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Ex-Schiri Merk zum Rassismus-Eklat bei Schalke 04 gegen Herthas Torunarigha

MEINUNGNach Rot für Schalke-Trainer  

Kritik an Schiedsrichter: "Das hat Wagner nicht verdient"

Eine Kolumne von Dr. Markus Merk

07.02.2020, 07:33 Uhr
Ex-Schiri Merk zum Rassismus-Eklat bei Schalke 04 gegen Herthas Torunarigha. Umstrittene Entscheidung: Schiedsrichter Osmers (li.) zeigt Schalke-Trainer Wagner die Rote Karte. (Quelle: imago images/t-online.de)

Umstrittene Entscheidung: Schiedsrichter Osmers (li.) zeigt Schalke-Trainer Wagner die Rote Karte. (Quelle: t-online.de/imago images)

Rassistische Beleidigungen und zwei Platzverweise: Im Pokalspiel zwischen Schalke 04 und Hertha BSC gibt es gleich mehrere Aufreger. Das Verhalten von Schiedsrichter Harm Osmers ist mindestens unglücklich – besonders nach der Partie.

Ich war gerade auf dem Nachhauseweg vom Highlight-Spiel meines FCK gegen Fortuna Düsseldorf, als ich mitbekam, was da auf Schalke passiert sein soll. Später habe ich mir die Situationen dann auch selbst noch einmal angeschaut. 

Die Platzverweise für Herthas Jordan Torunarigha und Schalkes Trainer David Wagner entstanden aus derselben Situation. Natürlich ist Gelb-Rot für Torunarigha für das Werfen das Getränkekastens berechtigt – aber: Wir wissen jetzt mehr. Wir wissen, was dieser Spieler während der Partie durchmachen musste. Dass er aus den Zuschauerrängen heraus rassistisch beleidigt wurde. Das ist gravierend. Mit diesem Informationsstand, den wir jetzt haben, ist die ganze Wut, die sich bei ihm in diesem Moment entladen hat, völlig nachvollziehbar. Ein Schiedsrichter, der dieses Vorwissen aber nicht hat, der handelt nach den Regeln und den aktuellen Vorgaben und gibt da dann eben zum zweiten Mal Gelb.

Als Mensch sage ich: Es wäre eine große Geste, Torunarigha nun nicht für das nächste Pokalspiel zu sperren. Aber leider muss man auch daran denken: Wo hört das dann auf? Dann kommen Spieler vielleicht mit lächerlichsten Erklärungen, die auf keine Weise mit dem vergleichbar sind, was der Hertha-Verteidiger ertragen musste, und fordern für sich eine ähnliche Ausnahme. Die Diskussionen würden kein Ende mehr nehmen. Letztendlich gibt es nun mal Regularien, dass Tatsachenentscheidungen des Schiedsrichters nun mal stehen. Und das schützt den Fußball – so schön so eine Entscheidung menschlich auch wäre.

Emotionen: Wagner (r.) will Torunarigha stützen, der Hertha-Spieler (li.) greift sich den Kasten mit Trinkflaschen. (Quelle: imago images)Emotionen: Wagner (r.) will Torunarigha stützen, der Hertha-Spieler (li.) greift sich den Kasten mit Trinkflaschen. (Quelle: imago images)

"Für mich ist diese Entscheidung schwer nachvollziehbar"

Bei der Situation um David Wagner sind wir uns wohl alle einig: Er ist Torunarigha auf keinen Fall aggressiv angegangen. Der Schiedsrichter hat das aber offenbar anders wahrgenommen. Leider gab es von Harm Osmers aber direkt nach dem Spiel keine Stellungnahme. Ich hätte mir gewünscht, dass er unmittelbar klarstellt, ob er da wirklich eine Tätlichkeit (wie auf dem Videowürfel im Stadion dargestellt) oder doch ein anderes grob unsportliches Verhalten gesehen haben will. Dass Trainer gegnerischen Spielern auch mal aufhelfen und ihnen dann einen freundschaftlichen Klaps verpassen, das gehört einfach dazu. Für mich ist diese Entscheidung schwer nachvollziehbar. Das hat Wagner nicht verdient.

Die am Tag danach gelieferte Begründung "Spielverzögerung" klärt weder auf, noch macht sie die Entscheidung verständlicher und erscheint als wenig dienliche Suche nach einer Begründung. Wo war die Spielverzögerung? Warum sollte Wagner beim Stand von 2:2 in einem Pokalspiel auf Zeit spielen? Fragen über Fragen.

Rassismus: Zivilcourage im Stadion ist gefragt

Aber Sport beiseite: Der eigentliche Aufreger waren doch die rassistischen Beleidigungen, die Torunarigha erfahren musste. Das ist erschreckend. Es kann in jedem Lebensbereich nur null Toleranz dafür geben, und da ist Zivilcourage besonders gefragt, dafür plädiere ich immer wieder. Es müsste doch eigentlich so einfach sein: Wenn ich im Stadion bin und es neben mir plötzlich losgeht mit Rufen, Beleidigungen und mehr, dann bin ich in unmittelbarer Nähe doch dazu verpflichtet, einzugreifen. Deshalb bin ich auch sehr glücklich darüber, dass von Schalke, die sich ja ohnehin stark gegen Rassismus engagieren, und auch von den Fans des Vereins nun Signale und Meldungen kommen, dass man sich so etwas nicht gefallen lässt.

Wie ein Schiedsrichter – so auch im Schalke-Hertha-Spiel – mit solchen Situationen umgeht, hat sowohl mit Fingerspitzengefühl als auch mit Durchsetzungsvermögen zu tun. Im Prinzip ist es ja so: Irgendeiner aus dem Schiedsrichterteam muss ja etwas mitbekommen haben. Wenn ich also von Dritten – in diesem Fall von Spielern eines Vereins – darauf hingewiesen werde, dann spreche ich doch mit meinen Assistenten und frage nach, ob ihnen etwas aufgefallen ist. Die Wahrnehmung ist da ganz entscheidend.

Völlig aufgelöst: Torunarigha (2. v. r.) muss von seinen Hertha-Teamkollegen getröstet werden. (Quelle: imago images/Jörg Schüler)Völlig aufgelöst: Torunarigha (2. v. r.) muss von seinen Hertha-Teamkollegen getröstet werden. (Quelle: Jörg Schüler/imago images)

Wenn es der Block nicht geregelt bekommt, kann es nur heißen: Raus!

Es muss aber ein Zeichen gesetzt werden, es heißt schließlich nicht umsonst: Wehret den Anfängen. Man kann sich an Beispielen orientieren: In den großen US-Sportarten werden Zuschauer für Fehlverhalten schnell herausgeworfen, oft sogar mit langen Hallen- oder Stadionverboten belegt. Wenn man im Fußball also bestimmte Rufe auf einen Block im Publikum eingrenzen kann, und dieser Block das Problem aber nicht geregelt bekommt, dann kann es nur heißen: Raus! Natürlich mag dann gejammert werden, dass es auch Unbeteiligte trifft, aber die haben dann eben Pech gehabt, wenn sie nicht klare Position beziehen gegen solches Verhalten. Und wer identifiziert werden kann, der hat im Stadion nichts mehr zu suchen, da darf es auch keine Milde geben.

Aber welche Möglichkeiten hat der Schiedsrichter aktuell auf dem Platz? Da gibt es das Mittel der Spielunterbrechung, bei gravierenden Fällen – aber welcher Fall ist da nicht gravierend? – inklusive Durchsage im Stadion. Er kann auch die Mannschaften in die Kabine holen oder sogar – wenn sich die Situation nicht bessert – das Spiel komplett abbrechen, wie wir es schon in anderen Ländern gesehen haben. Ich finde aber: Ein Spielabbruch sollte das allerletzte Mittel, der absolute Notausgang sein. Denn sonst geht der Fußball das Risiko ein, dass er diesen Chaoten erst recht ein Podium liefert, wenn er sich von ihnen in die Knie zwingen lässt und Spiele abbricht. Das ist eine große Gefahr.

Dr. Markus Merk (57) war von 1988 bis 2008 Bundesliga-Schiedsrichter, leitete 339 Spiele in der höchsten deutschen Spielklasse und kam bei je zwei Europameisterschaften (2000, 2004) und Weltmeisterschaften (2002, 2006) zum Einsatz. Der Pfälzer wurde drei Mal (2004, 2005, 2007) zum "Weltschiedsrichter des Jahres" gekürt und ist Träger des Bundesverdienstkreuzes. Seit 1. Dezember 2019 ist er stellvertretender Vorsitzender und Aufsichtsratssprecher beim 1. FC Kaiserslautern.

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