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"Ride of Silence": 1.000 Berliner gedenken mit Fahrraddemo Unfallopfern


"Ride of Silence"
1.000 Berliner gedenken mit Fahrraddemo Unfallopfern

Von Kriss Rudolph

20.05.2021Lesedauer: 4 Min.
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Ein Geisterrad in der Oderstraße (Archivbild): Es erinnert an das erste Verkehrsopfer des Jahres 2021 auf dem Rad.Vergrößern des Bildes
Ein Geisterrad in der Oderstraße (Archivbild): Es erinnert an das erste Verkehrsopfer des Jahres 2021 auf dem Rad. (Quelle: ADFC)

17 Radfahrer sind in Berlin im Jahr 2020 bei Verkehrsunfällen getötet worden – dreimal mehr als im Vorjahr. Hunderte Berliner haben den Opfern mit dem "Ride of Silence" gedacht – und für mehr Sicherheit demonstriert.

2003 fand der erste "Ride of Silence" statt, damals in Texas, in den USA. Seither findet die Fahrraddemo jedes Jahr am dritten Mittwoch im Mai statt, längst auch in Berlin. Am Mittwoch war es wieder so weit. Hier wurde der im Verkehr getöteten und verletzten Radfahrer gedacht.

Zwei Monate ist es her: Die 56-jährige Bettina fährt am 18. März in der Oderstraße in Neukölln Richtung Eschersheimer Straße mit dem Rad auf dem Gehweg. Früher war das ein Radweg – und irgendwie sieht er auch immer noch so aus. Ein Lkw fährt in gleicher Richtung auf der Oderstraße. Als er an der Siegfriedstraße nach rechts auf ein Gewerbegrundstück einbiegt, erfasst er die Radfahrerin und verletzt sie tödlich – sie stirbt noch am Unfallort.

Sie war das erste Verkehrsopfer des Jahres 2021 auf dem Rad. Nur vier Tage später wurde eine Radfahrerin in Weißensee getötet, ebenfalls von einem LKW, ebenfalls beim Abbiegen. Zwei weitere Geisterräder stehen seither in Berlin: Die weißen Räder erinnern an Menschen, die in der Hauptstadt auf dem Fahrrad ihr Leben verloren haben.

ADFC: Hälfte der tödlich verunglückten Radfahrer auf Lkw-Abbiegeunfälle zurückzuführen

Im vergangenen Jahr kamen laut Polizei insgesamt 17 Radler ums Leben. Dreimal mehr als im Vorjahr, da waren es sechs. Laut Allgemeinem Deutschen Fahrrad-Club (ADFC) in Berlin sind rund die Hälfte der tödlich verunglückten Radfahrer im Jahr 2020 auf Lkw-Abbiegeunfälle zurückzuführen.

Der Verein führt in der eigenen Statistik sogar noch zwei Tote mehr: Ein Fall bezieht sich auf einen Radfahrer, der am 3. August in Adlershof an der Ampel wartete, als ein Lkw von der Straße abkam und den Mann erfasste. Weil der Radfahrer an der roten Ampel stand und eben nicht fuhr, gilt er für die Polizei als Fußgänger. Beim Verband versteht man die Logik nicht. "Wenn ein Autofahrer an der Roten Ampel steht, ist er dann auch ein Fußgänger?", sagt Lisa Feitsch, die Pressesprecherin des ADFC, zu t-online.

Insgesamt gab es auf Berlins Straßen im vergangenen Jahr laut Polizeistatistik mit 126.286 Unfällen einen leichten Rückgang. Doch die Zahl derer, die tödlich verunglückten, stieg von 40 Menschen im Jahr 2019 auf 50. Darunter fallen eben auch die 19 verstorbenen Radfahrer. Mit 7.868 Unfällen sind auch die Radfahrunfälle im Jahr 2020 leicht gestiegen. Fazit des ADFC: Am gefährlichsten bleibt es für Menschen zu Fuß und auf dem Fahrrad.

"Ride of Silence" macht auf Verkehrstote aufmerksam

Am Mittwochabend fand nun der weltweite "Ride of Silence" statt. Auch in Berlin machten gut 1.000 Radfahrer, so die Schätzung des ADFC, auf die Verkehrstoten und Verletzten aufmerksam. Aufgerufen hatte der Berliner Verein zu der Fahrraddemo: Schweigend und meist in weißer Kleidung fuhren die Teilnehmer eine Route von rund 30 Kilometern, vorbei an mehreren Orten, wo Menschen ihr Leben ließen.

Die Route begann am Brandenburger Tor und führte über den Großen Stern über die Bismarckstraße: Hier starb am 23. März 2004 der neunjährige Dersu. Er fuhr mit dem Fahrrad hinter seiner Mutter auf dem Radweg. Als er die Kaiser-Friedrich-Straße bei grüner Ampel querte, wurde er von einem abbiegenden Lkw überrollt. Auch über die Oderstraße in Neukölln führte die Route, wo ein Geisterrad an die getötete Bettina erinnert. Hier fand eine Zwischenkundgebung statt inklusive Schweigeminute. Am Roten Rathaus schließlich endete die Tour gegen 21.30 Uhr.

"Lkw ohne Abbiegeassistenten – raus aus der Stadt"

Der ADFC bekräftigte am Mittwoch seine Forderung: "Lkw ohne Abbiegeassistenten – raus aus der Stadt". Das Ziel nennt der Verein "Vision Zero": die Zahl von Verkehrstoten und Schwerverletzten auf Null bringen.

Zum Abbiegeassistenten gibt es bei den teilnehmenden Radfahrern unterschiedliche Meinungen. Kathrin (38) findet ihn unverzichtbar. "Es ist nur ein Teil, aber man könnte damit Tote im Straßenverkehr reduzieren." Beim Radfahren in Berlin fühlt sie sich nicht sehr sicher. "Ich rechne immer mit den Fehlern der Autofahrer", sagt sie zu t-online.

Marlene (29) meint, der Abbiegeassistent wäre nur ein Tropfen auf dem heißen Stein. Um sich sicher zu fühlen, bräuchte es ordentliche Fahrradwegführungen, finde sie. Seit zwei Jahren fühle sie sich als Radfahrerin sehr viel unsicherer, nimmt vermehrt Aggressionen bei Autofahrern wahr. "Das fängt mit Abdrängen an, manche steigen sogar aus und drohen einem Schläge an, richtig schlimm", erzählt Marlene, die sich selbst als defensive Radlerin bezeichnet. Warum sich der Verkehr so entwickelt hat? "Die Stadt wird immer voller, die Autos immer größer, wie man an den SUVs sieht, und irgendwann ist kein Platz mehr da."

ADFC fordert stadtweites Radnetz

Daniel Pepper, Vorstandsmitglied des ADFC Berlin, fordert, Senat und Bezirke müssten die Sicherheit der Menschen im Verkehr als oberste Priorität begreifen. "Zu schweren Unfällen kommt es meistens an Kreuzungen. Es braucht endlich ein stadtweites Radnetz mit sicheren Kreuzungen." Und eben Lkw mit Abbiegeassistent, mit automatischer Kollisionserkennung und automatischem Not-Stopp, damit das tödliche Überrollen verhindert wird.

"Abbiegeunfälle sind das große Problem", erklärt Pressesprecherin Feitsch. "Sie passieren unter anderem, weil Menschen Fehler machen. Darum brauchen wir eine Technik, die vor diesen Fehlern schützt."

Verwendete Quellen
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