t-online - Nachrichten fĂŒr Deutschland
t-online - Nachrichten fĂŒr Deutschland
Such IconE-Mail IconMenĂŒ Icon



HomeRegionalFrankfurt am Main

Hausbesetzer in Frankfurt klagen Wohnungsnot an: "Hier schlafen Menschen in Autos"


Hausbesetzer beklagen Wohnungsnot
"Hier schlafen Menschen in Autos"

t-online, Von Sophie Vorgrimler

Aktualisiert am 07.12.2022Lesedauer: 4 Min.
Das besetzte Haus in der GĂŒnderroder Straße 5: Die S-Bahn-Station Galluswarte ist gegenĂŒber. Dort schlafen Menschen auf der Straße.VergrĂ¶ĂŸern des BildesDas besetzte Haus in der GĂŒnderroder Straße 5: Die S-Bahn-Station Galluswarte ist gegenĂŒber. Dort schlafen Menschen auf der Straße. (Quelle: Sophie Vorgrimler)
Auf WhatsApp teilen

Seit Samstag ist ein Wohnhaus in Frankfurt besetzt. Die Besetzer fordern eine Zwischennutzung der RĂ€ume. Doch wie lange dĂŒrfen sie bleiben?

Es ist ein skurriler Anblick, der viel ĂŒber die aktuelle Wohnungsnot in Frankfurt aussagt: Auf dem Weg zu dem Wohnhaus in der GĂŒnderroder Straße 5 im Frankfurter Stadtteil Gallus, das seit vergangenem Samstag besetzt ist, begegnet man Menschen, die in S-Bahn-Stationen auf BĂ€nken oder auf dem Boden schlafen, die in der Bahn oder an Straßenecken um Geld bitten. Und das bei Temperaturen nur knapp ĂŒber dem Gefrierpunkt.

Sie sind obdachlos – und das besetzte Haus an der Galluswarte stand, wie fĂŒnf weitere in der Straße und der Parallelstraße, in den letzten Wochen und Monaten leer. Das sollen sie noch mindestens den gesamten Winter. Dann sollen die HĂ€user mit den 59 Wohnungen abgerissen werden und dem Neubauquartier Hellerhöfe weichen.

In den letzten zehn Jahren sind in Frankfurt nach einer Untersuchung des Beratungsunternehmens Immoconcept die Mieten durchschnittlich um rund 36 Prozent gestiegen – und damit fast doppelt so stark wie die Einkommen. Der Durchschnittspreis pro Quadratmeter liegt bei 13,50 Euro. Die Angebotsmieten fĂŒr Neubauten liegen mit 15,44 Euro pro Quadratmeter sogar noch höher. Angesichts der nun auch noch hohen Inflation, den stark gestiegenen Preisen etwa fĂŒr Lebensmittel, werden die hohen Mieten zur Armutsfalle.

Empfohlener externer Inhalt
X
X

Wir benötigen Ihre Einwilligung, um den von unserer Redaktion eingebundenen X-Inhalt anzuzeigen. Sie können diesen (und damit auch alle weiteren X-Inhalte auf t-online.de) mit einem Klick anzeigen lassen und auch wieder deaktivieren.

Im besetzten Haus steht die 24-jĂ€hrige Nora. Sie gehört zum Kollektiv "FreirĂ€ume statt GlaspalĂ€ste", das sich seit dem Wochenende in dem fĂŒnfstöckigen GebĂ€ude breitgemacht hat. "Wir haben von hier aus auch schon Menschen gesehen, die in ihren Autos schlafen. Es gibt viel Wohnungslosigkeit im Viertel", sagt sie. Die Gruppe hat sich zusammengefunden, denn das Mindeste, was sie erreichen wollen, ist, dass die leerstehenden Wohnungen bis zum Abriss offiziell zwischengenutzt werden – und bedĂŒrftigen Menschen zur VerfĂŒgung stehen.

Besetzerin Nora: Viele Bewohner wurden schnell rausgeschmissen

"Bis zuletzt waren hier Sozialwohnungen und NotunterkĂŒnfte, auch fĂŒr GeflĂŒchtete", sagt Nora. "Manche Menschen haben hier zehn Jahre gewohnt." DafĂŒr hatte der Evangelische Verein fĂŒr Wohnraumhilfe Frankfurt die HĂ€user angemietet – sie sind Untermieter der KEG (Konversions-GrundstĂŒcksentwicklungsgesellschaft mbH). EigentĂŒmerin ist die "Frankfurter Allgemeine Zeitung" (FAZ). Viele Bewohner seien in den letzten Monaten "sehr schnell rausgeschmissen worden", sagt Nora. Manche hĂ€tten neue Wohnungsangebote am Stadtrand bekommen, andere wĂ€ren ans Sozialamt verwiesen worden.

