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Köln: Das sagen Anwohner über die Rattenplage am Kölnberg

Anwohner über die Plage am Kölnberg  

"Wenn Sie abends vom Balkon schauen, sind da 50 Ratten"

Von Tobias Christ

25.06.2021, 10:53 Uhr
Köln: Das sagen Anwohner über die Rattenplage am Kölnberg. Eine Ratte beschnuppert eine Mülltüte: Das Problem mit den Nagern am Kölnberg verschlimmert sich zusehends. (Quelle: Thomas Banneyer)

Eine Ratte beschnuppert eine Mülltüte: Das Problem mit den Nagern am Kölnberg verschlimmert sich zusehends. (Quelle: Thomas Banneyer)

Was tun gegen die Ratten am Kölnberg? Die Bewohner der Meschenicher Hochhaussiedlung sprechen von einem wachsenden Problem und sehen kaum Besserung. Die Stadtverwaltung kündigt unterdessen erste Schritte gegen die Plage an. Ein Ortsbesuch.

Weil Mieterinnen und Mieter weiterhin ihren Müll von den Balkonen werfen, werden immer mehr Ratten in die Hochhaussiedlung in Köln-Meschenich gelockt. t-online war vor Ort und hat mit Anwohnern über das Problem mit den Nagern gesprochen.

Um 9 Uhr ist an diesem Vormittag noch kein Tier zu sehen, doch eine Stunde später kommen die ersten Ratten aus ihren Löchern. Davon gibt es rund um die Hochhaussiedlung "Auf dem Kölnberg" in Meschenich unzählige. Überall in den Grünanlagen haben sich die Nagetiere ihre Höhlen gegraben.

Da von den Balkonen der bis zu 26-stöckigen Hochhäuser mit der Adresse An der Fuhr immer wieder Müll auf den Boden geworfen wird, bekommen sie genug zu fressen. Auch aus niedrigeren Stockwerken fliegt mehrfach Abfall auf die Seite, auf der sich ein Spielplatz befindet – an diesem Morgen werden unter anderem eine Windel und eine Verpackung für Gebäck auf dem direkten Weg entsorgt.

"Wenn Sie abends vom Balkon runtergucken, sind da 50 Ratten auf der Wiese", sagt Martin Zilles, ein sportlich wirkender Rentner, der seit 17 Jahren eine Wohnung im Gebäude Nummer Zwei besitzt. Scheu seien sie keineswegs: "Die fühlen sich hier wohl. Die haben keine Angst, die Viecher."

Grund für die Plage sei in erster Linie der Unrat, der wahllos liegen gelassen werde. "Auf den Fluren steht auch der Müll", sagt der 75-Jährige und zündet sich eine Zigarette an. Gleichzeitig habe er den Eindruck, dass die Ratten kaum bekämpft werden. Beschwerden bei der Hausverwaltung nützten nichts. Sinnvoll wäre es, Giftköder auszulegen und natürlich den Müll ordentlich in den Containern und Mülleimern zu entsorgen. Doch dazu seien "die Leute zu faul".

Die Giftköder gibt es bereits: Bis zu einer Tonne werde im Jahr ausgelegt, sagt der Wohnungsverwalter. Doch die Ratten entschieden sich offenbar lieber für Essensreste, die von den Häusern geworfen werden.

Anwohner Martin Zilles: Der 75-Jährige sagt, Beschwerden über die Rattenplage bei der Hausverwaltung nützten nichts. (Quelle: Thomas Banneyer)Anwohner Martin Zilles: Der 75-Jährige sagt, Beschwerden über die Rattenplage bei der Hausverwaltung nützten nichts. (Quelle: Thomas Banneyer)

Der Kölnberg mit seinen acht Hochhäusern aus den 1970er Jahren ist allgemein als sozialer Brennpunkt im sonst eher wohlhabenden Bezirk Rodenkirchen bekannt. Rund 4.000 Menschen aus mindestens 50 Nationen leben hier, Schätzungen zufolge finden hier zwischen 500 und 800 offiziell nicht gemeldete Menschen Unterkunft.

Ratten gelangen manchmal ins Treppenhaus

Eine Blitzumfrage unter einigen Bewohnern fördert vor allem Resignation zutage. Ahmad ist 27 Jahre alt und wohnte noch nie woanders. "In den letzten zwei bis drei Jahren hat sich das extrem entwickelt", sagt der junge Mann mit Blick auf die Ratten. Manchmal liefen sie sogar bis ins Treppenhaus. Die Ursache für die Plage hat er bereits ausgemacht: Es seien in den vergangenen Jahren verstärkt Menschen aus Südosteuropa zugezogen, die es mit der Sauberkeit nicht so genau nähmen: "Die Leute lassen den Müll liegen oder schmeißen ihn aus dem Fenster."

Ismet, Mitarbeiter im "Easy’s Kiosk" mitten in der Wohnanlage, befüllt den Kühlschrank gerade mit mehreren Flaschen hochprozentigen Inhalts. "Wenn wir nicht aufpassen, kommen die auch hier rein", sagt er. Gegenüber tummelten sich die Tiere gerne an einem Mülleimer. Abends schließe er deshalb immer die Tür.

Der 15-jährige Puka kann die Plagegeister von der Erdgeschosswohnung, in der er mit seiner Familie lebt, fast mit den Händen greifen. Immer mehr Ratten kriechen unterhalb des Balkons aus dem durchlöcherten Boden. Das sei schon sehr eklig, meint der Teenager. Immerhin seien sie bisher noch nicht bis in die Wohnung vorgedrungen.

