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Dieses Massen-Coming-out sollte ARD und ZDF zu denken geben

  • Steven Sowa
Ein Kommentar von Steven Sowa

Aktualisiert am 06.02.2021Lesedauer: 4 Min.
Karin Hanczewski und Godehard Giese: Zwei der 185 deutschen Stars, die sich geoutet haben und fĂŒr mehr Offenheit aussprechen.
Karin Hanczewski und Godehard Giese: Zwei der 185 deutschen Stars, die sich geoutet haben und fĂŒr mehr Offenheit aussprechen. (Quelle: Jeanne Degraa/Getty Images/Montage von t-online)
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185 deutsche Filmstars haben sich gemeinsam geoutet. Dass das im Jahr 2021 noch eine Nachricht ist, lĂ€sst aufhorchen. Schließlich sind die Coming-outs von Wolfgang Joop oder Udo Walz Jahrzehnte her. Das Problem liegt im System.

April 1991, vor ziemlich genau 30 Jahren: Schimanski-Star Götz George, das testosterongeladene Raubein des deutschen Sonntagskrimis, gibt ein Interview im "Spiegel". Der Schauspieler spricht ĂŒber seinen Abgang, am 29. Dezember 1991 wird er zum letzten Mal mit "Tatort: Der Fall Schimanski" in der ARD auf Verbrecherjagd gehen – und mit nur einer Antwort sorgt er fĂŒr einen Paukenschlag. "Lasst ihn doch schwul werden", meint George auf die Frage, wie seine "Tatort"-Figur in Zukunft aussehen könnte.

Dass kurz nach der Wende ein Star des deutschen Fernsehens einen schwulen "Tatort"-Kommissar fordert, brachte eine Diskussion ins Rollen. Braucht es mehr schwule und lesbische Charaktere? George nahm die Antwort auf seine Forderung selbst vorweg: "So was geht bei uns leider nicht. Prompt hieß es, der George ist wohl schwul. Das Publikum nimmt alles eins zu eins." Ja, das Publikum. Da ist es wieder. Dieses Scheinargument, mit dem Fernsehsender, Produktionsfirmen und Film- wie Serienauftraggeber immer wieder argumentieren. Frei nach dem Motto: Wir sind fortschrittlich, nur die Zuschauer sind dafĂŒr noch nicht bereit.

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Das Fernsehen geht nicht mit der Zeit

Das ist der eigentliche Skandal hinter dem Coming-out von 185 deutschen Schauspielerinnen und Schauspielern, die sich auf dem Titel des neuen "SZ"-Magazins fĂŒr eine diversere, ein offenere Gesellschaft aussprechen: Dass das Fernsehen nicht mit der Zeit geht. ARD und ZDF, die Dritten Programme, das öffentlich-rechtliche TV-Programm – sie sollten sich von ihren eigenen Stars angesprochen fĂŒhlen. Von "Tatort"-Ermittlern wie Mark Waschke und Karin Hanczewski, von einem TV-Urgestein wie Ulrich Matthes oder frischen, jungen Darstellern wie Jonathan Berlin.

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Was ist in den 30 Jahren passiert, seitdem Götz George offen artikuliert hat, was nun 185 weitere GrĂ¶ĂŸen der Filmbranche propagieren? Wenig. FĂŒr die grĂ¶ĂŸten Auftraggeber bei deutschen Fernsehfilmproduktionen, ARD und ZDF, ist das ein Armutszeugnis. August Wittgenstein in der ZDF-Serie "Ku'damm", Sylvester Groth, der bei seiner letzten "Polizeiruf"-Folge "Wendemanöver" im Jahr 2015 mit einem Mann ins Bett springt oder Jan Josef Liefers und Axel Prahl, die im selben Jahr im "Tatort: ErklĂ€re ChimĂ€re" ein schwules PĂ€rchen spielen. Es sind Ausnahmen, Randerscheinungen, eine marginalisierte ErzĂ€hlform – und sie werden, wie Tobias Reisser, der von Patrick Abozen gespielte Assistent im Kölner "Tatort", herauskomplimentiert. Im Jahr 2018 war Schluss fĂŒr die offen homosexuelle Figur in der ARD-Serie.

Kein Mut, den Grundauftrag zu erfĂŒllen

Das Argument lautet heute noch: "das Publikum". Es sind die Redakteure, die fĂŒr einen diffusen Mainstream Programm machen, EntscheidungstrĂ€ger, die in Quoten denken und nicht in einer LebensrealitĂ€t, die auch Minderheiten abbilden muss. Öffentlich-rechtliches Fernsehen soll denen eine Stimme geben, die sonst nicht gehört werden – das gehört zum Grundauftrag. In dokumentarischen Formaten, in Programmen der Jugendsender funk oder ONE findet diese Wirklichkeit statt, wird beschrieben, erklĂ€rt und reprĂ€sentiert: Aber beim fiktionalen Programm fehlt es an Mut?

Wo ist die Transgender-Person, die im Film mal nicht eine Transgender-Person spielt und in einem fancy Großstadtclub an der Bar steht und Cocktails mixt? Wann waren diese Menschen einfach nur Menschen, ein Abbild unserer Gesellschaft? Auch schwule, lesbische, queere oder nicht-binĂ€re Menschen schauen Fernsehen. Sie gehören ebenso zum Publikum wie die weißen, heterosexuellen Über-60-JĂ€hrigen mit der Decke ĂŒber den Knöcheln und dem Fencheltee in der Hand, die jeden Abend um acht zur Fernbedienung greifen und um 22 Uhr wegnicken.

Es ist wenig verwunderlich, dass einige Reaktionen auf die Coming-out-Kampagne #actout und das Manifest, wonach "mehr Geschichten und Perspektiven als nur die des heterosexuellen weißen Mittelstands" in Film und Fernsehen eine Rolle spielen mĂŒssten, negativ sind. Ein Blick in die Kommentarspalten bei Twitter zeigt: Menschen stoßen sich daran, dass diese Initiative im Jahr 2021 keine Besonderheit mehr sei oder dass es sie nicht interessiere, welche sexuelle Orientierung die Stars haben, das sei doch Privatsache. Doch die Filmschaffenden wissen es besser: Sie erleben die Strukturen, in denen schwule Darsteller nicht gewĂŒnscht sind, weil sie womöglich "das Publikum verschrecken" oder lesbische Hauptfiguren ungern gesehen sind, weil sie dann nicht mehr "fuckable" genug sind, um als Objekt der Begierde fĂŒr ein geiferndes MĂ€nnerpublikum zu funktionieren.

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Das öffentlich-rechtliche Fernsehen hat den Auftrag, an solchen festgefahrenen, aus der Zeit gefallenen Bildern zu kratzen. Sie sollen mit ihrem Grundauftrag, der auch explizit die ReprĂ€sentation von Minderheiten einschließt, ein diverses Gesamtbild einer Gesellschaft wiedergeben, bei dem sich alle reprĂ€sentiert fĂŒhlen. Wollen ARD und ZDF "ihr Publikum" in den Ruhestand begleiten, machen sie so weiter wie bisher. Wollen sie endlich den Zeitgeist atmen und wichtige gesellschaftliche Debatten mittragen, hören sie auf #actout und erfinden sich neu.

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