An der Fassade des Hauses hĂ€ngen jetzt große Banner: "Gegen die Stadt der Reichen", "Solidarisch gegen den Mietenwahnsinn" oder "Klimaschutz statt Kapitalismus" ist darauf zu lesen. Die Fassade des GebĂ€udes ist grau und sieht zumindest sanierungsbedĂŒrftig aus. Betritt man das Wohnhaus mit Vorgarten, sind die RĂ€ume wohnlich und warm. Altbau, hohe Decken, Holzboden – es wirkt nicht wie ein abrissbedĂŒrftiges GebĂ€ude. In einem Raum im Erdgeschoss haben die Aktivisten in den letzten Tagen einen gemĂŒtlichen Versammlungsraum eingerichtet.

In den oberen Stockwerken haben rund 30 Personen ihre SchlafplĂ€tze. Am Dienstagmittag bereiten die hauptsĂ€chlich weiblichen Aktivisten zwischen 20 und 30 Jahren die RĂ€ume zur Öffnung um 14 Uhr vor: Sie fegen den Hausflur, stellen im Hof einen Pavillon auf, legen Flyer aus. Am Abend gibt es warmes Essen, zu dem auch Interessierte aus der Stadt eingeladen sind.

Im Treppenhaus und im ersten Stock wird eine Ausstellung gezeigt. Sie thematisiert das Wohnen im Gallus: die Gentrifizierung des Viertels, die Mietpreise, den Einfluss der Wohnungsbaugesellschaften und Großinvestoren. "Noch ist das Gallus ein gemischter Stadtteil und ein ehemaliges Arbeiterviertel", sagt die Besetzerin. Aber die Stadt Frankfurt bemĂŒhe sich schon seit 50 Jahren um eine Aufwertung.

"Aufwertung klingt natĂŒrlich positiv, und es ist auch schön, wenn Orte angenehmer gestaltet werden. Auch die Hellerhöfe, die eine Schule beinhalten sollen, klingen nett. Aber sie vertreiben die Menschen, die hier eigentlich gelebt haben." Bisher ist fĂŒr das Neubauprojekt zwischen der S-Bahnstation Galluswarte, der Gutenbergstraße, der Frankenallee und der Mainzer Landstraße die gesetzliche Quote von 30 Prozent gefördertem Wohnungsbau geplant, je zur HĂ€lfte Sozial- und Mittelstandswohnungen.

Bei Neubauquartier sind 177 geförderte Wohneinheiten geplant

Eine Sprecherin der "FAZ" sagt auf Anfrage von t-online, dass im neuen Wohnquartier nach aktuellem Planungsstand 506 Wohnungen entstehen sollen, davon rund 177 geförderte Wohneinheiten. Auch die Anzahl der Wohnungen soll steigen. An der Stelle des besetzten Hauses wolle die Stadt eine Grundschule bauen.

"Wir fordern, dass die Hellerhöfe statt der 30 Prozent gefördertem Wohnraum 60 Prozent Sozialwohnungen enthalten", sagt Nora. Geförderter Wohnraum ist nĂ€mlich nicht unbedingt sozial, als gefördert gilt Wohnraum auch bei ZuschĂŒssen zu Eigentumswohnungen." Die Hellerhöfe seien kein Projekt, das aus dem Stadtteil heraus entstanden ist, bemĂ€ngelt die Gruppe. "Es gab keine Zukunftswerkstatt und die BĂŒrger wurden nicht miteinbezogen."

GesprÀche zwischen Hausbesetzern und Vermieterin

Bisher werden die Besetzer im GebĂ€ude geduldet. "Seit ein paar Jahren wird bei Besetzungen normalerweise innerhalb von 24 Stunden gerĂ€umt." Auch am Samstag war die Polizei mit einem Großaufgebot im Einsatz, nahm aber nur Personalien auf. "Wir hatten Kontakt mit den EigentĂŒmern, bevor die Polizei das hatte", sagt Nora. Weil die Polizei die Vermieter nicht erreicht hatte, lag auch kein RĂ€umungsbeschluss vor.

Doch wie geht es nun weiter? Am Dienstagnachmittag kam es zu einem Treffen mit allen Beteiligten, bei dem die Aktivisten ihre Forderungen deutlich machen wollten. Nach Angaben des Kollektivs wĂŒrden die vom Abriss betroffenen GebĂ€ude noch einige Monate leer stehen.

"Durch die jetzige Besetzung steht nun eine weitere Nutzung des GebĂ€udes im Raum", heißt es in einer Mitteilung des Kollektivs. DarĂŒber solle in einem weiteren Termin verhandelt werden. Doch so lange ĂŒber die Nutzung des Hauses verhandelt werde, habe die "FAZ" und die KEG den Hausbesetzern zu gesichert, keinen Strafantrag wegen Hausfriedensbruch stellen zu wollen.

Verwendete Quellen
  • Eigene Beobachtungen
  • Eigene Recherche
  • E-Mail-Anfrage an die Presseabteilung der "FAZ"
Loading...
Loading...
Loading...
Loading...
Loading...
Loading...
Loading...
Loading...

ShoppingAnzeigen

Loading...
Loading...
Loading...
Loading...
Loading...
Loading...
Loading...
Loading...
Loading...
Loading...
Loading...
Loading...



TelekomCo2 Neutrale Website