quelle" saßen und nicht mal im und nach dem Krieg große Hungersnot leiden mussten, hätten sie niemals jeden Tag Fleisch auf den Tisch gebracht. Damals war Fleisch noch ein echtes Statussymbol, ein Zeichen von Wohlstand. Heute ist es ein Ramschprodukt, teils billiger als Gemüse. Eine fürchterliche Entwicklung.

Am Ende des Tages allerdings ist die aufgeregte Currywurstdebatte doch nur wieder eine Stellvertreterdebatte. Vielen geht es gar nicht um die Wurst. Der Gesundheits- und Ernährungspsychologe Cristoph Klotter drückte es in der "Welt" so aus: "Um es überspitzt zu formulieren: Die Currywurst steht stellvertretend für den alten, weißen Mann." Ein Schelm, wer in Altkanzler Gerhard Schröders künstlicher Aufregung dieser Tage eine Bestätigung der Aussage von Professor Klotter sehen möchte.

Fleisch muss wieder "Statussymbol" werden

Vielen geht es mal wieder um den Widerstand gegen Veränderungen, die Angst vor dem Wandel. Dabei gehören Veränderungen zum Leben dazu. Das Leben selbst ist ein stetiger Wandel: vom Kind zum Jugendlichen, jungen Erwachsenen, Menschen mittleren Alters, Senioren bis hin zum Greis. Von der Raucherin zur Nichtraucherin. Schwere Krankheiten und Unfälle können das Leben eines Menschen auf den Kopf stellen; ebenso wie Katastrophen. Auch die Menschheitsgeschichte ist ein stetiger Wandel: vom Jäger und Sammler zum Bauern. Vom ruralen zum urbanen Leben. Von der Pferdekutsche zum Auto. Vom Scheibentelefon zum Smartphone. Vom industriellen zum Dienstleistungssektor. Wandel ist normal. Es braucht nur Menschen, die ihn vernünftig gestalten.

Wir haben es mit dem Fleischkonsum völlig übertrieben. Die Auswüchse der Branche gleichen Exzessen. Es bedarf Veränderungen. Keiner Verbote. Wir brauchen Auswahlmöglichkeiten für die, die Fleischkonsum komplett ablehnen, für die, die nicht ganz darauf verzichten wollen, und für die, die weiter auf Haxe, Steak und Currywurst bestehen. Hier sind die Vegetarier und Veganer unter uns eben aufgerufen, weiter argumentative Überzeugungsarbeit zu leisten.

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Bis es aber so weit ist, sollten wir zumindest zur Tradition zurückkehren: weniger Fleisch, aber dafür besseres. Auf diese Weise kann dieses Produkt wie in der guten alten Zeit wieder zu einem echten "Statussymbol" werden, das nur an besonderen Tagen gegessen wird. In diesem Sinne: Glückwunsch an alle in diesem Land, die es machen wie die Kantine im Wolfsburger Volkswagen-Hochhaus. Ihr seid auf dem richtigen Weg.

Mehr Kolumnen von Lamya Kaddor lesen Sie hier.

Lamya Kaddor ist Islamwissenschaftlerin, Religionspädagogin, Publizistin und Gründerin des Liberal-Islamischen Bunds e.V. (LIB). Derzeit leitet sie ein Forschungsprojekt an der Universität Duisburg-Essen und ist Kandidatin der Grünen für den Bundestag. Ihr aktuelles Buch heißt "Die Sache mit der Bratwurst. Mein etwas anderes deutsches Leben" und ist bei Piper erschienen.

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