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Häusliche Gewalt: Fälle in Niedersachsen gestiegen – Betroffene berichten


Häusliche Gewalt
"Es verging nicht ein Monat, ohne dass ich geschlagen wurde"

Von t-online, cch

07.06.2024Lesedauer: 3 Min.
Eine Frau sitzt am Boden, ein Mann ballt seine Faust (Symbolbild): Das Landeskriminalamt startet eine Kampagne gegen Gewalt in Partnerschaften.Vergrößern des BildesEine Frau sitzt am Boden, ein Mann ballt seine Faust (Symbolbild): Das Landeskriminalamt startet eine Kampagne gegen Gewalt in Partnerschaften. (Quelle: Lehtikuva/Jussi Nukari/imago-images-bilder)
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In Niedersachsen wurden im vergangenen Jahr deutlich mehr Fälle von häuslicher Gewalt registriert als im Vorjahr. Zwei Betroffene berichten.

Susanna Braun (Name geändert) ist über 60 Jahre alt. Ihre Geschichte schockiert. "Eigentlich gab es von Anfang an Gewalt", sagt sie über ihre Ehe. Sie ist schon seit über 30 Jahren verheiratet.

"Zuerst ist mir das nicht richtig aufgefallen." Ihr Mann habe sie immer viel kritisiert und beleidigt. In Streits sei er sehr jähzornig und gemein gewesen. Kurz nachdem ihre gemeinsame Tochter geboren war, schlug er dann das erste Mal zu, berichtet sie. "Von da an wurde es immer schlimmer." Einmal habe er Susanna Braun so stark gegen einen Schrank geschubst, dass ihr Arm brach.

Häusliche Gewalt hat zugenommen

Die Erzählung von Braun stammt aus der Wanderausstellung "Herzschlag – wenn aus Liebe Gewalt wird" (www.herzschlag-kampagne.de) des LKA Niedersachsens. Sie soll für das Thema sensibilisieren. Braun ist eine von vielen Betroffenen. Jeden Tag erleben 48 Frauen in Niedersachsen häusliche Gewalt, das geht aus der Polizeilichen Kriminalstatistik für das Jahr 2023 hervor. Straftaten in diesem Bereich haben im vergangenen Jahr zugenommen: Die Zahl der Taten stieg im Vergleich zu 2022 um elf Prozent auf 29.857.

Nur 0,5 Prozent der Taten werden angezeigt

Hinzu komme ein großes Dunkelfeld, sagte Friedo de Vries, Präsident des LKA Niedersachsen, zur Nachrichtenagentur dpa. Eine LKA-Befragung aus dem Jahr 2020 zu diesem Thema zeigte: Nur 0,5 Prozent der Straftaten in Partnerschaften beziehungsweise ehemaligen Partnerschaften werden bei der Polizei angezeigt.

Auch Braun zeigte ihren Mann nicht an. Im Krankenhaus erzählte sie, sie sei beim Streichen von der Leiter gefallen und habe sich dabei den Arm gebrochen. Als sie nach Hause kam, hoffte sie, dass ihr Partner den Gewaltausbruch bereut, sobald er sie mit dem Gipsarm sieht. "Aber ich glaube, das hat ihn nur noch wütender gemacht", sagt sie, "weil ich mich nicht mehr so gut um den Haushalt kümmern konnte."

"Ich habe keine Kraft mehr"

Es folgten geprellte Rippen, Knochenbrüche, Platzwunden – aber Braun ging immer wieder zurück. Eine Trennung kam für sie nicht infrage. Sie habe ihre Kinder nicht aus ihrer Umgebung reißen können. "Das hätte mir das Herz gebrochen." Außerdem habe sie zu dem Zeitpunkt nicht gearbeitet und wusste nicht, wie sie sich und die Kinder hätte finanzieren sollen.

Heute denke sie noch immer nicht an Trennung. "Das würde ich gar nicht mehr schaffen. Weder körperlich noch emotional", sagt sie. "Ich habe einfach keine Kraft mehr." Die Gewalt habe ihre Spuren hinterlassen.

Betroffene berichtet von häuslicher Gewalt

Auch Nuri Yildiz (Name geändert) schildert ihre Erfahrungen mit häuslicher Gewalt in der Wanderausstellung. Immer wieder habe ihr Ehemann Wutausbrüche gehabt, habe sie geschlagen. Irgendwann fing er an, sie zudem zu treten oder Sachen nach ihr zu werfen. "Es verging nicht ein Monat, ohne dass ich geschlagen wurde", berichtet sie.

Er verletzte sie nie im Gesicht, sondern nur an Körperstellen, die nicht sichtbar sind – sodass es niemand mitbekam. Entschuldigt habe er sich nie: "Er sagte immer nur, dass ich es nicht anders verdient habe, weil ich nicht höre und immer widerspreche."

"Wir können endlich ein Leben ohne meinen Mann beginnen"

Am schlimmsten war für Yildiz, dass ihre Kinder die Gewalt mitbekommen haben. Ihre Tochter weinte sich oft in den Schlaf. Das habe sie letztendlich aber auch wachgerüttelt: "Ich wusste, dass ich für meine Kinder stark sein muss." Also trennte sie sich.

"Daraufhin ist er ausgerastet, hat mich an den Haaren gepackt, runtergedrückt und schlug immer wieder mit den Fäusten auf mich ein, bis ich am Boden war. Da hat er auf mich eingetreten." Nuri Yildiz konnte flüchten, die Polizei rufen. Sie zog mit ihren Kindern in ein Frauenhaus. "Es hat zwar lange gedauert, aber jetzt haben wir eine eigene Wohnung gefunden. Und können endlich ein Leben ohne meinen Mann beginnen."

Ausstellung soll durchs Land touren

Auf mögliche Hilfsangebote und das Thema häusliche Gewalt soll die "Herzschlag"-Ausstellung aufmerksam machen. Sie besteht aus zehn Stellwänden mit vielen Informationen. Besucher können mit ihrem Smartphone QR-Codes scannen, die zu Filmen und Audiomaterial führen. In diesen kommen Betroffene zu Wort. Die Ausstellung soll durchs Land touren und zum Beispiel in Schulen oder Jugendeinrichtungen aufgestellt werden. Sie richtet sich besonders an junge Frauen und soll sie starkmachen, jegliche Form von Gewalt offen anzuklagen und nicht als Privatsache zu behandeln.

Verwendete Quellen
  • Mit Material der Nachrichtenagentur dpa
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