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Bundestrainer Gislason vor EM: "Kein Kandidat" f├╝r Medaille

Von dpa
Aktualisiert am 01.01.2022Lesedauer: 4 Min.
Alfred Gislason: EM-Absagen "differenziert betrachten".
Alfred Gislason: EM-Absagen "differenziert betrachten". (Quelle: Swen Pf├Ârtner/dpa./dpa)
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Gro├čwallstadt (dpa) - Kurz nach dem Jahreswechsel versammelt Alfred Gislason seine 19 Auserw├Ąhlten f├╝r die Handball-Europameisterschaft zum Lehrgang in Gro├čwallstadt. Im dpa-Interview spricht der Bundestrainer ├╝ber die Vorbereitung, die EM-Ziele und generelle Probleme im deutschen Handball.

Herr Gislason, wie haben Sie die Weihnachtstage verbracht?

AlfredGislason:Gemeinsam mit meinen Kindern und Enkelkindern in Island.

Konnten Sie ein wenig vom Handball abschalten oder war das angesichts der bevorstehenden Europameisterschaft nicht m├Âglich?

Gislason:Ich habe einen Teil des Tages zur weiteren EM-Vorbereitung genutzt und anschlie├čend Zeit mit meiner Familie verbracht. Das hat ganz gut geklappt.

Sie haben f├╝r die Endrunde etliche Absagen erhalten, zudem l├Ąsst die Corona-Krise einmal mehr kein ungezwungenes Handball-Fest zu. Empfinden Sie dennoch etwas Vorfreude?

Gislason:Ich freue mich auf das Turnier. Ich bin gespannt, was wir mit dieser jungen Mannschaft auf die Beine stellen k├Ânnen. Ich freue mich einfach auf die Arbeit mit der Mannschaft.

Worauf werden Sie den Fokus in der EM-Vorbereitung legen?

Gislason:Wir m├╝ssen alles trainieren und einstudieren, k├Ânnen nichts auslassen. Abwehr, Angriff, Tempospiel, Positionsspiel.

Im Kader stehen nur noch wenige Routiniers. Sind die bei einem Turnier besonders gefragt als F├╝hrungsfiguren?

Gislason:Nat├╝rlich erwartet man von den ├Ąlteren und erfahrenen Spielern, dass sie eine F├╝hrungsrolle ├╝bernehmen. Das wird auch wichtig sein, denn wir haben insgesamt eine junge und unerfahrene Mannschaft. Aber wir m├╝ssen die Aufgaben auf alle Schultern verteilen.

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Im 19-k├Âpfigen Kader stehen gleich neun Turnier-Neulinge. Was zeichnet die nachr├╝ckende Generation aus?

Gislason:Viele dieser Spieler waren bei den Junioren schon sehr erfolgreich. Einige haben etwas Zeit gebraucht, sich an die Bundesliga zu gew├Âhnen, aber es sind fraglos gro├če Talente dabei.

Medaille "weit weg"

Angesichts des personellen Umbruchs verbietet es sich fast, eine Medaille als Ziel auszugeben. Oder tr├Ąumt man insgeheim doch ein wenig von einer ├ťberraschung?

Gislason:Wir sind kein Kandidat f├╝r eine Medaille, deshalb reden wir auch nicht davon. Das ist momentan weit weg. Wir konzentrieren uns zuerst auf die Vorrundengruppe, die sehr ausgeglichen ist. Nat├╝rlich wollen wir die Hauptrunde erreichen, aber das wird nicht einfach.

Sie treffen auf Belarus, ├ľsterreich und Polen. Welchen Gegner sch├Ątzen Sie als den st├Ąrksten ein?

Gislason:In dieser Gruppe kann jeder jeden schlagen. Aber die Belarussen und Polen haben sicher mit Abstand die meisten Spieler, die regelm├Ą├čig in der Champions League spielen.

Was fehlt der deutschen Mannschaft derzeit - au├čer der Erfahrung - zur Weltspitze?

Gislason:Jede Menge eigentlich, insbesondere im R├╝ckraum. Wir haben momentan sicher nicht die Superstars. Da sind uns andere Nationen voraus. Wir m├╝ssen versuchen, das ├╝ber mannschaftliche Geschlossenheit auszugleichen.

Sie haben vor knapp zwei Jahren das Amt des Bundestrainers ├╝bernommen. Kurz darauf kam Corona mit vielen Einschr├Ąnkungen, dann eine WM mit vielen Problemen und einem schwachen Abschneiden und schlie├člich lief es auch bei Olympia nicht wie erhofft. Denken Sie manchmal: Oh Gott, was habe ich mir da angetan?

Gislason:Nein, aber nat├╝rlich h├Ątte ich mir vieles anders gew├╝nscht. Ich mache den Job weiter mit sehr gro├čem Elan und bin ├╝berzeugt, dass wir auf dem richtigen Weg sind.

Trauen Sie der jungen Generation zu, in absehbarer Zeit wieder zu den Top-Nationen zu z├Ąhlen?

Gislason:Daf├╝r ist es noch zu fr├╝h. Man muss erst einmal sehen, wie sich die Mannschaft entwickelt. In ihr steckt Talent, aber es muss auch vieles passen. Vor allem muss man Bedingungen schaffen, dass die Spieler dauerhaft und m├Âglichst lange f├╝r Deutschland auflaufen wollen und wir immer unter den Besten ausw├Ąhlen k├Ânnen.

Absagen "differenziert betrachten"

Das war zuletzt oft nicht der Fall und wurde auch ├Âffentlich kritisiert. Sind Sie ein wenig entt├Ąuscht dar├╝ber, dass offenbar nicht bei allen Spielern der unbedingte Wille zu sp├╝ren ist, f├╝r die Nationalmannschaft aufzulaufen?

Gislason:Das muss man differenziert betrachten. Die hohe Belastung trifft vor allem die Spieler aus den Top-Clubs der Bundesliga. In anderen L├Ąndern ist das nicht so. Die vielen Spiele sind nicht das Problem der Spieler, sondern dass sie f├╝r nichts anderes mehr Zeit haben. Kaum Urlaub, kaum Regeneration. Der norwegische Nationaltrainer freut sich nicht umsonst ├╝ber jeden seiner Auswahlspieler, der die Bundesliga verl├Ąsst. Gerade die vergangene Corona-Saison war schon extrem. Es geht also nicht nur um Mentalit├Ąt und Werte der Spieler. Man muss auch die Bedingungen f├╝r die Spieler schaffen, mit denen diese klar kommen k├Ânnen.

Zur Person: Alfred Gislason (62) absolvierte 190 L├Ąnderspiele f├╝r Island und spielte in der Bundesliga von 1983 bis 1988 f├╝r TUSEM Essen. 1991 begann er seine Trainerlaufbahn, die ihn 1997 erneut nach Deutschland f├╝hrte. Nach Stationen in Hameln, Magdeburg und Gummersbach betreute er elf Jahre lang mit gro├čem Erfolg den THW Kiel. Seit Anfang Februar 2020 ist er Bundestrainer.

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