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Zeitversetztes Fernsehen: Wo Fußball-Gucker das Tor zuerst sehen

Bis zu 50 Sekunden Unterschied  

Wo Fußball-Gucker das Tor zuerst sehen

17.06.2018, 16:18 Uhr | Renate Grimming, dpa

Zeitversetztes Fernsehen: Wo Fußball-Gucker das Tor zuerst sehen. TV-Zuschauer: Wer ein Spiel streamt, schaut Fußball mit bis zu 50 Sekunden Verspätung. (Quelle: dpa/Rolf Vennenbernd)

TV-Zuschauer: Wer ein Spiel streamt, schaut Fußball mit bis zu 50 Sekunden Verspätung. (Quelle: Rolf Vennenbernd/dpa)

Wer schießt das schnellste Tor? Das wird sich zur WM nicht nur auf dem Rasen klären, sondern auch am Fernseher. Während die Nachbarn schon jubeln, müssen manche Fans noch bis zu 50 Sekunden warten.

Wann bei der Fußball-WM das erste Tor fällt, steht für Zuschauer, die das Fernsehsignal per Streaming empfangen, jetzt schon fest: nämlich mindestens 20 Sekunden später. Dann erst geht der Ball auf den TV-Geräten ins Tor – bestenfalls.

Es bleibe bei der Übertragung alles beim Alten, das TV-Signal komme teilweise "erschreckend langsam" auf den Fernsehern an, sagt Ulrike Kuhlmann, Redakteurin beim IT-Fachmagazin "c't". Die Redaktion hatte die Ausstrahlung über verschiedene Wege gemessen und teils bis zu 50 Sekunden Zeitunterschied festgestellt – eine halbe Ewigkeit für Fußballfans, die bei offenem Fenster auf das vom Nachbarn längst bejubelte Tor warten müssen. "Haben die Nachbarn Zugriff auf Satellitensignale, können das beim Elfmeterschießen sehr lange Sekunden werden", sagt Kuhlmann.

Der Satellit empfängt das Signal am schnellsten

Bereits zur WM vor vier Jahren hatte der Effekt des "zeitversetzten Fernsehens" bei vielen Zuschauern für Unmut gesorgt. Ganz vorne sind auch in diesem Jahr die Fans, die per Satellit empfangen. Dabei sei bei ersten Messungen das Bild in schwacher SD-Auflösung mit 4,5 Sekunden am schnellsten angekommen, obwohl dafür das ausgesendete HD-Signal noch heruntergerechnet werden müsse, sagt Kuhlmann. Dicht darauf folgt das Sat-Signal in HD, das eine halbe Sekunde später auf dem Fernsehbildschirm erscheint, aber auch mit einem deutlich besseren Bild entschädigt.

Wer sein TV-Programm terrestrisch über DVB-T2 HD erhält, empfängt die Ausstrahlung im ZDF (2,5 Sekunden Verzögerung zum Sat-SD-Signal) jedoch deutlich schneller als in der ARD (4,5 Sekunden). Dahinter folgt den Messungen der "c't" zufolge das Signal über Kabel. In hoher Auflösung braucht es je nach TV-Sender 6 oder 6,5 Sekunden.

Bis zur WM wird sich an der verzögerten Übertragung nichts ändern

Noch länger müssen Nutzer des Telekom-Angebots "Entertain" auf das Tor warten. "Die Problematik ist bekannt", sagt Telekom-Sprecher Malte Reinhardt. Sie betreffe alle digitalen Übertragungswege, für die die über Satellit übermittelten Signale noch transcodiert werden müssten. Aktuell falle die Wiedergabe des TV-Bildes über das Streamingangebot "Entertain" etwa zwischen 8 und 10 Sekunden zurück. Die Telekom arbeite zwar an neuen Technologien, aber bis zur WM werde sich an der Verzögerung nichts ändern.

