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Kretschmann will Teilzeit fĂŒr LehrkrĂ€fte einschrĂ€nken

Von dpa
26.04.2022Lesedauer: 3 Min.
Winfried Kretschmann (Die GrĂŒnen)
Baden-WĂŒrttembergischer MinisterprĂ€sident Winfried Kretschmann (BĂŒndnis 90/Die GrĂŒnen). (Quelle: Bernd Weißbrod/dpa/Archivbild/dpa-bilder)
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LehrkrĂ€fte sollen nach dem Willen von Regierungschef Winfried Kretschmann kĂŒnftig etwas weniger in Teilzeit arbeiten können. Das Land prĂŒfe wegen des Lehrermangels, ob die Mindestarbeitszeit fĂŒr Beamtinnen und Beamte in Teilzeit erhöht werden kann. "Jedenfalls wird das gerade zwischen dem Innenministerium und dem Kultusministerium geklĂ€rt", sagte der GrĂŒnen-Politiker am Dienstag in Stuttgart.

Auch angesichts der Ankunft von 9000 geflĂŒchteten Kindern und Jugendlichen aus der Ukraine brauche das Land dringend mehr LehrkrĂ€fte. Gewerkschaften und Opposition zeigten sich unisono irritiert ĂŒber den ĂŒberraschenden Vorstoß, der wenig durchdacht sei.

Eine Erhöhung der allgemeinen Wochenarbeitszeit von 41 Stunden fĂŒr Landesbeamte strebe er nicht an, stellte Kretschmann klar. Am Montagabend hatte er bei einer Podiumsdiskussion der "Stuttgarter Zeitung" noch gesagt: "Vielleicht mĂŒssen wir auch mehr arbeiten." Ihm gehe es in erster Linie um LehrkrĂ€fte, betonte der MinisterprĂ€sident am Dienstag. Die Regelungen bei Teilzeit seien derzeit "sehr großzĂŒgig", sodass vor allem viele Lehrerinnen relativ wenige Stunden unterrichteten. Kretschmann bekrĂ€ftigte, wenn jede PĂ€dagogin in Teilzeit eine Stunde mehr unterrichten wĂŒrde, gewönne man umgerechnet 1000 Lehrerstellen.

Wie ist die Mindestarbeitszeit bisher geregelt?

Derzeit ist es so, dass Landesbeamte grundsĂ€tzlich Anspruch darauf haben, in Teilzeit bis zu 50 Prozent zu arbeiten. Ein Sprecher des Kultusministeriums erklĂ€rte, ein Antrag auf Teilzeit aus familiĂ€ren GrĂŒnden, etwa weil ein Kind betreut oder ein Angehöriger gepflegt wird, könne nur abgelehnt werden, wenn zwingende dienstliche GrĂŒnde dem entgegenstĂŒnden. Die Untergrenze bei der Teilzeit ist seit einer Änderung unter GrĂŒn-Rot vor fĂŒnf Jahren 25 Prozent - vorher waren es noch 30 Prozent. Solche AntrĂ€ge werden bei LehrkrĂ€ften individuell vom jeweiligen RegierungsprĂ€sidium geprĂŒft.

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Nach Angaben der Gewerkschaft GEW hat die frĂŒhere Kultusministerin Susanne Eisenmann (CDU) die Behörden aber angewiesen, solche AntrĂ€ge wegen des Lehrermangels im Zweifel auch abzulehnen. Im SĂŒdwesten gibt es gut 110.000 LehrkrĂ€fte an allgemeinbildenden Schulen. Vor allem in Grundschulen ist der Anteil der Lehrerinnen groß. Das Ministerium stellte klar, wer eine Stunde mehr arbeite, bekomme natĂŒrlich auch mehr Gehalt.

