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Corona in Berlin: So haben Künstler das letzte Jahr im Kulturlockdown erlebt

Kulturlockdown wegen Corona  

Berliner Theatermacher: "Glaube nicht, dass Deutschland das hinkriegt"

Von Kriss Rudolph

13.03.2021, 10:18 Uhr
Corona in Berlin: So haben Künstler das letzte Jahr im Kulturlockdown erlebt. Blick auf die Volksbühne Berlin (Symbolbild): Unter den Kulturschaffenden ist der Lockdown-Frust groß. (Quelle: imago images/VWPics/Archivbild)

Blick auf die Volksbühne Berlin (Symbolbild): Unter den Kulturschaffenden ist der Lockdown-Frust groß. (Quelle: VWPics/Archivbild/imago images)

Um die Verbreitung des Coronavirus einzudämmen, wurde in den Theatern, Opern und Konzerthäusern Berlins am 13. März 2020 der Spielbetrieb eingestellt. Wie haben die Künstlerinnen und Künstler das letzte Jahr überstanden?

Der Regisseur Stefan Otteni (55) hatte anfangs noch Glück. Er hatte für das erste Halbjahr 2020 ein Sabbatical geplant: viel lesen und viel Zeit in seinem Garten in Prenzlauer Berg verbringen. Sonst wäre es ihm wohl so gegangen wie dem befreundeten Kollegen, den er am 13. März 2020 um 19 Uhr anrief, um ihm Glück zu wünschen für seine Premiere um 20 Uhr. "Der Freund sagte: 'Gerade eben ist meine Premiere abgesagt worden.' Alle waren schon in Kostüm und Maske!" Die Premiere sollte diesen Januar nachgeholt werden, nun ist die Produktion ganz gestrichen.

Das aktuelle Album der Jazzsängerin Lisa Bassenge, "Mothers", sollte genau am 13. März 2020 erscheinen. "Die Tour fiel ins Wasser, und wir saßen zu Haus mit drei unbetreuten Kindern", erzählt die 47-Jährige t-online. Immerhin, im Sommer hatte sie ein paar Open-Air-Auftritte, etwa auf dem Dach der "schwangeren Auster", einer Berliner Kongresshalle.

"Keine andere Chance als die Grundsicherung"

Auch für Sarah Behrend fielen zahlreiche Konzerte aus. Ausfallgage? Gab es nur einmal. "Ich habe mich um die Soforthilfe gekümmert und sie auch bekommen", erinnert sich die Sopranistin, die unter anderem an der Volksbühne und der Neuköllner Oper aufgetreten ist. Sie hat sich dann auf Gesangsunterricht und Stimmbildung für Chöre verlegt, alles über Zoom. Viele Kolleg*innen hätten weniger Glück, sagt die 37-Jährige: "Die leiden sehr und haben keine andere Chance als die Grundsicherung. Es fehlen Perspektiven und Wertschätzung!" Kaum jemand habe noch die Energie, etwas zu entwickeln für die Zeit nach dem Lockdown.

Sopranistin Sarah Behrend: Viele Künstler treibt der Lockdown in die Grundsicherung, weiß die 37-Jährige. (Quelle: Florian Manz)Sopranistin Sarah Behrend: Viele Künstler treibt der Lockdown in die Grundsicherung, weiß die 37-Jährige. (Quelle: Florian Manz)

Der Frust ist groß. Viele Künstlerinnen und Künstler haben das Gefühl, dass die Kultur aus Sicht der Politik immer an allerletzter Stelle rangiert. "Zuerst kommen die Wirtschaft und die Baumärkte. Die haben die stärkere Lobby", sagt Otteni.

Lob für Kultursenator Lederer

Vom Senat hat er aber schnell Hilfe bekommen. "Ich kann nur ein Loblied auf Berlin singen – das Geld war binnen drei Tagen auf meinem Konto", erzählt er. Auch Bassenge ist froh über die Hilfen, die sie und ihr Mann, ebenfalls Musiker, bekommen haben. Auch wenn sie die Regeln zu bürokratisch findet. "Wenn die Rede ist von 'Betriebskostenpauschale' –  muss ich das jetzt zurückzahlen, weil ich meinen Kindern davon Essen kaufe und die Miete überweise?"

Die Sängerin lobt Kultursenator Klaus Lederer (Linke). "Der macht einen super Job. Nur seinem Einsatz ist es zu verdanken, dass wir als soloselbstständige Künstler zumindest ein wenig gesehen werden."

Jazzsängerin Lisa Bassenge: Die 47-Jährige musste wegen der Pandemie auf ihre Tour verzichten. (Quelle: Dovile Sermokas)Jazzsängerin Lisa Bassenge: Die 47-Jährige musste wegen der Pandemie auf ihre Tour verzichten. (Quelle: Dovile Sermokas)

Auch die Kultureinrichtungen leiden. Im Kreuzberger BKA-Theater hat man früh reagiert und streamt das Programm live. "Ich bin happy, weil unsere Künstler und Künstlerinnen und das Publikum die Streams sehr gut annehmen und wir damit die Fahne hochhalten können", sagt Uwe Berger. Der Geschäftsführer ist erleichtert, dass die Hilfsgelder fließen, selbst wenn die Töpfe unübersichtlich aufgesetzt seien. Auch wenn ihn das Chaos bei Impfstoff- und Schnelltestbeschaffung fassungslos macht: "Ich hoffe, dass wir den Theaterbetrieb möglichst bald wieder aufnehmen dürfen und halbwegs wie in Zeiten vor Corona agieren können".

"Ich glaube nicht, dass Deutschland das hinkriegt"

Otteni hat gerade in Bregenz die Händel-Oper "Jephta" geprobt. Dort, im österreichischen Bundesland Vorarlberg, wird schon länger fleißig getestet – direkt im Foyer des Theaters. "Egal ob Chor oder Regieteam – alle können sich testen lassen. Das, wovon Deutschland seit Monaten redet, ist hier Realität und es klappt ganz toll", sagt Otteni.

Mit Wiederaufnahme des Spielbetriebs können sich auch die Zuschauer kostenlos im Foyer testen lassen. Wäre das nicht nachahmenswert? "Ich glaube nicht, dass Deutschland das hinkriegt", seufzt Otteni. "Aber ich hoffe es!"

Berlin startet Pilotprojekt für Öffnung der Bühnen

Unterdessen kündigte Kultursenator Lederer am Donnerstag ein Pilotprojekt zur Öffnung der Bühnen in Berlin an. Noch im März sollen etwa die Philharmoniker, die Berliner Volksbühne und die Staatsoper Unter den Linden probeweise Zuschauer bei einzelnen Veranstaltungen empfangen dürfen. Die Gäste müssen sich dafür am Tag der Veranstaltung einem Corona-Test unterziehen und einen Mund-Nasen-Schutz tragen. 

Die Erkenntnisse der Testdurchläufe sollen dann Anfang April von allen Beteiligten gemeinsam ausgewertet und anderen Institutionen zur Verfügung gestellt werden.

Verwendete Quellen:
  • Eigene Recherche 
  • Material Nachrichtenagentur dpa

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