Katja Hendrichs, Sozialarbeiterin der Caritas, ist seit sechseinhalb Jahren in Meschenich tätig. Natürlich gebe es Menschen, die ihre Abfälle aus den Fenstern werfen, sagt sie: "Das hängt aber auch damit zusammen, dass es äußerst beschwerlich ist, den Müll zu den Containern zu bringen."

Die Aufzüge seien klein und oft kaputt, keines der acht Hochhäuser sei zudem barrierefrei zugänglich. Und die Müllschächte seien schon seit 2003 nicht mehr in Betrieb. Es gebe gleichzeitig sehr viele ältere und gehbeeinträchtigte Menschen, die ihre Wohnung nicht allein verlassen könnten. Dass Müll von Balkons geworfen werde, sei also auch ein strukturelles Problem. Das Viertel sei einfach alleingelassen worden.

Mancher Mieter müsse "erzogen" werden

Andreas Rabsch, Prokurist der SHV Immobilien-Verwaltungs GmbH, appelliert hingegen in erster Linie an das Verhalten der Bewohner. Mancher Mieter müsse "erzogen" werden. Doch der Teufel steckt offensichtlich im Detail. Sein Unternehmen sei nämlich nur für die gemeinschaftlich genutzten Bereiche der meisten Hochhauswohnungen zuständig, sagt Rabsch, nicht aber für die Wohnungen selbst und deren Mieter. Auf sie einzuwirken, das sei Sache der Eigentümer.

Ein Kind lässt einen Müllbeutel vom Balkon fallen: Viele Mieterinnen und Mieter entsorgen ihren Unrat weiterhin über Würfe aus der Wohnung, was die Ratten sofort anlockt. (Quelle: Thomas Banneyer)Ein Kind lässt einen Müllbeutel vom Balkon fallen: Viele Mieterinnen und Mieter entsorgen ihren Unrat weiterhin über Würfe aus der Wohnung, was die Ratten sofort anlockt. (Quelle: Thomas Banneyer)

Bisher sei die Zusammenarbeit mit diesen schwierig gewesen, aufgrund der Berichterstattung der vergangenen Wochen hoffe er aber auf Besserung. Um der Rattenplage Herr zu werden, setze SHV zwar regelmäßig einen Schädlingsbekämpfer ein und lasse die Wohnanlage täglich innen wie außen reinigen. Das Hauptproblem bleibe jedoch der Müll, sagt Andreas Rabsch: "Eine Rattenpopulation passt sich dem Nahrungsangebot an."

"Müllklopfer" sollen eine Lösung sein

Das Nagetierproblem hat mittlerweile Verwaltung, Politik und weitere Akteure im Viertel alarmiert. Laut einem Sprecher der Stadt hat in der vergangenen Woche ein Ortstermin unter anderem mit Vertretern mehrerer städtischer Ämter, der Jugendhilfe und des Unternehmens SHV stattgefunden. Beschlossen wurde in einem ersten Schritt, sogenannte Müllklopfer einzusetzen – Personen, die zu bestimmten Uhrzeiten bei Mietern klingeln und Müll einsammeln.

Um das Personal dafür zu bekommen, werde mit der Jobagentur und den Jugendhilfen Kontakt aufgenommen, so der Sprecher. Außerdem sollen Mieter zum Beispiel mithilfe von Piktogrammen auf den Zusammenhang zwischen Müll und Rattenplage hingewiesen werden. Sozialarbeiterin Katja Hendrichs findet, dass sich auch baulich etwas ändern muss: "Menschen werden in Wohnungen einquartiert, die eigentlich nicht bewohnbar sind."

Nachlässige Pflege der Außenbereiche

Marion Heuser, sozialpolitische Sprecherin der Kölner Grünen, sieht zudem Versäumnisse bei der Pflege der Außenbereiche: "Wenn man das über all die Jahre konsequent gemacht hätte und auch die Ratten fortlaufend bekämpft hätte, dann sähe es heutzutage bestimmt anders aus".

Laut Karl Wolters, Vorsitzender der FDP-Fraktion in der Bezirksvertretung Rodenkirchen, müsse sich die Stadt bei der Reinigung der privaten Areale stärker engagieren. Sie dürfe sich künftig nicht nur für die öffentlichen Außenbereiche zuständig fühlen. Schließlich handele sich um ein Problem der öffentlichen Sicherheit und Ordnung. 

Gegen Mittag werden auf dem Kölnberg immer mehr Ratten aktiv. Sie huschen durch Büsche und knabbern an Müll. Rentner Martin Zilles gibt zu, dass er auch Angst vor Krankheiten hat, die durch die Nager übertragen werden können. Vielleicht sei es auch nur noch eine Frage der Zeit, bis auf dem Spielplatz der Wohnanlage mal ein Kind gebissen werde.

Verwendete Quellen:
  • Eigene Recherchen vor Ort
  • Anfrage bei der Stadt Köln
  • Anfrage bei Katja Hendrichs (Caritas)
  • Anfrage bei der SHV Immobilien-Verwaltungs GmbH
  • Anfrage bei Marion Heuser (Grüne)
  • Anfrage bei Karl Wolters (FDP)
  • weitere Quellen
    weniger Quellen anzeigen

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