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"Sie sehen die Alternativmedizin sterben": Erste Ärzteschaft kündigt alle Homöopathie-Verträge


"Sie sehen die Alternativmedizin sterben"
Erste Ärzteschaft kündigt alle Homöopathie-Verträge


Aktualisiert am 25.03.2022Lesedauer: 3 Min.
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Globuli mit homöopathischem Wirkstoff (Symbolbild): Die Kassenärztliche Vereinigung Bremen argumentiert, es gebe keine Nachweise für einen Nutzen.Vergrößern des Bildes
Globuli mit homöopathischem Wirkstoff (Symbolbild): Die Kassenärztliche Vereinigung Bremen argumentiert, es gebe keine Nachweise für einen Nutzen. (Quelle: agefotostock/imago-images-bilder)

Es ist nur eine kleine Meldung der Kassenärztlichen Vereinigung Bremen, aber von ihr geht eine große Signalwirkung aus: Das Ärzteparlament hat entschieden, sämtliche Homöopathie-Verträge zu kündigen.

In einem sind sich Homöopathiegegner und -befürworter einig: Der jüngste Beschluss der Kassenärztlichen Vereinigung (KV) Bremen ist der nächste Sargnagel für die Alternativmedizin. Die KV-Vertreterversammlung hat gerade entschieden, sämtliche Selektivverträge zu kündigen, die eine Vergütung von homöopathischen Leistungen zum Gegenstand haben.

Die einen jubeln: "In Bremen ist es vorbei mit: 'zahlt die Krankenkasse'", twitterte zum Beispiel der Arzt Hans-Werner Bertelsen. Die "zuckerkugelaffine Kundschaft" werde es in Zukunft schwerer haben, freute er sich. Und: "Die Finanzierung von Schwurbelei muss politisch gestoppt werden."

Oliver Borrmann, Allgemeinmediziner und Homöopath aus Bremen, ist hingegen empört. Er spricht von Diskriminierung, von einem Flächenbrand und davon, der "Prügelknabe für alles" zu sein. "Sie sehen der Alternativmedizin gerade beim Sterben zu", bekundet er. Es gelte als schick, sich über die Homöopathie zu erheben. Wer sie verteidige, werde niedergemacht.

KV Bremen: "Keine Nachweise für konkreten Nutzen"

Konkret geht es in Bremen um drei Verträge, die mit mehreren Betriebs- und Innungskrankenkassen geschlossen worden waren und die für deren Patienten das Spektrum der bezahlten Leistungen um Homöopathie erweiterten. Sowohl die KV Bremen als auch Homöopath Borrmann sprechen von einer zwar nicht besonders großen Versichertengruppe, die betroffen sei – in Borrmanns Praxis sind es etwa 30 Patienten –, aber von einem politischen Zeichen, das von der Entscheidung ausgehe.

Es sei die Begründung der Kündigung, die ihn aufhorchen lasse, sagt Borrmann. In ihr heißt es: "Solange in der gesetzlichen Krankenversicherung nicht alle Behandlungen, deren Nutzen bereits wissenschaftlich bewiesen sind, vollständig finanziert werden können, bleiben keine Mittel für Verfahren übrig, für deren konkreten Nutzen keine Nachweise bestehen."

Die Formulierung, mit der die KV-Vorstände Bernhard Rochell und Peter Kurt Josenhans zitiert werden, klingt sperrig – aber sie enthält eine eindeutige Ansage: Die Homöopathie gilt der KV als nutzlos.

Bremen war 2019 schon einmal Vorreiter gegen Homöopathie

Zumindest gebe es keine objektiven Belege für einen Nutzen, erklärte KV-Sprecher Christoph Fox t-online. Und solange andere Leistungen budgetiert seien und den Ärzten nicht voll bezahlt würden, sehe es die Ärzteschaft als ungerechtfertigt an, dass Geld für Homöopathie fließe.

Die Bremer KV-Entscheidung steht in einer gewissen Tradition: 2019 war es die Ärztekammer Bremen, die bundesweit als erste Kammer Homöopathie aus den Weiterbildungsangeboten strich und es damit Ärzten unmöglich machte, eine offizielle Zusatzbezeichnung als Homöopath zu erlangen.

Homöopath fürchtet Kündigungswelle

Elf weitere Landesärztekammern folgten dem Beispiel, nur fünf Kammern sind diesen Schritt bisher nicht gegangen. Arzt Borrmann klagte und zog bis vor den Bundesgerichtshof – dort scheiterte er Anfang dieses Jahres endgültig.

Nun fürchtet er, dass es wieder Bremen ist, das den Anstoß für eine Welle geben könnte. Er glaubt, dass auch außerhalb Bremens weitere Homöopathie-Verträge auf dem Spiel stehen. Und dass auch Verträge mit größeren Krankenkassen in Gefahr sind: etwa diejenigen, die der Deutsche Zentralverein homöopathischer Ärzte mit der Barmer und der Techniker Krankenkasse geschlossen hat und die bundesweit für die insgesamt rund 20 Millionen Versicherten dieser beiden Kassen gelten.

Lauterbach: "Falsch, dass Kassen Homöopathie bezahlen"

Hinzu kommt: Mit Bundesgesundheitsminister Karl Lauterbach (SPD) hat die Homöopathie einen ebenso gewichtigen wie entschiedenen Gegner. Nachdem 2019 in Frankreich das Ende der Kostenübernahme für homöopathische Leistungen beschlossen worden war, twitterte er: "Im Sinne der Vernunft und der Aufklärung sowie des Patientenschutzes ist es auch in Deutschland falsch, dass Kassen aus Marketinggründen Homöopathie bezahlen."

Lauterbach bezeichnete Homöopathie als "Abkehr von der Wissenschaft" und als "Humbug". Seitdem er Bundesgesundheitsminister ist, hat er sich zwar nicht mehr so scharf zu dem Thema geäußert – aber das könnte sich ändern, glaubt Homöopath Borrmann.

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Homöopathiegegner Bertelsen hofft darauf: "17 Milliarden Defizit bei den Krankenkassen – Beitragserhöhungen stehen an", twitterte er am Donnerstag. "Ihr Auftritt, Herr Lauterbach. Bremen zeigt Ihnen, wo Einsparungen zu realisieren sind."

Die frei werdenden Gelder sollten für die Finanzierung einer "Sprechenden Medizin" verwendet werden, findet Bertelsen – das heißt: Ärzte, die sich ausführlich mit ihren Patienten befassen, ihnen aufmerksam zuhören und auf sie eingehen, sollten das entsprechend honoriert bekommen.

Verwendete Quellen
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