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"Alte Männer beherrschen die katholische Kirche"

Von Peter Hesse

Aktualisiert am 03.02.2021Lesedauer: 4 Min.
Rainer Maria Kardinal Woelki bei einem Morgengottesdienst (Archivbild): Ein evangelischer Pfarrer aus Köln kritisiert den Kirchenmann.
Rainer Maria Kardinal Woelki bei einem Morgengottesdienst (Archivbild): Ein evangelischer Pfarrer aus Köln kritisiert den Kirchenmann. (Quelle: FutureImage/imago-images-bilder)
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Der Umgang des Kölner Kardinals Rainer Maria Woelki mit einem Missbrauchsgutachten zieht Kritik, Enttäuschung und auch Kirchenaustritte nach sich. Doch die Kirche hat wichtige gesellschaftliche Funktionen und braucht Reformen, wie der evangelische Pfarrer Hans Mörtter im Interview mit t-online erläutert.

Herr Mörtter, wie sehen Sie die Rolle von Kardinal Woelki?

Der bekommt gerade so einen massiven Gegenwind aus seinen eigenen Gemeinden und aus dem Pfarrer-Kollegium, das ist wirklich ein Sturm der Entrüstung gegen ihn. Es gibt ja auch ganz konkrete Stimmen, die ihm nahelegen zurückzutreten. Die Unruhe ist ganz massiv da. Aber beide Kirchen, also die katholische und die evangelische, haben ein Problem mit der Sprache. Wenn man Gottesdienste zelebriert, wie sie vor 300 Jahren gefeiert wurden – und auch in dieser Sprache bleibt, wie sollen denn Menschen damit was anfangen können?

Was meinen Sie konkret?

Wir bei uns in der Gemeinde machen das anders – wir reden in Alltagssprache und haben völlig neue Rituale entwickelt. Wir nehmen moderne Musik bei unseren Gottesdiensten, wir machen Kooperationen mit Künstlern und Tänzern – und das spricht die Leute an. Die Kirche hat nur eine Chance, um den Menschen wieder nahezukommen. Sie muss lernen, die Sprache der Menschen zu sprechen und muss ihre Fragen und Sorgen ernst nehmen.

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Pfarrer der Lutherkirche Hans Mörtter (Archivbild): Der Geistliche ist engagiert in der Südstadt und fordert Reformen in der katholischen Kirche.
Pfarrer der Lutherkirche Hans Mörtter (Archivbild): Der Geistliche ist engagiert in der Südstadt und fordert Reformen in der katholischen Kirche. (Quelle: Future Image/imago-images-bilder)

Wie sieht derzeit Ihre Aufgabe als Seelsorger aus?

Menschen in Not kommen zur Kirchengemeinde – und wir haben gerade durch Corona eine wahnsinnige Not in der Stadt. Da kommen einfach massenweise Menschen zu uns in die Kirche, weil sie keinen anderen Ort haben. Oder weil die Ämter zum Beispiel nicht zahlen. Gelder, die neu berechnet werden müssten, werden nicht berechnet, weil sich das zeitlich in die Länge zieht. Dann heißt es: Die Hartz-IV-Leute müssten doch Rücklagen haben, die haben aber keine. Sie haben aber Kinder, die einen vermehrten Bedarf haben, weil sie zu Hause sind – und nicht in der Schule. Denn das Schulessen fällt ja weg. Oder sie sollen sich mit Distanzlernen beschäftigen und haben keinen Laptop – oder kein Internet. Und für diese Menschen ist die Kirche der Ort, wo sie sich melden, wenn sie nicht weiterwissen. Zu uns kommen auch die Obdachlosen – wo sollen sie zurzeit auch sonst hingehen?

Sie werden ja sogar nachts um drei rausgeklingelt, wenn für obdachlose Frauen ein Schlafplatz benötigt wird …

Wir sind alle verantwortlich. Denn eine Gemeinde ist ja nicht nur der Pfarrer – sondern das sind alle, die was von der Gemeinde halten. Kirche ist nicht der Kardinal – für uns Protestanten spielt der sowieso keine Rolle. Wir sind basisdemokratisch aufgestellt – die Basis entscheidet und keine Kirchenobrigkeit. Bei uns geht es um das gemeinsame Anpacken!

Kann die Kirche noch mal ein Revival bekommen und zu einer Größe heranwachsen wie in den 1960er oder 1970er Jahren?

Bei der katholischen Kirche ist das schwierig, weil das ja so eine von alten Männern beherrschte Kirche ist. Da muss ganz viel Reform her. Aber es ist ja gerade ganz viel Bewegung da – von Frauen und kritischen Gemeindemitgliedern. "Maria 2.0" ist eine ganz starke Initiative geworden. Bewegung ist da – es ist nur die Frage, ob sich diese Strömungen durchsetzen können. Ich wünsche mir das.

Zur Person:
Hans Mörtter beginnt im Jahr 1975 sein Theologiestudium in Bonn. Im Jahr 1984 arbeitet er für ein Jahr lang in Kolumbien als Geistlicher in der deutschsprachigen Auslandsgemeinde. Seit 1987 leitet er die evangelische Lutherkirche in der Südstadt von Köln. Schon zu Beginn des ersten Lockdowns ist hier ein Hilfsfonds eingerichtet worden, um in Not geratene Betroffene gezielt und unbürokratisch zu unterstützen. Pfarrer Mörtter macht sich stark für eine lebendige Kirchengemeinde – Solidarität, Barmherzigkeit und Mitgefühl sind für ihn wichtige Werte. Im ersten Lockdown im Frühjahr 2020 hat er 160.000 Euro an Spenden gesammelt – und das Geld an notleidende Künstler, alleinerziehende Mütter und andere Menschen verteilt, die auf finanzielle Hilfe angewiesen sind.

Bei uns in der evangelischen Kirche ist es anders, weil wir keine zentralen Strukturen haben. Ich bin da sehr zuversichtlich, weil die Austritte im Bereich der Lutherkirche ziemlich minimal sind. Ich kriege ja auch die Reaktionen direkt mit: Es gibt einen hohen Bedarf nach unseren Gottesdiensten – und bei unseren YouTube-Gottesdiensten sind die Zahlen auch sehr hoch. Bei uns kommen auch relativ viele Spendengelder an – und das ist eine tolle Form der Solidarität und Unterstützung. Und das zeigt mir auch: Es ist ein Bedarf nach Kirche da – aber sie muss glaubwürdig sein und sie muss handeln.

In weiten Teilen der Bevölkerung ist der Bedarf nach wertigen Konsumgütern größer als nach seinem spirituellen Seelenheil. Kriegt man das Interesse im Sinne von "Mehr Gemeinwohl" noch mal umgedreht?

Das ist ja kein typisches Kirchenproblem, sondern das ist ein gesamtgesellschaftliches Problem – das betrifft ja Vereine und Parteien genauso. Das egomanische Programm lautet: "Ich schau, wie es mir am besten geht" – und wenn ich spirituelle Kontemplation brauche, gehe ich in den "religiösen Supermarkt" – und kaufe dort das günstigste Angebot, mache ein bisschen Yoga und stelle eine Buddha-Figur ins Regal.

Aber was passiert, wenn das kleine Kind einer Familie plötzlich stirbt? Dann ist der Pfarrer wieder plötzlich als Seelsorger gefragt, weil er bei dieser Thematik den Menschen Halt bietet. Weil er dann da ist, zuhört und die Menschen begleitet, deren Welt gerade zusammenbricht. Not lehrt beten – und das gilt nach wie vor.

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Von Carlotta Cornelius
Hartz IVKatholische Kirche

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