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Besuch auf der Corona-Station in Berlin: "Wir kämpfen jeden Tag darum, den Schichtplan zu besetzen"


"Wir kämpfen jeden Tag darum, den Schichtplan zu besetzen"

Von Katharina Weiß

26.11.2022Lesedauer: 4 Min.
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Die Ärzte im Vivantes-Klinikum Spandau: Viele Personen aus der Belegschaft waren im Herbst krank.
Die Ärzte im Vivantes-Klinikum Spandau: Viele Personen aus der Belegschaft waren im Herbst krank. (Quelle: Stefanie Herbst)
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Ende 2020 arbeiteten die Angestellten im Vivantes-Klinikum Spandau wegen Corona unter Dauerbelastung. Ein Jahr später: Was hat sich seitdem verändert?

Vor wenigen Wochen herrschte im Vivantes-Klinikum in Spandau der Ausnahmezustand. Ein Großteil der Belegschaft lag fiebrig im Bett. Während die Patienten dank der Corona-Impfung deutlich weniger lebensbedrohlich erkrankten, schoss die Arbeitsbelastung für die Angestellten deutlich in die Höhe.

Dennoch sehen Marek Ronkowski, Stationsleiter und Dr. Hendrik Müller-Ide, stellvertretender ärztlicher Rettungsstellenleiter und intensivmedizinischer Notfallkoordinator, entspannter aus als beim letzten t-online-Besuch im November 2021. Damals waren die beiden unter mehreren Sicherheitslagen aus Schutzplastik verborgen.

Personal ist weiter knapp

Abgesehen von wenigen Isolationsinseln können die Angestellten mittlerweile reguläre Krankenhauskleidung tragen. "Aktuell liegt bei uns kein Corona-Patient auf der Intensivstation", bestätigt auch Müller-Ide die Beruhigung der Lage. Anfang dieser Woche lagen 20 Patienten mit einer Covid-Infektion auf anderen Stationen, an allen Standorten von Vivantes zusammen waren es 147. Um diese kümmern sich Ärzte und Pflegekräfte. Sie litten während der Pandemie unter körperlicher und emotionaler Dauerbelastung – auch weil das Personal knapp war.

Doch im Vergleich zum Vorjahr scheint sich eine Verbesserung anzukündigen. Nach mehreren Streiks hatte Vivantes einen Tarifvertrag unterzeichnet. Der wichtigste Punkt darin: Eine bessere Besetzung der meisten Stationen, die über die gesetzlichen Regelungen wie die Pflegepersonaluntergrenzen-Verordnung hinausgehen. "Darin wurde auch die Versorgungsratio auf Intensivstationen festgelegt. Das Verhältnis von Pflegenden zu Patienten im Tagesdienst liegt nun bei eins zu zwei." Zuvor hatte sich eine Fachkraft um drei oder in Ausnahmefällen vier Kranke kümmern müssen.

Eine Krankenschwester in der Klinik: Mittlerweile hat sich die Situation weitestgehend beruhigt.
Eine Krankenschwester in der Klinik: Mittlerweile hat sich die Situation weitestgehend beruhigt. (Quelle: Stefanie Herbst)

"Die Mitarbeiter haben wirklich das Gefühl, dass sich die Situation verbessert hat. Wir sind guter Dinge", sagt Ronkowski hoffnungsvoll, schränkt aber ein: "Diese Vorgaben können wir aktuell aber noch nicht ganz erfüllen, weil wir das Personal nicht haben. Wir kämpfen jeden Tag darum, den Schichtplan zu besetzen." Wenn die bessere Besetzung nicht eingehalten werden kann, gibt es zum Ausgleich Freizeit.

Neben dem allgegenwärtigen Fachkräftemangel ist daran vor allem die Erkältungssaison schuld. Besonderes Kopfzerbrechen bereitet das Chefarzt Prof. Dr. Steffen Behrens: "Es gab einen Montag, an dem sich drei von vier Stationsärzten morgens krankmelden mussten. Vor drei Wochen hätten wir dieses Gespräch nicht führen können, da wären wir alle sehr angespannt gewesen", sagt er und fügt hinzu: "Phasenweise mit dem zehntägigen Ausfall von Pflegerinnen und Ärztinnen klarzukommen, bringt uns schwer an unsere Grenzen."

