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Charité Berlin: Corona-Aufklärung – "Obdachlose brauchen Informationen"

INTERVIEWCharité beantwortet Fragen  

Corona-Aufklärung – "Obdachlose Menschen brauchen Informationen"

11.02.2021, 17:29 Uhr
Charité Berlin: Corona-Aufklärung – "Obdachlose brauchen Informationen". Eine obdachlose Person sitzt in einem Rollstuhl: Menschen von der Straße klären andere obdachlose Personen über Corona auf. (Quelle: Charité/Supermantis)

Eine obdachlose Person sitzt in einem Rollstuhl: Menschen von der Straße klären andere obdachlose Personen über Corona auf. (Quelle: Charité/Supermantis)

Obdachlose Menschen zählen durch Vorerkrankungen oft zu den Corona-Risikogruppen. Gleichzeitig ist es schwer, sie mit den nötigen Informationen zum Virus zu versorgen, da sie digital oft ausgeschlossen werden. Ein Projekt der Charité will das ändern. t-online hat mit der Projektmitarbeiterin und Sozialarbeiterin Anabell Specht gesprochen.

Das Ziel von "Charité Covid-19-Projekt für und mit obdachlosen Menschen" ist es, Menschen sachliche Informationen zur Erkrankung und der gesundheitlichen Aufklärung zu bieten, angepasst an ihre Lebenssituation. Es wird zum Beispiel dafür geworben, sich testen zu lassen und soll mögliche Angst vor einer Testung oder Quarantäne nehmen. Im Rahmen des Projektes sind mehrere Videos entstanden, in denen obdachlose Menschen anderen Personen erklären, wie sie sich am besten schützen, aber auch wie ein Corona-Schnelltest funktioniert. Premiere feierten die Videos am 11. Februar. t-online hat im Vorfeld der Veröffentlichung mit der Projektmitarbeiterin und Sozialarbeiterin Anabell Specht gesprochen.

Frau Specht, Obdachlose verfügen oft über keine Smartphones. Warum haben Sie sich trotzdem für den digitalen Weg entschieden, um diese Gruppe zu erreichen?

Das stimmt, wir haben es mit einer großen Hürde zu tun und sind auf Multiplikatoren unter den obdachlosen Menschen angewiesen und auf Sozialeinrichtungen, die die Videos in ihren Räumlichkeiten zeigen. Die kurzen Filme in fünf verschiedenen Sprachen tragen aber auch zur Barrierefreiheit bei. Können Menschen nicht lesen, hilft ihnen ein Flyer auch nicht weiter.

Gleichzeitig wollen wir mit dem Video auch testen, wie gut wir obdachlose Menschen über einen digitalen Kommunikationsweg erreichen können. Diese Menschen werden digital oft nicht angesprochen und vergessen. Aber auch Sozialarbeiter, Politik und die Gesellschaft gehören zu unserem Publikum. Viele Menschen meinen noch, "obdachlos muss niemand sein". Die Gründe dafür sind aber vielfältig. Die Hoffnung ist auch dort, zu sensibilisieren.

War es leicht, die obdachlosen Menschen zu überzeugen, bei Ihrem Projekt mitzumachen und in den Videos aufzutreten?

Der Glaube ist ja oft, obdachlose Personen haben eh den ganzen Tag nichts zu tun. Das stimmt aber nicht. Viele haben einen Job, ob als Zeitungsverkäufer oder auf einer Baustelle. Aber auch die täglichen Fragen, wo bekomme ich etwas zu Essen her, wo kann ich mich duschen und meine Wäsche waschen, wo kann ich schlafen, sind sehr zeitaufwändig.

Viele Personen konnten aber auch nicht vor der Kamera stehen – auch weil sie teilweise in verdeckter Obdachlosigkeit leben und ihr soziales oder berufliches Umfeld nicht Bescheid weiß. Sie haben uns dann bei der Konzepterstellung beraten, die Vertonung gemacht und ihr Feedback zu den Filmen gegeben. Bezahlt wurden aber alle, die sich am Projekt beteiligt haben. Wenn sie mit uns zusammengearbeitet haben, konnten sie ja nicht ihrem eigentlichen Broterwerb nachgehen.

Wie war das Feedback der obdachlosen Projektteilnehmenden?

Durchweg positiv – wir haben aber auch viel gelernt. Einige der Personen, denen wir die Videos schon gezeigt haben, haben Bekannte wiedererkannt, mit denen sie positive Erinnerungen verknüpfen. Die obdachlosen Personen haben immer dazu gedrängt, Probleme offen anzusprechen. Die AHA+L-Regeln sind zwar gut gemeint, aber Händewaschen und Lüften ist auf der Straße schwer. Daher der Tipp im Video: Nutzt die Desinfektionsspender vor Supermärkten!

Eine Frage, die viele obdachlose Menschen umtreibt: Wenn ich mich aufgrund von Covid-19 in Isolation begeben muss, wird mir dann auch geholfen, wenn ich Alkohol oder Drogen konsumiere? Ja, Menschen, die konsumieren, werden genauso versorgt wie alle anderen auch. Personen ohne Krankenversicherung fürchten sich etwa vor hohen Kosten durch eine Quarantäne. Dem ist nicht so. Sie fragen sich aber auch, ob sie ihr Hab und Gut mit in die Isolation nehmen dürfen, oder ob sie es nach der Quarantäne wiederbekommen.

Wie ist denn das Gefühl bei den obdachlosen Menschen, mit denen Sie gearbeitet haben, in Hinblick auf eine mögliche Quarantäne aufgrund einer Covid-19-Erkrankung oder eines positiven Corona-Test?

Unterschiedlich. Es gibt die Personen, denen es nicht leichtfällt sich in Isolation zu begeben. Die oft auch keine Übernachtungsmöglichkeiten aufsuchen. Es gibt aber auch diejenigen, für die die Aussicht auf eine 14-tägige Quarantäne erholsam ist. Die müssen sich dann zwei Wochen nicht darum kümmern, etwas zu Essen zu bekommen oder einen gesicherten Schlafplatz.

Welche Informationen brauchen obdachlose Menschen in Bezug auf Covid-19 noch?

Das kommt auf den pandemischen Verlauf an. Das Projekt des Tropeninstituts der Charité ist mit diesen Videos noch nicht zu Ende. Wir stehen mit vielen Einrichtungen der Wohnungslosenhilfe und obdachlosen Menschen selbst in Kontakt. Obdachlose Menschen brauchen Informationen in ihren gesprochenen Sprachen. Die Filme gibt es auf Deutsch, Englisch, Polnisch, Rumänisch und Russisch. Der nächste Schritt ist es, die Filme mit Untertiteln zu versehen, um noch mehr Personen zu erreichen.

Neben dem Video, in dem wir den Schnelltest erklären, gibt es aber auch noch ein allgemeines, das Bezug zur Corona-Situation auf der Straße nimmt. Ein weiteres Video zum Thema Impfung ist bereits geplant.

Verwendete Quellen:
  • Telefonat mit Anabell Specht vom Charité-Projekt

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