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Versagen im sozialen Netz: "Die Empörungsmaschinerie sprang trotzdem an"

MEINUNGAufregung um "Umweltsau"-Lied  

"Die Empörungsmaschinerie sprang an"

06.01.2020, 13:53 Uhr | Nicole Diekmann

Versagen im sozialen Netz: "Die Empörungsmaschinerie sprang trotzdem an". Nicole Diekmann (l): Die ZDF-Korrespondentin war einem sogenannten Shitstorm ausgesetzt.  (Quelle: Getty images/caracterdesign/Klaus Heymach)

Nicole Diekmann (l): Die ZDF-Korrespondentin war einem sogenannten Shitstorm ausgesetzt. (Quelle: Getty images/caracterdesign/Klaus Heymach)

Nicole Diekmann musste vor einem Jahr selbst einen heftigen Shitstorm durchstehen. Für das regelmäßige Versagen von Entscheidern im Umgang mit sozialen Netzwerken hat sie kein Verständnis mehr.

Es gibt Jubiläen, und es gibt Jubiläen. Ich zum Beispiel – nun ja, feiere würde ich jetzt nicht unbedingt sagen. Also besser: begehe den ersten Jahrestag eines massiven Shitstorms. Die Kurzfassung: Am 1. Januar 2019 twitterte ich "Nazis raus". Und antwortete auf die provokant gemeinte Nachfrage, wer denn in meinen Augen ein Nazi sei, ironisch: "Jede/r, der/die nicht die Grünen wählt." Den Zwinkersmiley ließ ich weg. Der Grund: eine Mischung aus Tiefenentspannung und der Überzeugung, dass der implizite Humor allen klar sein müsste.

Ich wage zu behaupten: Das war er auch. Aber die Empörungsmaschinerie sprang trotzdem an. Über mir brach binnen weniger Tagen der Hass aus. Mord- und Vergewaltigungsdrohungen, wüste Beschimpfungen – alles war dabei, was der Bereich von Social Media emporzuspülen vermag, der einer Kloake gleicht. Einflussreiche Accounts, die meinen Tweet sehr wohl richtig verstanden hatten, sammelten solche hinter sich, die die Ironie tatsächlich nicht herauszulesen in der Lage waren. Rattenfänger.

Rechte Accounts rotten sich zusammen

Monate später wertete der Social-Media-Analyst Luca Hammer die Dynamik des Hasses aus: Was sich im ersten Moment wie ein furchtbarer Tsunami angefühlt hatte, dem ich völlig alleingelassen und wehrlos ausgeliefert war, war ausgelöst worden durch einen harten Kern von rechten Accounts. Sie rotten sich immer mal wieder zusammen und versuchen, Themen zu besetzen. In meinem Fall war es ihnen geglückt. Aber sowas von.

Kommt Ihnen bekannt vor? Richtig. Dasselbe Lied – har har – war es jetzt jüngst beim WDR. Der hauseigene Kinderchor hatte für ein Satireformat eine abgewandelte Version von "Meine Oma fährt im Hühnerstall Motorrad" gesungen, in der die Großmutter "ne alte Umweltsau" genannt wird. (Mehr dazu hier.) Es gab Empörung in der realen Welt, und vor allem gab es Empörung und mehr, naturgemäß potenziert, im Netz. Wieder initiiert von weitgehend rechten Accounts. Wieder organisierte, orchestrierte Wut. Gerichtet gegen eines der Lieblingshassobjekte der Rechten: den so genannten, angeblichen Staatsfunk. Für den ich arbeite. Eine weitere Parallele.

Nicole Diekmann ist Absolventin der Deutschen Journalistenschule, derzeit Korrespondentin im ZDF-Hauptstadtstudio und Social Media-Profi. Sie arbeitete unter anderem auch bei "tagessschau.de" und war von 2011 bis 2015 als eines von drei Mitgliedern des ZDF-Reporterpools tätig, der zuständig für Kriegs- und Krisenberichterstattung ist.

