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Coronavirus: Gewalt gegen Frauen – ein Codewort soll helfen

Häusliche Gewalt  

Wie ein Codewort Frauen in der Corona-Krise helfen soll

Von Marianne Max

08.09.2020, 16:41 Uhr
Coronavirus: Gewalt gegen Frauen – ein Codewort soll helfen. Gewalt gegen Frauen: In manchen Bundesländern haben sich die Zahlen verdoppelt. (Quelle: imago images/Lehtikuva)

Gewalt gegen Frauen: In manchen Bundesländern haben sich die Zahlen verdoppelt. (Quelle: Lehtikuva/imago images)

Eine Initiative soll helfen, Frauen vor körperlicher, emotionaler und sexualisierter Gewalt in der Corona-Krise zu schützen. Dabei müssen sie nicht einmal aussprechen, was ihnen angetan wird.

Wer in Apotheken nach "Maske 19" fragt, bekommt keinen Mund-Nasen-Schutz, aber dennoch Hilfe. Dahinter verbirgt sich ein Codewort, das Frauen immer dann nutzen können, wenn ihnen häusliche Gewalt angetan wurde. Und das scheint nötig: Eine Umfrage der Deutschen Presse-Agentur bei den zuständigen Ministerien und Behörden der Länder ergab, dass sich in einigen Bundesländern die Gewaltfälle gegen Frauen während der Corona-Pandemie mehr als verdoppelt haben.

Laut Hilfsorganisationen sind die Beratungsanfragen in der Zeit des Lockdowns im April um 20 Prozent gestiegen. Dies geht über normale Schwankungen deutlich hinaus und hat sich seitdem nicht verändert. Eine Studie der TU München zeigte, dass 7,5 Prozent der Frauen in Quarantäne Opfer von häuslicher Gewalt wurden, 5,6 Prozent, wenn der Partner in Kurzarbeit ging oder seine Arbeit verlor. 

Schon vor der Pandemie wurde laut einer Studie der Europäischen Grundrechteagentur an jedem dritten Tag eine Frau durch die Hand ihres (Ex-)Partners getötet und jede vierte Frau erfuhr im Laufe ihres Lebens körperliche oder sexualisierte Gewalt durch ihren Lebensgefährten.

"Maske 19" als Hilferuf

Eben diese Zahlen sind es, weshalb die Frauenrechtsorganisation "Zonta" die Aktion "Maske 19" ins Leben gerufen hat. Mit ihr können "sich die Betroffenen in einer Gefährdungssituation Hilfe holen, ohne sich näher erklären zu müssen", sagt Karin Lange, Sprecherin der Union deutscher Zonta-Clubs zu t-online.

Viele Betroffene schämen sich vor ihrer Familie und ihren Nachbarn – durch die Aktion haben die Frauen in Apotheken oder Arztzimmern eine erste sichere Anlaufstelle und das unmittelbare Umfeld bekommt nichts mit, wenn die Polizei vorfährt.

Seit Juni bittet die Initiative Ärzte und Apotheker um Unterstützung. Die Rückmeldungen an die Zonta-Clubs seien "ausgesprochen positiv", so Lange.

Logo einer Apotheke: Nicht alle nehmen an der Initiative teil. (Quelle: imago images/Ralph Peters)Logo einer Apotheke: Nicht alle nehmen an der Initiative teil. (Quelle: Ralph Peters/imago images)

Apotheken als erste Sicherheit

So wie in der "Plantagen-Apotheke" in Potsdam: "Die Aufgaben einer Apotheke sind weit gefasst. Letztendlich kümmern wir uns um die Gesundheit der Menschen, die zu uns kommen. Dadurch sind wir über Jahre geschult, mit Menschen umzugehen", sagt Apothekerin Antje Oesberg aus Potsdam zu t-online. Eine Kundin habe ihr die Initiative nahegelegt. Sie zeigt ihre Teilnahme an der Initiative, wie andere Apotheken auch, mit einem Poster im Schaufenster und Flyern in der Auslage.

Auch nach dem Lockdown bleibt die Gefahr

"Die sozialen und gesellschaftlichen Auswirkungen sind noch nicht vorbei", sagt die Zonta-Sprecherin. Was in den Nachrichten oft auf den hintersten Sendeplätzen lande, die Auswirkungen auf Familie, Kinder, Freundschaften, das würde uns noch lange verfolgen. Häusliche Gewalt gegen Frauen werde oftmals noch immer als Tabuthema behandelt, Tötungsdelikte als "Familientragödie" verharmlost und die Vorfälle als Einzelfälle behandelt.

Rollen-Klischees durch Corona stärker als zuvor

Eine der Hauptursachen sei die von Rollenbildern geprägte Gesellschaftsstruktur. Gerade diese sei in der Corona-Zeit wieder verstärkt worden. Frauen wurden zurück in Küche und Kinderzimmer und somit in alte Rollenbilder gedrängt. Diese Unterordnung trage nicht dazu bei, dass das "Du gehörst zu mir"-Rollenbild der Frau korrigiert werde. "Wenn auch nur eine Frau durch 'Maske 19' vor Schlimmerem bewahrt wird, sind wir schon richtig glücklich", so Lange.

Friseur in NRW: Das Pilotprojekt soll auf Friseure ausgeweitet werden. (Quelle: imago images/Ralph Lueger)Friseur in NRW: Das Pilotprojekt soll auf Friseure ausgeweitet werden. (Quelle: Ralph Lueger/imago images)

NRW startet Pilotprojekt

Das Codewort soll in Nordrhein-Westfalen nun auch auf Landesebene erprobt werden und gegebenenfalls auf weitere Anlaufstellen wie Bars und Friseure ausgeweitet werden. Zonta begrüßt das Pilotprojekt. Mit der Aktion "Maske 19" wendet sich die Frauenrechtsorganisation gezielt nur an Apotheken, Arztpraxen und Kliniken. "Wir haben uns bewusst dafür entschieden Ärzte, Apotheker und Therapeuten anzusprechen, da diese oftmals einen geschützten Rahmen bieten und ihr Berufszweig der Schweigepflicht unterliegt. Ärzte gehören oft zu den ersten, die von häuslicher Gewalt betroffene Frauen sehen und können ganz anders nachfragen", weiß die Sprecherin.

Noch immer hofft sie auf eine Unterstützung der Bundesregierung auch für "Maske 19. Dies wäre "wünschenswert und eine riesige Hilfe für die Betroffenen." Laut Zonta werde die Initiative auch nach der Corona-Pandemie bestehen bleiben. Das Codewort "Maske-19" werde "das Erbe der Corona-Zeit", so Lange.

Verwendete Quellen:
  • Informationen des Hilfetelefons "Gewalt gegen Frauen"
  • Studie der TU München: "Gewalt an Frauen und Kindern in Deutschland während der Covid-19-bedingten Ausgangsbeschränkungen" (2020)
  • www.zonta-union.de
  • Nachrichtenagentur dpa
  • Studie der Agentur der Europäischen Union für Grundrechte (FRA): „Gewalt gegen Frauen: eine EU-weite Erhebung" (2014)
  • Gespräch mit Karin Lange, Pressesprecherin der Union deutscher Zonta Clubs
  • Gespräch mit Anje Oesberg, Apothekerin
  • weitere Quellen
    weniger Quellen anzeigen

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