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HomePolitikChristoph Schwennicke: Einspruch!

Bischofferode: Bekommt das Trauma des Ostens eine zweite Chance?


Trauma Treuhand
Hier wurde Menschen der Stolz genommen

MeinungEine Kolumne von Christoph Schwennicke

Aktualisiert am 11.04.2024Lesedauer: 5 Min.
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Bergleute der Kaligrube "Thomas Münzer" in Bischofferode treten in den Hungestreik: Die Männer protestierten 1993 gegen die Schließung des Bergwerks (Quelle: photo2000/imago-images-bilder)

Hat die Treuhand in der DDR vor 30 Jahren in Siegermentalität alles verramscht, verhökert und plattgemacht, was den Leuten lieb und teuer war? Bis heute hält sich in Ostdeutschland diese Lesart. Die jetzt späte neue Nahrung bekommt.

Es gibt Städte, deren Namen stehen emblematisch für ein großes geschichtliches Ereignis. Ein kleines Örtchen im Eichsfeld trägt so einen. In Bischofferode machten die Kalikumpel vor 30 Jahren weltweit Schlagzeilen, als ihre Grube dichtgemacht werden sollte und sie sich mit einem monatelangen Hungerstreik dagegen stemmten.

Bischofferode, das war für sie und die Region und den ganzen Osten ein Sinnbild für den verheerenden Ausverkauf der Wirtschaft der DDR durch die Treuhand. Ein Fall von Siegerjustiz. Die DDR sollte auch dort ausgelöscht werden, wo sie durchaus hätte im Kapitalismus konkurrieren können. Nichts hat den Riss nach den vielen gemeinsamen Flaschen Rotkäppchen und Goldkrone an der gefallenen Mauer vier Jahre vorher wieder so tief werden lassen. Die Abkehr vieler im Osten vom System insgesamt hat hier ihren Ursprung.

Als Reporter der "Badischen Zeitung" im fernen und lieblichen Freiburg war ich immer wieder, bestimmt drei-, viermal, zu der Zeit ins raue und herbe Bischofferode gefahren, um von dort zu berichten. Auch in den letzten Minuten der Grube in der "Bergmanns-Klause" unweit des Schachts. Das Interesse der Weltöffentlichkeit und der Politik war abgeebbt. Die Storys waren geschrieben, ein Blumentopf war da für niemanden mehr politisch oder publizistisch zu holen. Zum Countdown des Jahreswechsels 93/94 war neben mir nur noch ein Fremder angereist.

Christoph Schwennicke
(Quelle: Reinaldo Coddou H.)

Zur Person

Christoph Schwennicke ist Politikchef und Mitglied der Chefredaktion von t-online. Seit fast 30 Jahren begleitet, beobachtet und analysiert er das politische Geschehen in Berlin, zuvor in Bonn. Für die "Süddeutsche Zeitung", den "Spiegel" und das Politmagazin "Cicero", dessen Chefredakteur und Verleger er über viele Jahre war. Bei t-online schreibt er jeden Donnerstag seine Kolumne "Einspruch!"

"Es könnte vom Radeberger Bier kommen, dass seine Augen so glasig sind und so feucht", begann meine Reportage in der "Badischen Zeitung" von jenem traurigen Silvesterabend. "Lothar hat schon viele davon getrunken, aber es hat nichts geholfen; er wird nicht lustiger." Nur einen kleinen Moment lang habe er sich gefreut, als ihn der angereiste kleine Mann mit Schlips und Kragen mit Handschlag begrüßt hat. "Dem Georg" habe er einfach die Hand geben müssen. Georg hieß in Wahrheit Gregor, aber was macht das schon für einen Unterschied an so einem Abend, an dem, wie Lothar es dem Reporter vom anderen Ende Deutschlands in den Block seufzte, "an dem einem endgültig ein Teil seines Lebens genommen wird?"

Mich haben diese vierschrötigen und unter ihrer rauen Schale herzlichen Männer und Frauen damals beeindruckt. Ihr Stolz, ihre Entschlossenheit, ihre Solidarität untereinander. Das war dieses DDR-Gefühl, das mich einnahm, dieses DDR-Gefühl, das manche als vermufft, ich selbst aber schon bei den Verwandtschaftsbesuchen vor dem Mauerfall als Kind immer als heimelig und warm empfunden habe.

Geschämt habe ich mich für meine Zunft und uns Wessis, als einmal ein junger Kollege des "Spiegel" einen der seit Wochen hungernden Kumpel auf irgendeinem Treppenabsatz auf dem Schachtgelände interviewte und dabei zwischen jeder Frage in aller Ruhe in seine Bockwurst biss und seinem Gegenüber bei der nächsten den Wurstatem ins Gesicht hauchte.

Ich muss aber auch gestehen, dass ich nicht recht glaubte, was sie dort meinten, ich hielt das für eine Dolchstoßlegende, eine nachvollziehbare, aber eben doch sentimentale Verklärung der Realitäten. Die Treuhandanstalt hatte den Kali-Schacht "Thomas Münzer" in Bischofferode einem Investor aus dem Westen gegeben, der ihn dann dichtmachte und 700 Leute auf die Straße setzte. Weil es sich nicht lohnte, sagten damals die einen. Weil sie unliebsame Konkurrenz plattmachen wollten, sagten sie in Bischofferode. Ihr Kali, das reiche noch für Jahrzehnte und sei bester Qualität, beteuerten sie bis zum Schluss.

Macht der Schacht wieder auf?

