Schlagzeilen
AlleAlle anzeigen

Hirntoter Patient erhält Schweinenieren

Von dpa
21.01.2022Lesedauer: 4 Min.
Gut zwei Wochen nach der Transplantation eines Schweineherzens berichten US-Mediziner von der √úbertragung von Schweinenieren auf einen Menschen.
Gut zwei Wochen nach der Transplantation eines Schweineherzens berichten US-Mediziner von der √úbertragung von Schweinenieren auf einen Menschen. (Quelle: Dr. Jayme Locke/UAB News/dpa./dpa)
Facebook LogoTwitter LogoPinterest LogoWhatsApp Logo

Birmingham, Alabama (dpa) - Rund zwei Wochen nach der Transplantation eines Schweineherzens auf einen herzkranken Patienten berichten US-Mediziner von der √úbertragung von Schweinenieren auf einen Menschen.

Bei dem Eingriff ging es allerdings nicht darum, das Leben des Patienten zu retten, sondern um eine grunds√§tzliche Erprobung des Verfahrens - der Mann war zum Zeitpunkt der Transplantation bereits hirntot. F√ľr einen deutschen Experten zeigt die Studie, wie weit die Xenotransplantation, also die √úbertragung von tierischen Organen auf den Menschen, mittlerweile gekommen ist. Bis zur tats√§chlichen Anwendung m√ľssten jedoch noch einige Fragen beantwortet werden.

Die √Ąrzte der University of Alabama at Birmingham (UAB) hatten die Nieren eines genetisch ver√§nderten Schweins auf den 57-j√§hrigen, hirntoten Mann √ľbertragen, wie sie im "American Journal of Transplantation" berichten. Sie simulierten dazu so weit wie m√∂glich jeden Schritt einer herk√∂mmlichen Organspende zwischen zwei Menschen. "Mit dieser Transplantation konnten wir zeigen, dass man eine Niere von einem gentechnisch ver√§nderten Schwein in einen erwachsenen, hirntoten Menschen implantieren kann und dass sie ihre Integrit√§t beh√§lt, also normal durchblutet wird", sagte die leitende Chirurgin Jayme Locke laut einer Mitteilung.

Die Nieren nahmen ihre Arbeit auf

Tatsächlich begannen die Nieren, Urin zu produzieren, bis das Experiment nach 77 Stunden beendet wurde. Dabei beobachteten die Mediziner keine lebensbedrohliche, hyperakute Abstoßungsreaktion. So eine Reaktion kann innerhalb von Minuten nach einer Transplantation auftreten - bei Xenotransplantationen und auch bei Transplantationen von Mensch zu Mensch.

ANZEIGEN
Loading...
Loading...
Loading...
Loading...
Loading...
Loading...
Meistgelesen
Depeche Mode in Trauer: Andy Fletcher ist tot
Depeche Mode: Keyboarder Andy Fletcher, Sänger Dave Gahan und Gitarrist Martin Gore.


Um das Risiko einer solchen Absto√üungsreaktion zu mindern, hatten die Mediziner ein gentechnisch ver√§ndertes Schwein als Organspender genutzt. Zehn genetische Ver√§nderungen machten seine Nieren demnach menschen√§hnlicher: Vier betrafen Schweinegene, die deaktiviert wurden. Diese "Knock-outs" sollten vereinfacht gesagt nicht nur eine Absto√üungsreaktion verhindern, sondern auch ein zu gro√ües Wachstum der Spendernieren. Sechs weitere Ver√§nderungen betrafen menschliche Gene, die in das Tier hineingebracht wurden. Diese "Knock-Ins" sollten unter anderem dazu beitragen, Blutgerinnsel und Entz√ľndungsreaktionen zu vermeiden.

Das Experiment war nicht die erste derartige Transplantation. Ende Oktober vergangenen Jahres berichteten US-amerikanische Zeitungen dar√ľber, dass ein Team um Robert Montgomery vom N.Y.U. Langone Transplantations-Institut eine Schweineniere erfolgreich an den Blutkreislauf einer ebenfalls hirntoten Frau angeschlossen hatte, allerdings √ľber eine Beinvene au√üerhalb des K√∂rpers. Im Gegensatz dazu simulierten die Chirurgen nun einen kompletten klinischen Transplantationseingriff: von der Pr√ľfung der Organvertr√§glichkeit bis zur Entfernung der Empf√§ngernieren und deren Ersatz durch die Xenotransplantate.

