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Theaterregisseur: Die Provokationsmaschine - Frank Castorf wird 70

Theaterregisseur  

Die Provokationsmaschine - Frank Castorf wird 70

17.07.2021, 00:02 Uhr | dpa

Theaterregisseur: Die Provokationsmaschine - Frank Castorf wird 70. Der Regisseur Frank Castorf wird 70.

Der Regisseur Frank Castorf wird 70. Foto: Jšrg Carstensen/dpa. (Quelle: dpa)

Berlin (dpa) - Kunstblut und Kartoffelsalat. Wenn beides zusammentrifft, landet man in der Theaterszene schnell bei seinem Namen. Frank Castorf, der frühere Leiter der Berliner Volksbühne, wird diesen Samstag (17. Juli) 70 Jahre alt.

Die Theatergeschichte hat er maßgeblich geprägt. Aber was genau macht die Faszination aus? Und warum, um Himmels Willen, sind Castorfs Aufführungen immer so lang?

Die "New York Times" hat seinen Stil gerade beschrieben. Als Theatergast wisse man, was man bei Castorf zu erwarten habe. Castorf nimmt Klassiker auseinander und mischt sie mit anderen Texten, lässt seine Schauspieler gewaltige Passagen in den Zuschauerraum brüllen. Er bietet eine Performance in Marathonlänge. Die Inszenierungen können gut fünf, sechs Stunden sein. Oder länger.

Als Publikum kann man sich dem wie im Rausch hingeben. Man wird konfrontiert mit einer großen Überforderung, die spätestens ab Stunde drei etwas in einem auslöst. Dass Castorf die Texte verfremdet und mit anderen Werken mischt, brachte ihm den Ruf des "Stückezertrümmerers" ein. Und auch mal Ärger mit einem Verlag.

Castorf ist ein fast unauffälliger Typ mit grauen Haaren. In Bayreuth provozierte er mal lange Buh-Rufe (15 Minuten, so heißt es), mal viel Zustimmung. In einem YouTube-Video bekommt man einen Einblick in seine Arbeitsweise. Es zeigt Teile eines Konzeptionsgesprächs zu "Der haarige Affe" am Deutschen Schauspielhaus Hamburg.

Castorf sitzt an einem Tisch. Hinter ihm stehen ein paar Plastikflaschen, vor ihm liegen Bücher. Er redet über Poeten und Theatergeschichte, über die Wohlgefälligkeit der bürgerlichen Gesellschaft und King Kong, über authentisches Weinen und forcierte Theatralik. "Wenn es noch peinlicher als peinlich ist, dann entsteht Kunst", sagt er. "Dit' muss man bloß aushalten."

Geboren wurde Castorf 1951 in Ost-Berlin. Nach seinem Studium der Theaterwissenschaften arbeitete er zum Beispiel in Senftenberg und Anklam. Später inszenierte er auch in Westdeutschland. 1992 wurde er dann zum Intendanten der Berliner Volksbühne und sein Haus schon kurz darauf zum Theater des Jahres gekürt.

Als einer der ersten arbeitete er mit Videokameras. Damals eine ziemliche Sensation. Die Videotechnik konnte Zuschauer in versteckte Winkel des Szenenbilds mitnehmen. Bis heute macht Castorf das. Man schaffe damit eine andere Art von Nähe für den Zuschauer, sagt er in dem aufgezeichneten Konzeptionsgespräch.

Castorf leitete die Volksbühne 25 Jahre lang. Als sein Nachfolger für das bekannte Theater am Rosa-Luxemburg-Platz bestimmt wurde, führte das bei Teilen des Publikums zu großem Protest. Der neue Intendant Chris Dercon gab nach nicht einmal einem Jahr wieder auf. Es gab eine Interimsleitung, die sich ebenfalls auflöste. Zur neuen Spielzeit übernimmt nun René Pollesch das Theater - ein Regisseur also, der noch zu Castorfs Zeiten dort gearbeitet hat.

Castorf hat sich mittlerweile an anderen Häusern ausgetobt. Er inszenierte zum Beispiel am Berliner Ensemble. Erst vor Kurzem wurde dort die Premiere von "Fabian oder Der Gang vor die Hunde" begangen. Auf der Bühne wird geschrien, gespuckt, Klavier gespielt. Und die Hand einer Frau landet im Fleischwolf. Viele von Castorfs Markenzeichen seien in der Inszenierung zu finden, befand die "New York Times". Aber sie fühlten sich an "wie ein alter Hut". Provoziert die Provokation also nicht mehr? Kennt man Castorf jetzt eben einfach schon?

Der Intendant des Berliner Ensembles, Oliver Reese, setzt dem eine andere Sicht entgegen. Er habe nach der Premiere mit einigen Zuschauern gesprochen, die in ihrem Leben noch nicht so viele Inszenierungen von Castorf gesehen hätten. "Das Ergebnis war ganz anders als die gelegentliche Feuilleton-Debatte, ob der Altmeister - ab dem 70. Geburtstag hat man sich diesen Ehrentitel verdient, und so viele gibt es leider gar nicht mehr - von der jungen Generation nicht längst vom Sockel gestoßen sei."

Beschrieben worden sei ein enorm vitales, hoch musikalisches Schauspielertheater, das gerade nach den überstandenen Epidemiewellen die ganze Kraft der Live-Performance erlebbar mache - "und dabei unter Einsatz von herrlichstem Boulevard (der Kartoffelsalattanz!) und knausgardhaftem SMS-Gewitter schlicht überwältigt". "Frank Castorf wird also 70?", schreibt Reese. "Bei Bob Dylan heißt das "Never ending Tour"... Herzlichen Glückwunsch!"

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