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Phänomen Gaffer: "Vielen Menschen gefällt es, sich selbst zu inszenieren"

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INTERVIEWSoziologe über Gaffer  

"Vielen Menschen gefällt es, sich selbst zu inszenieren"

Von Ali Vahid Roodsari

08.08.2018, 11:47 Uhr
Phänomen Gaffer: "Vielen Menschen gefällt es, sich selbst zu inszenieren". Ein Passant filmt einen Unfall mit dem Smartphone: Gaffer behindern immer wieder mit Ihrem Verhalten Rettungskräfte.  (Quelle: imago/Jochen Tack)

Ein Passant filmt einen Unfall mit dem Smartphone: Gaffer behindern immer wieder mit Ihrem Verhalten Rettungskräfte. (Quelle: Jochen Tack/imago)

Manche Menschen beobachten einen Unfall oder filmen sogar: Gaffer. Im Interview erklärt Soziologe Prof. Dr. Wolf Dombrowsky, warum Gaffen an sich etwas Natürliches ist, wie Smartphones den Effekt verstärken und was Unbeteiligte gegen Gaffer tun können.  

Schwere Unfälle auf Autobahnen und Landstraßen sind leider alltäglich. In den letzten Jahren haben Rettungskräfte aber vermehrt damit zu tun, nicht nur die Verletzten zu versorgen, sondern überhaupt erst zur Unfallstelle zu gelangen. Der Grund: Gaffer, die das Geschehen beobachten und filmen, anstatt zu helfen. Immer wieder behindern umstehende Menschen die Rettungsarbeiten. 

Gaffer müssen dabei mit hohen Bußgeldern rechnen. "Gaffen" als Ordnungswidrigkeit kostet beispielsweise bis zu 1.000 Euro. Wer Mitmenschen in Not nicht hilft, kann wegen unterlassener Hilfeleistung sogar für bis zu einem Jahr ins Gefängnis. Wer einen Unfall filmt oder fotografiert sogar für bis zu zwei Jahre.

Die Strafen hindern viele Menschen nicht daran, zu gaffen. Wie solche Leute ticken und was Unbeteiligte gegen Gaffer tun können, erklärt der Soziologe Wolf Dombrowsky.

Herr Dombrowsky, können wir pauschal sagen, dass Gaffer böse Menschen sind?

Wolf Dombrowsky: Ja, da stimme ich Ihnen zu.

Und das würden Sie auch als Soziologe unterschreiben?

Nein, nicht so. Wie Sie es ausdrücken, ist es eine religiöse Metapher: Wir unterscheiden zwischen "Gut" und "Böse". Als Soziologe würde ich sagen: Hier liegt ein abweichendes Verhalten vor – ein Regelbruch.

Was meinen Sie damit?

Eine Gesellschaft hat bestimmte Normen und Regeln. Beispielsweise: Bilde eine Rettungsgasse. Oder: Hilf Menschen in Not. Ein Gaffer missachtet solche Regeln aus egoistischen Gründen. Zum Beispiel indem er hinschaut, statt zu helfen. Solche Menschen könnten wir als "böse" bezeichnen. Als Soziologe würde ich sagen: Es werden die Erfordernisse des gesellschaftlichen Zusammenlebens gebrochen.

Aber schaut nicht jeder Mensch mal hin? Ist das denn schon Gaffen?

Nein, nicht sofort. Wir sind alle Augenmenschen, darum ist im ersten Augenblick Gaffen etwas Normales. Aber dann muss jeder überlegen: Wie würde ich behandelt werden wollen, wenn ich da liegen würde? Würde ich wollen, dass fremde Leute mich anglotzen oder filmen, statt zu helfen? Sobald dieses moralische Umschalten nicht stattfindet, wird jemand zum Gaffer.

Haben Menschen denn nicht schon immer gegafft?

Ja, das Gaffen an sich hat nicht zugenommen. Früher schauten Menschen beispielsweise bei öffentlichen Hinrichtungen zu. Es gibt einen Zusammenhang zwischen Gaffenswertem und Sensationellem. Allerdings gibt es im Alltag wenig Sensationelles.


Es gibt also nicht genug zum Gaffen?

So ist es: Alles, was sich ereignet, finden wir auch im Fernsehen. Reden Sie mal mit Zirkusbesuchern. Viele sagen: Das habe ich im Fernsehen besser gesehen. Darum suchen wir uns im Alltag Mikrodinge, die uns irgendwie berühren oder ein bisschen erregen. Beispielsweise so etwas wie ein Unfall. Dinge, die schiefgehen.

