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Bundesliga-Skandal von 1971 - was wurde aus den Tätern?

Der Bundesliga-Skandal von 1971 - was wurde aus den Tätern?

06.06.2011, 09:12 Uhr | dapd

Bundesliga-Skandal von 1971 - was wurde aus den Tätern?. Stan Libuda - in Schalke ein gefeierter Held. (Foto: imago)

Stan Libuda - in Schalke ein gefeierter Held. (Foto: imago)

Am 6. Juni jährt sich zum 40. Mal der Moment, in dem Horst-Gregorio Canellas, Obsthändler und Präsident des damaligen Fußball-Bundesligisten Kickers Offenbach, auf die Abspieltaste seines Bandgeräts drückte. Den Gästen der Party zu seinem 50. Geburtstag stockte der Atem: Zu hören waren Mitschnitte von Telefonaten mit teilweise sehr bekannten Profis der Liga. Es drehte sich um Bestechung und Manipulation von Spielen. Das Land hatte seinen Bundesliga-Skandal.

Der Chefankläger des Deutschen Fußball Bundes, Hans Kindermann, deckte 1,1 Millionen Mark Schmiergeldzahlungen auf. Er erwirkte die Bestrafung von 52 Spielern, zwei Trainern und sechs Funktionären. Den Vereinen Arminia Bielefeld und Kickers Offenbach wurde die Lizenz entzogen. Am Skandal drohte die Liga zu implodieren. Die Zuschauer kamen nicht mehr. Der Sport hatte seine Glaubwürdigkeit auf Jahre hinaus verloren.

Der Skandal veränderte aber auch die Biografien betroffener Spieler. Manche gerieten völlig aus der Bahn. Andere wiederum hatten lebenslang Schuldgefühle. Es gab auch Sportler, die wach gerüttelt wurden und gestärkt aus der Krise zurück kamen. Begegnungen mit vier der Protagonisten:

Reinhard Libuda, lebenslang gesperrt, zwei Jahre später begnadigt

1993, in einer Kneipe in der Nähe der alten "Kampfbahn". Reinhard Libuda nippt tapfer am Pils. Trinken sei schwer, sagt er. Er fühle sich nicht wohl. Das Leben sei momentan kein Jux. "Prost, Stan!", meint einer am Tresen. "Du warst ein ganz Großer." Libuda nickt. Das ist wohl wahr. Der Held des Ruhrpotts ist er gewesen. Auf einem Plakat stand damals "An Jesus kommt keiner vorbei" - da hatte jemand dazu geschrieben: "Außer Stan Libuda." Ja, so war das damals. Dortmund hat er zum Europapokal der Pokalsieger geschossen, einmal Pokalsieger ist er geworden, zweimal Vizemeister, Dritter bei der WM 1970. Dortmund und Schalke - das waren seine Vereine. Mit Schalke ist die "ganze Kacke" passiert. Er war so dumm gewesen. Er habe gedacht, ihm könne ohnehin keiner was. Dann das Urteil. "Danach war es irgendwie nicht mehr schön", sagt er. Klar, er habe noch gespielt, aber irgendwie war er nicht mehr der "Flankengott". Und nach der Karriere wurde das Leben leer. Er hatte nichts gelernt, also hielt er sich mit Jobs über Wasser. Und jetzt fällt auch noch das Trinken schwer. Drei Jahre drauf stirbt der krebskranke Libuda nach einem Schlaganfall.

Rolf Rüssmann, ab März 1973 in Deutschland gesperrt, 1974 begnadigt

1995 im Büro des Managers von Borussia Mönchengladbach. Der Gastgeber schwitzt sehr. Man redet über die wirtschaftliche Situation des Vereins, Rüssmann fasst Vertrauen. Er ist ein Hüne mit traurigen Augen. "Ich träume oft noch von dem Verfahren, ich kriege das nicht aus dem Kopf." Der ehemals raubeinige Verteidiger und jetzige Entscheider eines Bundesligisten wirkt wie ein verlorener Delinquent. Er redet von "Gewissensbissen", die er nicht los wird. Rüssmann, der Recke, schwitzt noch stärker. Er habe aus der Geschichte gelernt, dass man den jungen Spielern viel helfen muss. "Die Anfechtungen sind groß, und die Menschen sind nicht fertig. Manchmal müssen wir für sie denken. Das ist unser Job." Auch nachdem er Ende des Jahres 2002 als Manager beim VfB Stuttgart ausscheidet, engagierte sich der massige Melancholiker ehrenamtlich für den Nachwuchs. Rüssmann stirbt im Jahr 2009 an Krebs.

Bernd Gersdorff, 4.400 Mark Geldbuße

2006, Telefonat mit dem Pressesprecher der Salzgitter AG, Bernd Gersdorff. Der hat in seiner aktiven Bundesliga-Zeit die Gegner mit seinen verrückten Toren immer wieder irre gemacht. Dann war er in den großen Skandal verwickelt. "Naja, was mich angeht - das war eher ein Nebenschauplatz." Man kann sich Gersdorff vorstellen, wie er sich entspannt beim Telefonieren zurück lehnt. In seiner Karriere hat es damals keinen nennenswerten Knick gegeben. Der Skandal war eher ein spannendes Adrenalin-Kick-Intermezzo. Gerdorff hat weiter bei Eintracht Braunschweig seine Tore geschossen, sich beim FC Bayern versucht, ist nach Braunschweig zurück gekehrt, hat bei Hertha BSC gastiert, in San Diego und San Josè ordentlich Englisch gelernt. Dann vertauschte er die kurzen Hosen geschmeidig mit dem Maßgeschneiderten. Nun parliert der Salzgitter-Mann Gersdorff, wie der Fußballprofi Bernd kickte. Nie um eine Finte verlegen, immer für eine Überraschung gut. Immer den Abschluss im Blick. Er wird es noch weit bringen. Zum 40. Jahrestag des Skandals ist er Konzernsprecher.

Laszló Gergely, lebenslang gesperrt, nach einem Jahr begnadigt, 15.000 Mark Geldbuße

Juni 2011. Laszló Gergely zapft im Vereinsheim des Wilmersdorfer FC in Berlin Pils für die ersten Durstigen. Es ist elf Uhr vormittags, draußen joggen Heerscharen durch den sich aufheizenden Berliner Volkspark. "Ja", sagt Gergely, "der mit dem Skandal, das bin ich. Ich werde nicht darüber reden." Mittelfeldspieler war der geborene Ungar damals. Als Nationalspieler stand er in der rumänischen Elf, in Berlin mochten ihn die Fans. Es war eine gute Zeit im Westen, eine goldene Zeit. Dann diese Telefonate über ein bisschen Schiebung - und er, der nicht Nein sagen konnte. "Ich war jung, ich war dumm. Kurz bricht es aus Laszló Gergely heraus: "Sie wissen gar nicht, wie schlimm das war. Ich habe in der Zeit hundert Interviews gegeben. Oder waren es 200? Und die Journalisten haben mir nicht zugehört. Ich wollte ihnen meine Geschichte erzählen. Aber sie haben ihre Geschichte geschrieben. Und in der war ich immer der Verbrecher." Er stockt. Dann noch ein letzter, ein allerletzter Satz über das Leben des Laszló Gergely nach dem großen Fußballskandal: "Ich habe so viele Freunde verloren. Meine Seele hatte große Schmerzen. Fast wäre meine Seele gestorben."

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