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Nibalis Traum von Gold platzt kurz vor dem Ziel

Von t-online
Aktualisiert am 07.08.2016Lesedauer: 3 Min.
Da war die Welt noch in Ordnung für Vincenzo Nibali. Der Italiener führt vor Rafal Majka.
Da war die Welt noch in Ordnung für Vincenzo Nibali. Der Italiener führt vor Rafal Majka. (Quelle: Reuters-bilder)
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Aus Rio de Janeiro berichtet Johann Schicklinski

Grund für die Freude der Italiener war ihr Landsmann Vincenzo Nibali. Der Tour-de-France-Sieger von 2014 führte nach der letzten Steigung zusammen mit dem Kolumbianer Sergio Henao und dem Polen Rafal Majka. Noch gut zwölf Kilometer, mehrheitlich bergab. Gold schien Nibali zu diesem Zeitpunkt sicher. Er gilt als exzellenter Abfahrer.


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Doch in der steilen Abfahrt vom Vista-Chinesa-Pass passierte das Unfassbare: Die Fahrer legten ein Tempo vor, dem selbst die Motorräder mit den Kameramännern nicht folgen konnten. Plötzlich lagen Nibali und Henao am Boden, Kameras fingen den Sturz nicht ein. Aber was auch immer genau geschah: Der Traum vom Edelmetall war ausgeträumt. Nibali erlitt bei dem Sturz einen Schlüsselbeinbruch.

Majka nur Dritter

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Nutznießer schien zunächst der Pole Majka zu sein, der alleine in Front liegend Gold entgegenfuhr. Er wurde schließlich noch eingeholt vom Belgier Greg van Avermaet, der sich nach 237,5 Kilometern vor dem Dänen Jakob Fuglsang durchsetzte. Für Majka blieb nur Bronze.

Doch das erste belgische Radsportgold seit 1952 war nach dem brutalen und auch chaotischen Rennen nur Nebensache. Vorherrschende Themen waren die Tragik um Nibali, die Härte des Rennens und das Sturzfestival. Neben den bereits genannten legten sich auch der Brite Geraint Thomas, Richie Porte aus Australien und viele mehr in den engen Kurven der Abfahrten der mit 4600 Höhenmetern gespickten Strecke hin. Insgesamt beendeten nur 65 von 144 Startern das Rennen.

Deutsche Fahrer ohne Medaillenchance

Aus deutscher Sicht nahm das Rennen den erwarteten Verlauf, die BDR-Fahrer blieben ohne echte Medaillenchance. Simon Geschke fuhr lange in einer Ausreißergruppe mit, wurde aber gut zwei Stunden vor Rennende zusammen mit seinen Mitstreitern wieder eingefangen. Mit dem Ausgang hatte er schließlich nichts zu tun.

Emanuel Buchmann schlug sich mehr als wacker und wurde starker 14. "Die Strecke war extrem schwer, mit dem Ergebnis kann ich zufrieden sein, viel mehr war nicht drin", bilanzierte er anschließend. Tony Martin und Bahnsprinter Maximilian Levy schonten ihre Kräfte für die kommenden Wettbewerbe und stiegen wie erwartet vorzeitig vom Rad.

"Noch schwerer geht es nicht"

Über die Härte des Rennens konnte auch die malerische Kulisse nicht hinwegtäuschen. Nach dem Start an Rios Traumstrand ging es auf eine Rundstrecke in die Berge rund um die Zuckerhut-Metropole. Teilweise war die Strecke von so starker Vegetation gesäumt, dass bei gut 30 Grad im Schatten fast schon tropische Bedingungen herrschten und die Fahrer noch mehr auf die Zähne beißen mussten, als sie das angesichts der Steigungen ohnehin schon taten. Weil unter diesen Voraussetzungen nicht mit einer Sprint-Ankunft zu rechnen war, nahmen die deutschen Asse Marcel Kittel, André Greipel oder John Degenkolb gar nicht erst am Rennen teil.

Kritik am Kurs war bereits vorab laut geworden. Als zu schwer stuften zahlreiche Experten die Strecke ein und sprachen davon, dass viele Fahrer aufgrund des Profils schon vorab keine Chance hatten, um die Medaillen mitzufahren. "Es war ein brutales Ausscheidungsrennen", sagte Geschke, "noch schwerer geht nicht, der Kurs war am Limit."

Aus der Traum für Froome

Neben Geschke hatte auch Tour-Sieger Christopher Froome ein "brutales Rennen" wahrgenommen. Der Brite musste seinen großen Traum vom Dreifach-Triumph begraben.

"Tour de France und Doppel-Gold? Das wäre phänomenal", hatte er vor kurzem zu Protokoll gegeben. Doch er hatte als Zwölfter letztlich mit dem Ausgang des Rennens nichts zu tun. Als Trost bleibt Froome, dass er im Zeitfahren in Rio als absoluter Topfavorit gilt.

Die Vista Chinesa verlangt den Fahrern alles ab

Die heiße Phase des Rennens begann nach knapp 170 Kilometern. Die Fahrer mussten noch dreimal über die Vista Chinesa - ein Pass in 502 Metern Höhe. Dort hinauf führte ein 8,9 Kilometer Anstieg mit durchschnittlich 6,2 Prozent Steigung, maximal sogar 19,9 Prozent. Oben angekommen steht eine chinesische Pagode aus dem Jahr 1903 und man genießt einen Blick auf Copacabana, Cristo Redentor und den Zuckerhut. Den Radprofis dürfte allerdings nicht der Sinn danach gestanden haben.

Schon beim ersten knüppelharten Anstieg flog das verbliebene Peloton regelrecht auseinander, die Vista Chinesa machte aus dem bis dahin harten Rennen endgültig ein Ausscheidungsrennen.

Italiens Regierungschef bringt kein Glück

Als die Fahrer gut 12,2 Kilometer vor dem Ziel den Pass ein letztes Mal bezwungen hatten, sah alles nach einem Sieg für Nibali aus. Neben den zahlreichen Tifosi hatte sich auch der italienische Premierminister Matteo Renzi im Zielbereich eingefunden, unters Volk gemischt und das Unglück mitansehen müssen. Die Nibali-Anhänger, die vorher noch so siegessicher waren, verstummten rasch. Auch die vielen Kolumbianer, die zumindest eine Medaillenchance für Henao gewittert hatten, wurden ruhiger.

Jubeln durften dagegen die Fans aus Belgien, Dänemark und Polen. Eines einte aber alle, die sich auf der Copacabana eingefunden hatten, um die Zielankunft des denkwürdigen Rennens zu verfolgen: Wirklich jeder hatte Mitleid mit Nibali.

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