Was sich nun zu bewahrheiten scheint. Der MDR berichtete dieser Tage, dass der Bergbauentwickler Südharz Kali die ungeheuren verbliebenen Kaliressourcen des Eichsfeldes erschließen möchte und sprach von einem "Millionenschatz im Ohmgebirge". Es geht dabei um Vorkommen unter dem an Bischofferode angrenzenden Ohmgebirge, das sich über die alten Schächte erschließen lassen könnte.

Hatten die Kumpel und ihre Wortführer also recht? Wurden sie als lästige Konkurrenz plattgemacht, um den Markt zu bereinigen, wie es dann immer so schönfärberisch heißt? Und hat die Treuhand treudoof oder wissentlich dieses Spiel mitgespielt? In Bischofferode und bestimmt auch anderswo? Bis von der DDR allenfalls das Ampelmännchen an den Fußgängerüberwegen übrig blieb? Und die Wirtschaft nur dort gerettet werden konnte, wo weiße Wessi-Ritter wie Lothar Späth in Jena bei Zeiss eingeritten kamen, weil es die Ossis ja doch nicht konnten?

Es gibt tatsächlich ein Treuhand-Trauma. Nichts hat das Verhältnis der Ostdeutschen zu diesem Gesamtdeutschland so nachhaltig zerrüttet wie die Arbeit der Treuhand. Birgit Breuel, deren Chefin, in ihrer maskulinen Herbheit wie gemacht als Hassfigur, gilt dort bis heute als die Totengräberin dessen, worauf die Menschen in der DDR stolz waren. Als Abwicklerin ihrer Heimat, die den Ausverkauf dessen betrieben hat, verramscht hat in ihren Augen, was ihnen ihr Leben bedeutete. Und nirgendwo kristallisiere sich das so sehr wie am Kali-Salz von Bischofferode.

An Orten wie Bischofferode wurde ihnen nicht nur die Arbeit genommen. Sondern der Stolz und das Selbstwertgefühl gleich obendrein. Viel der inneren Distanz der Ostdeutschen zu diesem Staat wurzelt in dieser Zeit, und die Anfälligkeit für die Verführer der AfD ebenso. Und in dem Kahlschlag, den die Treuhand da vorgenommen hat. Alles, was aus der DDR kam, war per se minderwertig. Dass zum Beispiel die Mopeds von Simson viel unverwüstlicher und damit besser waren als alle Westprodukte, erweist sich erst 30 Jahre später so richtig. Es sind deutlich mehr "Schwalben" als Kreidler "Florys" noch auf den Straßen zu sehen.

Nicht alles falsch gemacht. Aber manches ganz sicher.

Vermutlich haben Frau Breuel und die Treuhand nicht alles falsch gemacht, wie sie in Bischofferode seinerzeit immer gesagt haben. Aber manches eben doch. Das ging wahrscheinlich gar nicht anders, angesichts dieser gigantischen Aufgabe. Und einer Aufgabe, vor der so noch nie jemand vorher in diesem Land gestanden hatte.

Ähnlich wie bei der Pandemie, bei der es jetzt zu Recht Rufe nach einer Aufarbeitung gibt, nach einer Enquetekommission. Um zu sehen, was richtig, was aber im Lichte der Ergebnisse auch falsch gemacht wurde. Um daraus zu lernen. Aber auch und nicht zuletzt: Um diese tiefen Risse zu überwinden oder zu kitten, die Corona in diese Gesellschaft gerissen hat.

Nicht anders ist das bei Bischofferode und allem, was dazu gehört. Die Idee ist so naheliegend. Man muss es nur tun, nurmehr umsetzen, worum sich diverse Initiativen und Parteien seit Jahren bemühen: eine Enquetekommission einzusetzen zur Aufarbeitung des Tuns der Treuhand. Um zu sehen, was alles gut, und was aber auch fürchterlich schiefgelaufen ist. In dem Fall geht es weniger um Lehren. Ein nächstes Mal wird es aller Voraussicht nach im Unterschied zur Pandemie wohl nicht mehr geben. Es geht um das Seelenwohl der Ostdeutschen, ja, es geht um späte Gerechtigkeit und Anerkennung. Man muss es ja nicht gleich Wahrheitskommission nennen wie in Südafrika nach dem Ende der Apartheid. Aber in die Richtung geht es schon in der gesellschaftlichen Dimension.

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Eine Aufarbeitung eilt

Die Zeit dafür drängt, es pressiert, einige der Protagonisten von damals sind tot, aber viele leben noch. In diesem Herbst jährt sich zum 35. Mal der Mauerfall. Warum nicht zu diesem etwas krummen Jubiläum dieses nach wie vor ungeheuer schönen und weltweit einzigartigen Ereignisses eine solche Kommission einsetzen? Und in Ruhe, aber mit Akribie und Mühe aufarbeiten, was aufgearbeitet werden muss, in der Sache und gesellschaftlich.

Am besten unter Vorsitz einer Person, die aus dem Osten kommt und doch auch damals schon aus Bonn nach Bischofferode angereist kam. Um den Kumpeln kurz vor Mitternacht Genugtuung zu geben mit dem Hinweis, dass in Bonn allein dieser Ortsname "hysterische Anfälle" auslöst. Der Mann, den Kali-Kumpel Lothar als "Georg" begrüßt hat, obwohl er Gregor heißt. Und mit Nachnamen Gysi.

Verwendete Quellen
  • Eigene Überlegungen und eigene Reportagen
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