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Kuss-Gate: Olympiasiegerin Tabea Kemme zum Vorfall mit Skandal-Präsidenten


Wie krank ist das bitte?

Von Tabea Kemme

Aktualisiert am 22.09.2023Lesedauer: 4 Min.
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Jenni Hermoso: Die Weltmeisterinnen kämpft seit Wochen für Verbesserungen im spanischen Verband.Vergrößern des Bildes
Jenni Hermoso: Die Weltmeisterin kämpft seit Wochen für Verbesserungen im spanischen Verband. (Quelle: DANIEL BECERRIL)

Seit Wochen kämpfen Spaniens Fußball-Weltmeisterinnen für bessere Bedingungen innerhalb des Verbands. Was in den vergangenen Tagen passiert ist, zeigt auf, dass dieser Kampf noch lange nicht vorbei ist.

Gut einen Monat ist es her, dass sich die spanische Fußball-Nationalmannschaft der Frauen zum Weltmeister krönte. Dieses Team hatte sich im Finale völlig verdient gegen England durchgesetzt und das größtmögliche sportliche Ziel erreicht.

Was diesen Erfolg bis heute noch außergewöhnlicher macht: 15 Nationalspielerinnen fehlten in dieser Mannschaft. Bereits vor der WM in Australien hatten sie sich entschieden, nicht im System von Trainer Jorge Vilda und Verbandspräsident Luis Rubiales für ihr Land spielen zu wollen. Diese Spielerinnen gingen damals ein großes Opfer ein. Ein Opfer, das sie möglicherweise den größten Titel ihrer Laufbahn kostete.

Doch auch die Weltmeisterinnen können und konnten mit dem Titelgewinn nicht in Ruhe weiter ihrem "Job" nachgehen. Der Gewinn des WM-Pokals gab Ihnen eine verdiente, weltweite Aufmerksamkeit. Eine, die durch den unsäglichen Kuss, den der damalige Präsident Rubiales Jenni Hermoso bei der Siegerehrung aufdrückte, noch gesteigert wurde.

Die Spielerinnen traten in einen Boykott, um für ihre Rechte zu kämpfen. Im Kollektiv widersetzten sich die spanischen Weltmeisterinnen – und viele weitere spanische Spielerinnen – dem brutalen System, das sie so viele Jahre unterdrückt hatte. Sie zeigten dem spanischen Verband klare Grenzen auf, mit dem Ziel, dem System der Manipulation und Unterdrückung ein Ende zu bereiten.

Was nun in den vergangenen Tagen passiert ist, zeigt, dass dieser Kampf noch weitergehen muss. Die Spielerinnen wurden angesichts der anstehenden Länderspiele in der Nations League emotional beeinflusst, wenn nicht gar erpresst. Sie wurden gezwungen, gegen ihren Willen ihr Land zu vertreten. Im Falle einer Weigerung drohte eine (finanzielle) Sanktionierung. Wie krank ist das bitte?

Dass nun Montse Tomé, die bisherige Co-Trainerin des zurückgetretenen Chefcoachs Jorge Vilda, das Cheftrainerinnen-Amt übernommen hat, wird kaum für Verbesserung sorgen. Sie ist Teil des bisherigen Systems, sodass kein Vertrauen zu den Spielerinnen hergestellt werden kann. Die Menschen, die bei der außerordentlichen Generalversammlung des spanischen Verbandes Ende August Rubiales applaudierten, kleben immer noch auf ihren Plätzen. Es braucht deshalb jetzt Veränderung von außen.

Es ist eine Schande, dass jene Spielerinnen, jene Weltmeisterinnen, die sich eigentlich auf ihre Sportart konzentrieren wollen, diesen kräftezehrenden Kampf abseits des Platzes austragen müssen. Umso verständlicher finde ich es, dass sich Spielerinnen wie Patri Guijarro und Mapi León nicht in der Lage fühlen, einfach auf den Platz zu gehen und normal Fußball zu spielen – trotz der angekündigten Verbesserungen und Reformen.

