Sie sind hier: Home > Sport > Fußball > Zweikampf der Woche >

Olympia 2021 | DFB: Ein Armutszeugnis für den deutschen Fußball

PRO & KONTRADFB-Auswahl bei Olympia  

Ein Armutszeugnis für den deutschen Fußball

Von Robert Hiersemann und Florian Wichert

19.07.2021, 14:31 Uhr
Olympia 2021 | DFB: Ein Armutszeugnis für den deutschen Fußball. Sorgenfalten und ernste Mienen: Trainer Stefan Kuntz (l.) und Spieler Max Kruse. (Quelle: dpa/Arne Dedert)

Sorgenfalten und ernste Mienen: Trainer Stefan Kuntz (l.) und Spieler Max Kruse. (Quelle: Arne Dedert/dpa)

Die deutsche Olympiaauswahl startet mit einer Rumpftruppe in das Turnier in Tokio. Peinlich oder nachvollziehbar? Oder beides? 

Diesen Schreck konnte bei der deutschen Delegation niemand gebrauchen. Vor dem Rückflug aus dem Trainingslager in Wakayama nach Tokio stellte der Spieler Marco Richter fest, dass sein Reisepass verschwunden war. "Wir sitzen am Flughafen und müssen wahrscheinlich ohne Marco weiterfliegen", sagte Teamkollege Max Kruse feixend. "Wir hoffen, dass sich der Pass noch auffinden lässt – ansonsten sind wir halt nur 17." Richter durfte auch ohne Pass fliegen und wird somit beim Auftaktspiel des olympischen Fußballturniers am Donnerstag gegen Brasilien dabei sein, der Pass ist allerdings weiter weg und könnte bei der Rückreise nach Deutschland zum Problem werden.

Bei so einer Nachricht zittert Trainer Stefan Kuntz ganz besonders, weil er jeden Spieler braucht. Der DFB hatte zunächst eine Liste mit 100 Spielern erstellt, von welcher er nachnominieren durfte. Am Ende stellte der 59-Jährige fest: "Wir haben jeden Spieler auf dieser Liste abtelefoniert oder mit den Vereinen gesprochen, und diese 18 sind übrig geblieben." Weil es keine Abstellungspflicht für das Olympische Turnier gibt, stellten sich teilweise die Vereine quer, teilweise die Spieler. Im Gegensatz zu anderen Nationen wie Spanien tritt Deutschland nun mit einer D-Auswahl an. Das führt zu der Frage:

Sind die zahlreichen Absagen für die Olympischen Spiele von Klubs und Spielern nachvollziehbar?

Florian Wichert

Stellvertretender Chefredakteur

Pro

Ja, für Klubs und Spieler kommt Olympia zur Unzeit

Insgesamt 22 Spieler sind erlaubt, nur 18 hat DFB-Trainer Kuntz zusammenbekommen – ohne die großen Namen. Das ist sicher peinlich für den deutschen Fußball, aber es ist auch nachvollziehbar.

Für Vereine und Spieler geht es gerade in die heiße Phase der Saisonvorbereitung. Jetzt geht es um die Grundlagen: Automatismen, Teambuilding, Stammplätze. Gleich bei acht Bundesligisten kämpft ein neuer Trainer um einen guten Saisonstart mit der bestmöglichen Mannschaft, um bloß nicht gleich den Zielen hinterherzulaufen. Wer als Spieler da fehlt, für den ist der Zug schnell abgefahren. Zumal die Olympiafahrer Reisestrapazen, sieben Stunden Zeitverschiebung, Corona-Beschränkungen und im schlimmsten Fall noch eine sportliche Enttäuschung wegstecken müssen.

Dieses Olympische Turnier kommt für Spieler und Vereine zur Unzeit – und ist ohnehin neben WM, EM, Champions- sowie Europa-League, den nationalen Ligen und Pokalen nicht das Highlight, sondern nur ein weiterer Wettbewerb. Der Unterschied: Aufgrund der Regel, dass nur drei Spieler dabei sein dürfen, die älter als 23 sind, fehlt auch noch der sportliche Wert in Form einer echten Vergleichbarkeit.

Die Absagen sind sicher kein Grund zur Freude – aber sie sind am Ende nur eines: logisch.

Robert Hiersemann

Head of Fußball und Sport

Kontra

Nein, das ist ein Armutszeugnis für den deutschen Fußball

22 Spieler hätten nominiert werden können. Nur 18 stehen im Olympiakader. Die anderen wollten oder durften nicht. Das ist nicht nur frustrierend für Trainer Stefan Kuntz, sondern auch ein Armutszeugnis für den deutschen Fußball!

Ja. Die Profis, die nach Japan fliegen, verpassen weite Teile der Saisonvorbereitung. Aber das kann keine Ausrede sein. Viele wissen den sportlichen und emotionalen Stellenwert des größten Sportevents der Welt nicht mehr zu schätzen – und das ist schlimm.

Weltstar Neymar war 2016 Teil der brasilianischen Olympiamannschaft, die in Rio den Janeiro Gold gewann. Nach der Partie brach er in Tränen aus. Und so wichtig sollte dieses Turnier für jeden Athleten sein. Daran sollten sich auch die deutschen Fußballer ein Beispiel nehmen.

Und nur mal zum Vergleich: Die Spanier haben insgesamt sechs Spieler vom FC Barcelona und von Real Madrid in Tokio dabei. Deutschland hingegen tritt ohne Profis der Topvereine Bayern München und Borussia Dortmund an. Diese Klubs ziehen sich aus der Verantwortung.

Und wissen Sie, warum das so ist? Die spanischen Vereine sind dazu verpflichtet, ihre Spieler abzustellen. Und genau das brauchen wir auch in Deutschland. Ansonsten müssen wir dort gar nicht mehr antreten.

Wer hat recht?

Im "Zweikampf der Woche" kommentieren wöchentlich Florian Wichert (Stellvertretender Chefredakteur bei t-online) und Robert Hiersemann (Head of Fußball und Sport) aktuelle Fußballthemen.

Leserbrief schreiben

Für Kritik oder Anregungen füllen Sie bitte die nachfolgenden Felder aus. Damit wir antworten können, geben Sie bitte Ihre E-Mail-Adresse an. Vielen Dank für Ihre Mitteilung.

Name
E-Mail
Betreff
Nachricht
Artikel versenden

Empfänger

Absender

Name
Name
E-Mail
E-Mail

Weltbild.detchibo.deOTTODeichmannbonprix.deLIDLBabistadouglas.deamazon.de

shopping-portal

Hinweis:

Der Internet Explorer wird nicht länger von t-online unterstützt!

Um sicherer und schneller zu surfen, wechseln Sie jetzt auf einen aktuellen Browser.

Wir empfehlen unseren kostenlosen t-online-Browser: