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Olympia 2021: Kein Tageslicht im "Hamsterrad" – so läuft die Quarantäne


Olympia-Knast Tokio
Athleten üben heftige Kritik an Quarantäne-Regeln

  • David Digili
Von David Digili

29.07.2021Lesedauer: 3 Min.
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Dimitrij Ovtcharov: Einer der deutschen Athleten in Tokio. Der Tischtennisspieler schied erst im Halbfinal-Einzel aus.Vergrößern des Bildes
Dimitrij Ovtcharov: Einer der deutschen Athleten in Tokio. Der Tischtennisspieler schied erst im Halbfinal-Einzel aus. (Quelle: Xinhua/imago-images-bilder)

Einsamkeit auf dem Hotelzimmer: Im Zuge der Corona-Pandemie gelten für die Olympioniken während der Spiele in Tokio strikte Vorschriften – die für einige aber über das Ziel hinausschießen.

Es muss ernst sein. Wenn sich der gefühlt stets gut gelaunte und optimistische U21-Bundestrainer Stefan Kuntz so richtig in Rage redet, dann muss es einen Grund geben. Dass die deutschen Fußballer schon in der Gruppenphase gescheitert sind? Geriet in den Hintergrund. Denn was sich Kuntz nach dem enttäuschenden 1:1 gegen die Elfenbeinküste am Mittwoch von der Seele redete, war eine Abrechnung mit diesen Olympischen Spielen.

"Wir waren kaserniert, eingesperrt, durften nicht auf die Straße gehen. Wir durften nur nach langem Hin und Her einen Balkon mal öffnen lassen", erklärte der 58-Jährige. "Da muss ich sagen: Da hätte ich gern mehr olympisches Flair gehabt", fügte Kuntz hinzu. Das sei seine persönliche Meinung. "Das hat jetzt nichts damit zu tun, dass wir Fußballer sind oder Fußballer gerne eine Sonderstellung gehabt hätten." Zwar betonte Kuntz auch: "Wir haben die Menschen hier sehr freundlich kennengelernt“ – allerdings: "Ansonsten war von dem olympischen Gefühl aus meiner Sicht überhaupt nichts vorhanden, außer bei den zwei Besuchen im olympischen Dorf."

Mit seiner Kritik steht der deutsche Auswahltrainer nicht alleine. Die strikten, kompromisslosen Vorschriften und Bedingungen im Zuge der Corona-Pandemie machen den Sportlern zu schaffen. Die Olympischen Spiele 2021 in der japanischen Hauptstadt: Für viele Teilnehmer mehr Olympia-Knast als Olympia-Fest. Erkenntnis dazu: Ob in Corona-Quarantäne oder nicht – im Gefühl macht es für viele Olympioniken offenbar keinen Unterschied.

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Radfahrer Simon Geschke – noch am Eröffnungstag positiv getestet und seitdem in Quarantäne – twitterte bereits kurz nach Start der Spiele aus seinem Hotelzimmer: "Die Fenster sind verriegelt, ich darf das Zimmer nur drei Mal am Tag verlassen, ein Lautsprecher an der Zimmerdecke weckt dich morgens um sieben Uhr zum Fiebermessen." Und fügte ironisch an: "Näher werde ich einem Gefängnisaufenthalt hoffentlich niemals kommen." Auch ein Foto der "Verpflegung" twitterte der 35-Jährige: Reis und viele Tüten Sojasauce – für den Veganer Geschke in den ersten Tagen offenbar die einzige Möglichkeit, zu essen.

An diesem Mittwoch dann erste Erleichterung: "Ich fahre wieder ein wenig", schrieb Geschke. "Zwar wie im Hamsterrad, aber es fühlt sich toll an" – der DOSB und der Bund Deutscher Radsportler hatten ihm ein Trainingsrad und Verpflegung aufs Zimmer geschickt.

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Tatsächlich ist die Vorgehensweise bei einem positiven Test während der Spiele in Tokio bis ins kleinste Detail im offiziellen Regelwerk festgehalten. Auf 70 Seiten werden Anweisungen, Tipps und Verhaltensstandards erklärt. Allerdings: Wo und wie lange ein Sportler in Quarantäne muss, das sollen "die japanischen Gesundheitsbehörden entscheiden, abhängig von Schwere der Krankheit und den Symptomen".

US-Beachvolleyballer Taylor Crabb, der ebenfalls wegen eines positiven Corona-Tests in Quarantäne sitzt, berichtete der "Associated Press" aus seinem Zimmer: "Diese ganze Woche war niederschmetternd", so der 29-Jährige. "Das Schlimmste war natürlich, als ich erfuhr, dass ich positiv getestet wurde und nicht an den Spielen teilnehmen kann. Das erste, was ich machen wollte, war, sofort abzureisen, zurück zu meiner Freundin, zu meinen Eltern. Stattdessen aber sitze ich noch immer auf diesem Zimmer fest, und das sind keine tollen Lebensbedingungen hier. Weder körperlich noch mental." Einzig Yogas mit seiner Mutter und gemeinsames Serienschauen mit der Freundin über Videotelefonate hätten ihn ablenken können.

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Dazu zeigte Crabb per Video einen kleinen Einblick in das ihm zugeteilte Zimmer: Relativ spartanisch eingerichtet, kein Fenster, schmucklos, nicht unbedingt geräumig. Crabb erzählte weiter: "23 von 24 Stunden bin ich auf dem Zimmer, das einzige Mal, dass ich raus darf, ist, wenn auf der ersten Etage Frühstück, Mittag- oder Abendessen serviert werden, und ich mir etwas holen kann."

"Das ist psychisch total anstrengend, ganz sicher mehr, als viele Menschen aushalten können", klagte auch die niederländische Skateboarderin Candy Jacobs, die Bedingungen seien "unmenschlich"“. Sie habe darum kämpfen müssen, nach sieben Tagen im Quarantänehotel für 15 Minuten ein Fenster öffnen zu dürfen.

Maurits Hendriks, Technischer Direktor des Olympischen Komitees der Niederlande, wurde noch deutlicher: Den sechs positiv getesteten Oranje-Athleten in Quarantäne "wird nicht erlaubt, auch nur einen Moment lang Tageslicht zu sehen." Und weiter: "Sie haben schon ihren olympischen Traum aufgeben müssen, und jetzt werden sie auch noch diesen furchtbaren Bedingungen ausgesetzt." Die Hotelzimmer seien "kleine Boxen".

Oder, um es mit Stefan Kuntz zu sagen: Von Olympischem Gefühl ist da überhaupt nichts vorhanden.

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