Kretschmann koffert Gewerkschaften an: "Übliches Latein"

GrundsĂ€tzlich gehe es darum, dass wegen der Folgen des Ukraine-Kriegs auch im SĂŒdwesten gewohnte Dinge auf den PrĂŒfstand gestellt werden mĂŒssten, sagte Kretschmann. "Dabei rate ich allen dazu, von ihren Reflexen abzusehen - das gilt auch fĂŒr GewerkschaftsfunktionĂ€re." Diese sollten in dieser besonderen Situation nicht ihr "ĂŒbliches Latein" abspulen. Auf die Frage, ob eine EinschrĂ€nkung der Teilzeit nicht auch die Vereinbarkeit von Familie und Beruf beeintrĂ€chtige, bemerkte er: "Von solchen Empfindlichkeiten sollten wir mal Abschied nehmen - bei der Weltlage, in der wir sind."

Kritik an der Idee: daneben, unverantwortlich, nicht praxistauglich

Monika Stein, GEW-Landeschefin nannte den Vorschlag "total daneben". Sie sagte der dpa: "Die Teilzeit-LehrkrĂ€fte arbeiten nicht deshalb weniger, weil es Spaß macht, weniger Geld zu verdienen, sondern weil es fĂŒr sie notwendig ist, Teilzeit zu arbeiten, damit sie ihren Beruf gut ausĂŒben können." Es gehe auch darum, Familie und Job unter einen Hut zu bringen.

Nach zwei Jahren Pandemie seien viele mit ihren KrĂ€ften sowieso schon am Ende. Jetzt kĂ€men noch Kinder aus der Ukraine in die Schulen. "Wenn ich die Belastung weiter erhöhe, werden deutlich mehr LehrkrĂ€fte ausfallen", warnte Stein. Sie schlug vor, durch eine Erhöhung der AltersermĂ€ĂŸigung zu erreichen, dass LehrkrĂ€fte lĂ€nger arbeiten können.

Gerhard Brand vom Verband Bildung und Erziehung (VBE) sagte der dpa: "Das Thema Arbeitszeit wird ausgerechnet in einer Phase wieder aus der Schublade geholt, in der Lehrer wegen Pandemie und Krieg bereits lange ohne Murren bis zum Anschlag gearbeitet haben." Kretschmanns Vorschlag sei nicht praxistauglich.

Es habe sich gezeigt, dass es vor allem in den Reihen der pensionierten LehrkrĂ€fte und der Studenten eine enorme Hilfsbereitschaft fĂŒr die Tausenden ukrainischen FlĂŒchtlingskinder gebe. "Aber das Land schafft es nicht, die Organisationen, die sich einsetzen wollen, zu koordinieren."

Als unverantwortlich bezeichnete Ralf Scholl vom Philologenverband Kretschmanns Äußerungen. "Man fĂŒhlt sich als Lehrkraft oder SchĂŒler in Baden-WĂŒrttemberg mittlerweile als Kretsch-Test-Dummy", sagte er. "Man wird ins Schulsystem gepackt und das lĂ€sst die Landesregierung gegen die Wand fahren." Kretschmann mĂŒsse vor allem besser rechnen: So reiche es fĂŒr 1000 weitere Lehrerstellen aus, wĂŒrde nur etwa jede dritte Teilzeitkraft eine Stunde lĂ€nger arbeiten.

Opposition nennt Kretschmann "selbstherrlich und realitÀtsfern"

Die SPD warf Kretschmann vor, erst jetzt "aus seinem Dornröschenschlaf" aufzuwachen und den akuten LehrkrÀftemangel zu erkennen. "Aber anstatt sich an die eigene Nase zu fassen, zeigt er jetzt mit dem Finger auf die LehrkrÀfte", kritisierte Stefan Fulst-Blei.

FĂŒr die FDP sagte Timm Kern: "Wenn man Kretschmanns selbstherrliche und zugleich realitĂ€tsferne Aussagen so hört, kann man durchaus zum Schluss gelangen, dass ihm und der ganzen Landesregierung die Gesundheit und WertschĂ€tzung der LehrkrĂ€fte in Baden-WĂŒrttemberg herzlich egal sind."

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