"Wir hatten im Herbst ganze Stationen voller Corona-Infizierter"

Ein weiteres Problem seien die nosokomialen Infektionen unter Kranken. "Das bedeutet, dass Patienten ohne Covid eingeliefert werden und sich dann hier bei Besuchern, Mitpatienten oder dem Personal anstecken, obwohl wir strenge Hygienevorgaben haben", so Behrens. "Oder aber es wird erst im Klinikum Covid bei Patienten entdeckt, die wegen etwas ganz anderem stationär behandelt werden. Wir hatten im Herbst wieder ganze Stationen voller Corona-Infizierter."

Vorbei sei die Pandemie also nicht. Für Geimpfte abseits von Risikogruppen sei das Coronavirus jedoch so gefährlich wie die Influenza. Beides schlage in dieser Saison wieder mit voller Wucht zu. "Vor zwei Jahren ist die Grippe komplett ausgefallen. Dadurch könnte es jetzt wieder zu verstärkten Erkrankungen kommen", sagt Müller-Ide, der darauf achtet, die Patienten in seiner Notaufnahme auf Covid und, bei entsprechenden Symptomen, auch auf Influenza zu testen. Das Krankenhauspersonal könne sich beim medizinischen Dienst vor Ort impfen lassen, um Arbeitsausfällen vorzubeugen.

Klinikum Vivantes Spandau: Auf den Korridoren geht es derzeit ruhiger zu.
Vivantes-Klinikum Spandau: Auf den Korridoren geht es derzeit ruhiger zu. (Quelle: Stefanie Herbst)

Doch dieses Jahr mischte sich ein ungewöhnlicher Faktor, der die medizinischen Fachkräfte überrascht, mit ins Bild: "In diesem Jahr kam die Grippe ungewöhnlich früh", stellt Chefarzt Prof. Dr. Steffen Behrens fest. "Normalerweise gehen die Zahlen erst im Januar hoch, dieses Mal startete die Welle schon Ende Oktober." Das Robert Koch-Institut hält es für möglich, dass mehr Menschen anfällig seien für die Erreger, wie es auf der Institutswebsite heißt – das bedeutet, es könne einen Nachholeffekt geben.

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Viele der Influenza-Impfungen seien jedoch routinemäßig erst für November geplant, deshalb habe das Virus in dieser Saison viele Menschen überrascht, so Behrens. Er mahnt: "Man darf nicht vergessen, wie gefährlich die echte Grippe sein kann. Vor ein paar Jahren verschuldete sie 25.000 bis 30.000 Tote." Was in jedem Fall schütze, sei das Tragen einer Maske. Alle drei Gesprächspartner geben an, weiterhin freiwillig im Supermarkt oder in vollen Innenräumen ihre Maske zu benutzen.

Probleme auch in der Ausbildung

Doch aufseiten der Ärzte treten auch verstärkt andere Probleme in den Vordergrund, die während der Pandemie nach hinten geschoben wurden: "Die Personaldecke müsste dicker sein, damit den Assistenz- und Fachärzten das Wissen und die Praxis für spezielle Verfahren und Eingriffe besser vermittelt werden könnte. Notwendig wären hierfür Ausbildungsstellen", sagt Chefarzt Behrens. Die jungen Menschen, die gerade ihre Facharztausbildung im Krankenhaus machen, müssten teilweise zwei Jahre länger darauf warten, alle Referenzen einsammeln zu können, um die Ausbildung zu beenden. Dies verzögere den gesamten Prozess.

Ein kleiner Hoffnungsschimmer sei die fruchtbare Zusammenarbeit mit international ausgebildeten Ärzten aus aller Welt, die sich dafür entscheiden, einen Arbeitsplatz in Deutschland anzunehmen.

Dennoch stünden unserem Gesundheitssystem noch viele Anstrengungen bevor. Ob wenigstens das Ansehen der Pflegeberufe durch die Pandemie gesteigert wurde, kann Marek Ronkowski nicht abschließend beurteilen. Er sehe, wie hart sein Team arbeite, aber ob das auch von der Gesellschaft wahrgenommen werde, "wird die Zeit zeigen".

Ähnliches gilt auch für die Frage, wie es um den Status der Pandemie steht: "Noch ist Corona nicht vorbei, aber es hat seinen anfänglichen Schrecken verloren. Es bleibt zu hoffen, dass zukünftig Mutationen mit schwererem Krankheitsverlauf nicht mehr auftreten", so die Einschätzung von Chefarzt Behrens.

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Verwendete Quellen
  • Besuch vor Ort
  • Gespräche im Vivantes Klinikum Spandau
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Von Nils Heidemann, Yannick von Eisenhart Rothe
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