Nur enges Zeitfenster f√ľr den Versuch

Die einzigen Unterschiede waren die Quelle der Spenderorgane sowie eine spezielle Behandlung, die zur Aufrechterhaltung des Stoffwechselgleichgewichts beim verstorbenen Empf√§nger erforderlich war. Dass es sich um einen hirntoten Patienten handelte, begr√ľndet auch das enge Zeitfenster des Versuchs: Nach drei Tagen begann dessen Leber zu versagen, so dass das Experiment beendet wurde.

F√ľr Konrad Fischer, Leiter des Forschungsbereichs Xenotransplantation an der Technischen Universit√§t M√ľnchen (TUM), stellt der Zustand des Organempf√§ngers eine wesentliche Schw√§che dar: "Das Experiment h√§tte einen sehr gro√üen Vorteil gebracht, wenn das Organ f√ľr einen l√§ngeren Zeitraum transplantiert worden w√§re." Dass der Patient beim Eingriff bereits f√ľnf Tage hirntot war, habe sehr schlechte Ausgangsbedingungen geschaffen. "Umso beachtlicher ist es, dass der Versuch √ľberhaupt √ľber drei Tage funktionierte", so Fischer.

Wesentliche Fragen, die sich das UAB-Team stellte, sind nach Ansicht von Fischer bereits durch Primatenversuche der vergangenen Jahre beantwortet worden. So sei beispielsweise schon belegt gewesen, dass die Organe genetisch ver√§nderter Tiere keine hyperakute Absto√üungsreaktion hervorrufen. "Der wirklich gro√üe Pluspunkt ist hingegen, dass hier jemand den ersten Schritt gemacht hat", unterstreicht Fischer. "Wir haben jahrzehntelang umfangreiche vorklinische Versuche durchgef√ľhrt, nun zeigt diese Arbeit die √úbertragbarkeit auf den Menschen und macht der Welt deutlich, wie weit wir in der Xenotransplantation schon gekommen sind." Insofern stelle die Studie einen Teil der Vorarbeit dar, die n√∂tig sei, um erste klinische Versuche an Menschen durchf√ľhren zu k√∂nnen.

Linke Niere nur schwach

Allerdings habe die linke Niere im Versuch nicht sehr gut funktioniert, so der TUM-Forscher: "Die Urinproduktion setzte erst nach eineinhalb Tagen und auch nur sehr gering ein." Obwohl die rechte Niere wie gew√ľnscht gearbeitet habe, sei der Kreatinin-Wert im Serum des Patienten fortlaufend angestiegen, was darauf schlie√üen lasse, dass beide Nieren nicht voll funktionell gewesen seien.

Zudem fanden die Mediziner nach einem Tag mikroskopisch kleine Blutgerinnsel in den transplantierten Organen, deren Ursache und Bedeutung bislang unklar ist. Sowohl der Kreatinin-Wert als auch die Thrombosen könnten laut Fischer mit dem Hirntod des Patienten zusammenhängen. "Die Transplantation voll funktionsfähiger Organe in einen Körper, der bereits runterfährt, macht eine Abschätzung schwierig", fasst er zusammen.

Um absch√§tzen zu k√∂nnen, wann eine klinische Anwendung des Verfahrens m√∂glich werden k√∂nnte, seien Studien mit nicht-hirntoten Patienten n√∂tig. Verliefen diese erfolgreich, k√∂nnten Xenotransplantationen in den kommenden Jahren Realit√§t werden - der potenzielle Bedarf w√§re immens: Weltweit herrscht ein Mangel an Spenderorganen, mit Abstand am gr√∂√üten ist er bei Nieren. Laut Bundeszentrale f√ľr gesundheitliche Aufkl√§rung (BzgA) warteten im Jahr 2020 in Deutschland 7338 Menschen auf eine Spenderniere. 1909 Nierentransplantationen wurden vorgenommen.

Facebook LogoTwitter LogoPinterest LogoWhatsApp Logo
Loading...
Loading...
Loading...
Loading...
Loading...
Loading...
Loading...
Loading...
Loading...
Loading...
Loading...
Loading...

ShoppingANZEIGEN

Loading...
Loading...
Loading...
Loading...
Loading...
Loading...
Loading...
Loading...
Loading...
Loading...
Loading...
Loading...
Neueste Artikel
Justiz & Kriminalität
Kriminalfälle




t-online - Nachrichten f√ľr Deutschland
t-online folgen
FacebookTwitterInstagram

Das Unternehmen
Ströer Digital PublishingJobs & KarrierePresseWerbenKontaktImpressumDatenschutzhinweiseDatenschutzhinweise (PUR)Jugendschutz



Telekom
Telekom Produkte & Services
KundencenterFreemailSicherheitspaketVertragsverlängerung FestnetzVertragsverlängerung MobilfunkHilfeFrag Magenta


TelekomCo2 Neutrale Website