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Frankfurt: Um diesen Wald streiten Klimaschützer seit Jahrzehnten


Für diesen Wald kämpfen Klimaschützer seit Jahrzehnten

Von Stefan Simon

17.02.2022Lesedauer: 5 Min.
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Umweltaktivist im Frankfurter Riederwald (Archivfoto): Welche Folgen hat der Protest der Waldbesetzer?
Umweltaktivist im Frankfurter Riederwald (Archivfoto): Welche Folgen hat der Protest der Waldbesetzer? (Quelle: Michael Schick/imago-images-bilder)
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Der Protest gegen eine Autobahn im Frankfurter Osten ist schon jahrzehntealt. Doch im kommenden Jahr sollen die Arbeiten tatsächlich beginnen. Junge Menschen besetzen deshalb seit Monaten einen Wald. Ein Ortsbesuch.

Mika sitzt in einem Baumhaus mitten im Fechenheimer Wald. Daneben Leon und Murmel. Ihre Gesichter sind vermummt. Die Stimmung ist bedrückt. Mika stützt ihre Arme auf den Knien ab. Ihre Augen wandern Richtung Boden. Die junge Klimaaktivistin ergreift das Wort. "Schon seit Jahrzehnten versuchen Bürgerinitiativen den Ausbau der A66 in Frankfurt zu verhindern." Viele Politikerinnen und Politiker stünden hinter ihnen, aber die Versuche der Initiativen scheiterten am Ende doch.

Mika richtet ihren Kopf auf. Ihre Augen sind durch die Vermummung kaum zu sehen. "Wir müssen für alle Wälder kämpfen. Wir müssen alles dafür tun, den Klimawandel in Schach zu halten. Die letzte Option, um den Wald zu retten, ist die Besetzung", sagt sie und wirkt dabei wütend.

Klimaaktivisten wollen Fechenheimer Wald vor der Rodung schützen

Mika, Leon und Murmel nennen seit etwa fünf Monaten den Fechenheimer Wald im Frankfurter Osten ihr Zuhause. Gut ein Dutzend Hütten sind es, die in rund 10 bis 15 Metern Höhe in den Bäumen hängen, dazwischen sind Kletterseile gespannt. Die drei wollen gemeinsam mit anderen jungen Menschen die Rodung des "Fechi", wie sie den Wald nennen, verhindern. Deshalb die Besetzung.

Eigentlich soll mit dem Ausbau der Autobahn im kommenden Jahr begonnen werden. Der geplante Riederwaldtunnel als Lückenschluss zwischen den Autobahnen 661 und 66 ist im Bundesverkehrswegeplan festgeschrieben. Die Verbindung soll den Stadtverkehr in Frankfurt und die Autobahnen südlich der Mainmetropole entlasten. Kostenpunkt: 477 Millionen Euro. Der Wald soll dafür weichen.

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Eigentlich sollte bereits in diesem Februar mit der Rodung des 2,7 Hektar großen Waldstücks begonnen werden. Doch die Rodung wurde um ein Jahr verschoben – wieder einmal ein Aufschub für die Bäume. Und mehr Zeit für die Aktivisten, sich Gehör zu verschaffen.

Von klimastreikenden Schülern zu Waldbesetzern

Ihre bürgerlichen Namen nennen Mika, Leon und Murmel nicht. Auch ihr Alter wollen sie nicht sagen. Aber sie sind jung. Leon macht bald sein Abitur und ist bei Fridays for Future in Frankfurt aktiv. Auch Mika ist dort hin und wieder mit an Bord.

Über eine Leiter erreicht man die Holzhütte. Oben angekommen, hängt ein weiterer Waldbesetzer in den Seilen. "Der geplante Ausbau der Autobahn ist illegal", sagt er. Der junge Aktivist bezieht sich auf ein vom Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND) in Auftrag gegebenes Gutachten, wonach der Bundesverkehrswegeplan 2030 gegen die Verfassung verstoße.

Laut der Umweltorganisation ist er weder mit dem Ziel der Klimaneutralität noch mit Artikel 20a des Grundgesetzes vereinbar. Dieser besagt, dass der Staat auch für den Schutz der natürlichen Lebensgrundlagen künftiger Generationen sowie der Tiere verantwortlich ist.

Die Ampelparteien SPD, Grüne und FDP wollen den Bundesverkehrswegeplan unter ökologischen Gesichtspunkten und unter Beteiligung von Umweltverbänden auf den Prüfstand stellen. So haben es die Parteien im Koalitionsvertrag beschlossen.

Der 2016 verabschiedete Bundesverkehrswegeplan listet Infrastrukturprojekte auf, die bis 2030 realisiert werden wollen, darunter den Neubau von 850 Kilometern Autobahn. Eines dieser Projekte ist der Ausbau der A66 und der Bau des Riederwaldtunnels in Frankfurt.

Waldbesetzung, um die Welt besser zu machen

Noch ist der Wald da. Und mit ihm das Camp der Waldbesetzer. Zwischen Wohnzimmer und Küche sitzt Murmel. Er hat sich bewusst dazu entschieden, fest im Wald zu wohnen. Es wirke auf ihn surreal, wenn er abends in seinem Baumhaus sitzt und auf die Stadt blickt. "In die eine Richtung siehst du Lichter der Stadt, diese Stadt aus Beton. Links die Autobahn und ich sitze mitten im Wald", resümiert Murmel.