Und Smartphones und Co. verstärken den Effekt vermutlich.

Richtig. Früher gab es den Begriff "Maulaffen feilhalten." Das heißt: Vor Erstaunen und Faszination gebannt hinschauen. Mit dem Aufkommen der sozialen Medien haben sich die Dinge verändert. Die Leute schauen nicht mehr nur, sondern filmen Unfälle oder machen Selfies. Denn die sind etwas wert: Das wurde nicht im Fernsehen übertragen, sondern "ich" war der Erste. Und je mehr solcher "Beweise" Menschen haben, die sie Freunden oder Bekannten präsentieren können, desto mehr sind sie der Held der eigenen Community. Darin sehe ich das Problem der heutigen Gesellschaft: Die Leute machen sich ein Vergnügen daraus, sich selbst zu inszenieren.

Wolf R. Dombrowsky ist Soziologe mit Schwerpunkt Katastrophensoziologie. Er wurde als Experte in verschiedene Gremien berufen, darunter in die Schutzkommission beim Bundesministerium des Inneren. Von 2003 bis 2009 war er Leiter der Katastrophenforschungsstelle Kiel. Derzeit arbeitet er als Professor für Katastrophenmanagement an der Steinbeis-Hochschule in Berlin. 

Was kann ein Normalbürger gegen so ein Verhalten tun?

Das kommt auf die Situation an. Wer helfen kann, sollte Hilfe anbieten. Generell sollten Menschen Rettungskräften natürlich Platz machen. Blockieren Gaffer aber beispielsweise eine Straße, kann ich als Unbeteiligter sie darauf aufmerksam machen und fragen: "Wenn Sie schon gucken wollen, warum machen Sie nicht Platz, dass andere vorbeifahren können?" Das dürfte einige auch zum Nachdenken anregen. Oder bitten Sie sie darum, andere Blockierer das Gleiche zu fragen – dann gibt es eventuell einen Schneeballeffekt und der Stau löst sich.

So etwas muss sich jemand erst mal trauen.

Das finde ich einen ganz wichtigen Punkt: Mich hat dieser Western "High Noon" mit Gary Cooper beeindruckt. Er war der einzige, der für Recht und Ordnung einstand, während andere sich versteckten und feige waren. Der Witz ist aber: Wenn alle feige sind, setzen sich die falschen Leute durch. Also bin ich – ob ich will oder nicht – Miterzeuger der Verhältnisse um mich herum.

"Gaffen als Ordnungswidrigkeit" kostet zwischen 20 und 1.000 Euro. Wer Aufnahmen von einem Unfall macht, kann bis zu zwei Jahre ins Gefängnis kommen. Was halten Sie von solchen Strafen?

Ich halte sie nicht für so sinnvoll, weil ich möchte, dass Menschen erkennen, was das Richtige in dieser Situation wäre – und nicht handeln, weil es eine Strafe dafür gibt. Denn dann lautet der Imperativ: Nicht erwischen lassen. Manche versuchen dann beispielsweise, versteckt zu filmen. Ich glaube, dass es vernünftiger wäre, Menschen für das richtige Verhalten zu belohnen. Zum Beispiel bekommt jeder, der Platz macht, einen Sticker von der Polizei. Wer zehn davon sammelt, hat zum Beispiel einen Punkt weniger in Flensburg. Was glauben Sie, wie sich die Leute um solche Sticker reißen würden.

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Klingt ganz schön utopisch.

Das mag schon sein. Wir haben Versuchsreihen mit der Polizei Schleswig-Holstein zu dem Thema durchgeführt. Dabei stellten wir fest: Sprechen wir Menschen darauf an, ob sie helfen können und geben ihnen Aufgaben, zeigen sie sich kooperativ. Die Leute wissen, was richtig ist. Und mit kleinen Anstößen funktionieren sie sofort.

Es gibt aber auch Menschen, die interessiert das Ganze nicht. Die gaffen und beschimpfen Rettungskräfte, weil sie "im Weg stehen". Wie würden Sie gegen solche Personen vorgehen?

Die gibt es leider. Aber sie sind zum Glück in einer Minderheit und dass wir uns darüber aufregen zeigt, dass ihr Verhalten nicht die Regel ist. Ich finde, die Polizei sollte bei solchen Leuten klüger durchgreifen. Beispielsweise sofort Handys einkassieren und für lange Zeit einbehalten. Das würde diese Menschen richtig treffen.

Herr Dombrowsky, vielen Dank für das Gespräch.

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