Auch mir als früherer Nationalspielerin war es nach den Vorfällen vor und nach der WM wichtig, öffentlich ein Zeichen zu setzen. Deshalb trug ich Anfang September im Rahmen meiner Tätigkeit als Sky-Expertin beim Spiel zwischen Borussia Mönchengladbach und Bayern München ein Trikot des spanischen Nationalteams – und musste dafür eine Menge Kritik einstecken.

Die Art und Weise und die Menge an Gegenwind, die mir für diese Aktion entgegenschlug, hat mir gezeigt, dass eben auch in Deutschland innerhalb eines bestehenden Arbeitgeber- und Arbeitnehmerinnenverhältnisses Probleme auftreten können, wenn man eigenständig eine klare Haltung einnimmt.

Apropos Deutschland: Der schwedische Verband, übrigens Gegner der Spanierinnen in der Nations League, oder auch der australische Verband zeigten sich in klaren Stellungnahmen solidarisch mit dem spanischen Team. Von deutscher Seite habe ich nichts gehört. Der DFB hat, was den "Fall Rubiales" angeht, keine klare Haltung – bis zum heutigen Tag nicht. Man reibt sich fassungslos die Augen.

Die deutschen Spielerinnen hatten sich selbst nach dem Kuss-Skandal gemeinsam zu einer Stellungnahme entschlossen. Der Verband dagegen tappt immer und immer wieder in eine Loyalitätsfalle. In Workshops des DFB geht es dann immer wieder um ausgearbeitete Leitfäden, in denen Werte wie Respekt und ein gemeinsames Miteinander propagiert werden. Mit Verlaub: Das ist alles Bullshit, wenn es nicht gelebt wird.

Am Freitag um 18.30 Uhr wird nun die Partie Schweden gegen Spanien in Göteborg angepfiffen. Nach all dem, was in den vergangenen Wochen passiert ist, würde ich bis zum Anstoß warten, ob die von Victor Francos (Präsident der obersten spanischen Sportbehörde) propagierte Deeskalation wirklich eingetreten ist. Ob das spanische Team dann in der Lage sein wird, alles abzuschütteln und sich auf die Nations League zu konzentrieren? Ich weiß es nicht. Aber es ist auch nicht so wichtig. Das, was in Spanien gerade vonstattengeht, rückt den Sport komplett in den Hintergrund.

Video | Spaniens Fußballerinnen beenden Streik – fast alle
Quelle: Glomex

Eine halbe Stunde früher rollt übrigens auch in Viborg in Dänemark der Ball. Denn auch das deutsche Team startet in die Nations League und absolviert das erste Spiel seit dem Vorrunden-Aus von Brisbane. Bundestrainerin Martina Voss-Tecklenburg wird dann erkrankt fehlen.

Eine Aufarbeitung des blamablen sportlichen Scheiterns hat es, laut DFB aufgrund des Fehlens der Cheftrainerin, bisher nicht gegeben. Wir wissen um die miserable Krisenkommunikation des DFB. So wie es aussieht, läuft der Verband noch mehr ins Verderben. Von einer langfristigen Idee oder Planung ist keine Spur, dabei sind die Partien gegen Dänemark und Island bereits entscheidend für eine mögliche Olympiaqualifikation im kommenden Jahr.

Joti Chatzialexiou, Sportlicher Leiter beim DFB, sprach am Dienstag von einer "Fürsorgepflicht", die man gegenüber der erkrankten Trainerin habe. Die hat man allerdings auch für seine Nationalspielerinnen. Und die kann ich aktuell absolut nicht erkennen. Man lässt sie auflaufen.

Verwendete Quellen
  • Tabea Kemme spielte von 2013 bis 2018 für die deutsche Nationalmannschaft, wurde 2016 in Rio Olympiasiegerin. Bei der WM 2023 arbeitete sie vor Ort unter anderem für t-online als Kolumnistin. Ab der aktuellen Spielzeit ist sie neben ihrem Experten-Job in der Männer-Bundesliga bei Sky sowie in der Champions League bei Prime Video auch für MagentaSport als TV-Expertin der Frauen-Bundesliga aktiv.
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