Zwei Waldbesetzer in der Küche: Für Murmel (rechts) ist der Wald sein zu Hause geworden.
Zwei Waldbesetzer in der Küche: Für Murmel (rechts) ist der Wald sein Zuhause geworden. (Quelle: Stefan Simon/T-Online-bilder)

Für Murmel geht der Protest über die Besetzung des "Fechi" hinaus. Er redet ruhig, stets liegen seine Hände zusammengefaltet auf seinem Schoß. "Nachdem die Rodung nun um ein Jahr verschoben wurde, dachten wohl einige, dass wir den Wald verlassen. Aber so ist es nicht." Im Gegenteil: Es kamen sogar neue Aktivistinnen und Aktivisten hinzu. Murmel prognostiziert, dass es am Ende "vielleicht nicht schlimm ist, dass wir die Rodung nicht verhindern können". Es gehe um viel mehr, nämlich "diese Welt besser zu machen".

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"Wir sind hier für die Menschen, die so richtig leiden"

Während des Gesprächs in der Küche dröhnt der Lärm von den angrenzenden Straßen. Und wenn das Vogelgezwitscher sich den Weg durch den Wald bahnt, wird es vom Autolärm unterdrückt. Der Fechenheimer Wald hat schützenswerte Biotope, eine Artenvielfalt und mit dem Fechenheimer Weiher einen Rastplatz für Wasservögel.

Mika, Leon und Murmel sind jetzt in ihrem Element. Sie reden fast ohne Punkt und Komma. "Solche Bauprojekte verstoßen gegen das Pariser Klimaabkommen. Die neue Bundesregierung versagt in der Klimakrise. Wir sind ja hier für unsere Zukunft, für die Menschen im Globalen Süden, die jetzt so richtig leiden", schimpft Murmel. Dann ergänzt er: "Der 'Fechi' ist nur der Teil eines großen Kampfes."

Der Autobahnausbau wird bereits seit Jahrzehnten verschoben

Dabei ist der Protest gegen den Autobahnausbau älter als die drei jungen Menschen selbst. Einer, der schon lange mit dabei ist, heißt Willi Loose. Er gehört zum Bündnis "Unmenschliche Autobahn". Sein Widerstand gegen den Ausbau und die Rodung des Waldes begann 1979. "Damals wurde das Teilstück, das jetzt gebaut wird, schon eingeplant", erzählt er. Die Pläne dafür reichen bis zum Ende der 60er-Jahre, doch Loose und andere Kritikerinnen und Kritiker konnten den Bau immer wieder verhindern.

Der Protest geht weiter und mit ihm kam eine neue Generation an Klimaaktivistinnen und Klimaaktivisten. Das Bündnis "Unmenschliche Autobahn" hat die jungen Menschen dabei von Beginn an logistisch unterstützt.

"Politischer Dialog ist eher nicht das Ding der jungen Leute"

Auch wenn beide Gruppen das gleiche Ziel verfolgen, unterscheiden sich ihre Protestformen. "Wir suchen schon den politischen Dialog mit der Stadt. Das ist eher nicht so das Ding der jungen Leute", so Loose. Dann ergänzt er: "Wir haben uns aber auch schon auf Bäume gesetzt, die in der Folge für die Ostumgehung der A661 gerodet wurden."

Zurück im Wald. Mika und Leon verlassen die Küche, steigen die Leiter hinab und kämpfen sich über die matschigen Pfade Richtung Westen an den Rand des Waldes. Hier hängt ein weiteres Baumhaus. Es wirkt wie ein Außenposten. Auf der anderen Seite ist eine Baustelle. Hier entsteht der westliche Teil des Riederwaldtunnels. Diese Baustelle konnte nicht mehr gestoppt werden. Die Fläche liegt brach, nur Bagger säumen den Boden. Und nur ein etwa zwei Meter breiter Weg trennt den Wald von der Baustelle.

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Mika hängt in den Seilen: Die junge Aktivistin ist seit Beginn der Besetzung dabei.
Mika hängt in den Seilen: Die junge Aktivistin ist seit Beginn der Besetzung dabei. (Quelle: Stefan Simon/T-Online-bilder)

Waldbesetzer stoßen auf Unverständnis

Während Mika sich die Gurte anzieht und per Seil zum Baumhaus hochzieht, läuft ein älterer Mann an Mika und Leon vorbi. Er bleibt stehen und beschwert sich bei ihnen. Er habe zwar Verständnis für den Protest. Gleichzeitig hält er die Aktion für illegal. "Sie verspielen doch alle Sympathien", schimpft er.

Nicht alle sind den Waldbesetzerinnen und Waldbesetzern wohlgesonnen. Leon erzählt, dass erst vor einigen Tagen die Scheibe im Bauwagen eingeschlagen worden sei. "Zum Glück war der Bauwagen zu dem Zeitpunkt leer. Eine Person hatte darin geschlafen und den Wagen kurz verlassen. Als sie zurückkam, war die Scheibe zerstört", erzählt er. Auch Hakenkreuze seien schon nachts an die Bäume gesprüht worden.

Mika seilt sich unterdessen vom Baum ab. Leon raucht eine Zigarette. Den letzten Rest seines Tabaks hat er einem vorbeieilenden Schüler geschenkt. Er drückt die Zigarette auf dem Boden aus und steckt sie in seine Tasche. Dann verabschieden sich die beiden und gehen nach Hause in den Wald.

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Verwendete Quellen
  • Recherche vor Ort
  • Stadt Frankfurt: Wälder von A bis Z
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