Streaminganbieter, die keine Multicast-Technologie (Aussendung eines Signals an viele Kunden) verwenden, lägen aber noch weit dahinter, da könne die Verzögerung schon mal bis zu 50 Sekunden dauern, sagte Reinhardt. Auf dieses Schneckentempo kommen auch die Redakteure der "c't" in ihrem Testlabor. "Da jubeln die Nachbarn schon lange", bevor der Ball auf dem eigenen Bildschirm ins Tor gehe, sagt Kuhlmann.

Beim "Tatort" fällt die Verzögerung niemandem auf

"Wenn die Straße jubelt, weiß man, es passiert gleich was", sagt Jörg Meyer vom TV-Streaminganbieter Zattoo. Bei Liveübertragungen wie der Fußball-WM könne die Verzögerung beim Streaming schon mal unangenehm auffallen, wenn die ganze Straße mitfiebere. Beim normalen TV-Programm, etwa beim "Tatort" spiele sie dagegen eher keine Rolle. "Die zeitliche Verzögerung kann man nicht wegreden."

"Wir speichern zudem das Signal für eine flüssige Wiedergabe ein paar Sekunden auf den Endgeräten zwischen", sagt Meyer. Die Schnelligkeit hänge aber auch von Faktoren wie der Leistungsfähigkeit des Fernsehers ab. Zattoo sei aber immerhin schneller als der Livestream über Mediatheken von ARD und ZDF. Die "c't"-Redakteure kommen je nach Ausgabemedium auf Verzögerungen von 34 bis 46 Sekunden.

Ein Anbieter will noch schneller als das Kabel sein

Es gebe technisch bereits verschiedene Ansätze in der TV-Streamingbranche, das Phänomen in den Griff zu bekommen, sagt Meyer. Spitzenreiter ist der Streamingdienst Magine, der auf einem AppleTV auf 21 Sekunden bei der ARD und 20 Sekunden beim ZDF kommt. Unterdessen ist das Streamingangebot Waipu.tv bereits in diesem Sommer einen großen Schritt weiter. Noch rechtzeitig zur WM will die Exaring AG "das schnellste Tor ins Wohnzimmer" bringen. Mit einer neuen Technologie werde Waipu.tv die Tore sogar noch einige Sekunden früher als im Kabelfernsehen zeigen können, kündigte das Unternehmen an.

Der Anbieter hat dafür ein schnelles Übertragungsverfahren entwickelt und bereits international zum Patent angemeldet. "Über unser eigenes Glasfasernetz und die Vielzahl von Koppelpunkten mit DSL-Netzen können wir die Stärke unseres neuen Übertragungsverfahrens maximal ausreizen", erklärte Johannes Deisenhofer, Chef der Exaring AG. Dafür werde es zusätzlich mit intelligentem Traffic- und Routing-Management kombiniert.

Die Turboübertragung soll noch rechtzeitig vor Start der WM allen Kunden zur Verfügung stehen, die das "Perfect"-Paket abonniert haben. Vorerst lässt sich das Angebot jedoch nur mit Amazons Fire TV oder einem Fire-Tablet sowie über eine App auf Android-Smartphones nutzen.

Am schnellsten bleibt der Satellit

Sven Hansen und Ulrike Kuhlmann von der "c't" haben das neue Waipu.tv bereits im Testlabor unter die Lupe genommen: Demnach kommt es bei der Ausstrahlung sowohl in der ARD als auch im ZDF auf eine Latenzzeit von 2,3 Sekunden und liegt damit vor dem terrestrischen Signal (4,5 beziehungsweise 2,5 Sekunden) wie auch vor der HD-Ausstrahlung über Kabel (6,5 und 6 Sekunden). Schneller ist nur das Bild über Satellit (0,5 Sekunden Latenz in hoher Auflösung). Als Ausgangswert (Null) wurde das herkömmliche SD-Bild über Satellit genommen, das mit 4,5 Sekunden hinter der Echtzeit liegt. Denn ganz ohne Verzögerung geht es nur im Stadion.

Verwendete Quellen:
  • dpa

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