Morddrohungen gegen Journalisten

Was in Sachen "Omagate" folgte:Der WDR ließ das Video löschen und Tom Buhrow entschuldigte sich schleunigst. Ein Mitglied der WDR-Redaktion "Aktuelle Stunde" war in leichten Nuancen weniger an Deeskalation interessiert als sein Intendant und twitterte, Omas seien keine Umwelt-, sondern Nazisäue. Das rief nicht nur weiteren Hass im Netz auf den Plan, sondern laut Deutschem Journalistenverband auch "Anhänger der rechten Szene" vor dem Wohnhaus des jungen Mannes. Keine Frage, sein Tweet war nicht glücklich. Aber für Morddrohungen gibt es keine Rechtfertigung. Nie. Eine Selbstverständlichkeit, finden Sie? Find ich auch. Gemessen daran, wie oft das angezweifelt wird in den sozialen Netzwerken, sehen das erstaunlich viele Menschen nicht so.

Die "Aktuelle Stunde"-Redaktion machte die Sache nicht gerade besser. Auf eine Nachfrage hin twitterte sie, der Mann sei freier Mitarbeiter, kein Redakteur. Kein weiterer Satz. Nun wird man im WDR nicht müde zu betonen, in anderen Tweets habe man ihn durchaus öffentlich in Schutz genommen. Das offenbart allerdings eine riesige Wissenslücke: Niemand schaut nochmal nach, ob denn anderswo möglicherweise solidarischere Tweets aufgetaucht seien. Twitter ist flüchtig. Wer sich einigermaßen auskennt, weiß, dass es so nicht funktioniert.

Nur: Viele kennen sich eben nicht aus. Erstaunlich viele JournalistInnen und erschreckend viele Führungskräfte in Medienhäusern haben keine Ahnung von Twitter, Facebook, Instagram oder YouTube, um nur mal Grundlegendes zu nennen. Dass es diesmal der WDR war, bei dem so viel schiefging – reiner Zufall.

Entscheider haben das Internet verschlafen

Der Grund: Das Internet wurde anfangs von Entscheiderinnen und Entscheidern in Medienhäusern (und der Politik, aber das ist eine andere Geschichte) kolossal unterschätzt und dadurch verschlafen. Ich konnte das in meinen Jahren bei "tagesschau.de" beobachten, wo ich mit Unterbrechungen von 1999 bis 2011 arbeitete. Die Haltung der Radio- und Fernsehleute bewegte sich auf einer Skala von "Entschuldigung, du arbeitest doch für Online. Ich habe da Probleme mit meinem Browser, kannst du mir helfen?" bis "Also, ich könnte das ja nicht, diese Geringschätzung hier im Sender aushalten. Toll, dass du das machst, eure Arbeit ist so wichtig!" In anderen Häusern lief es nicht viel besser; auf Parties stand man früher oder später mit Onlinern zusammen und tauschte solche Anekdoten aus. Geteiltes Leid und so.

Dasselbe passierte mit Social Media. Chefs hielten Facebook, Twitter, Instagram undwiesiealleheißen für Spielzeug – selbst dann noch, als die Plattformen längst gesellschaftspolitische Bedeutung besaßen. In den Machtzentren saßen oft Leute, die abgehängt waren. 

Katastrophale Krisenkommunikation

Das Ergebnis sehen wir jetzt: Fehleinschätzungen. Keine Frage danach, ob womöglich eine Agenda hinter einem Shitstorm steckt. Ob im Netz dazu aufgerufen wurde, in Zuschauerredaktionen anzurufen. Stattdessen hektischer Aktionismus, der eben denen in die Hände spielt, die die Algorithmen verstanden haben und sie zu ihren Zwecken zu nutzen wissen. Noch immer fällt man auf sie herein und macht im Zweifel alles nur noch schlimmer mit aussichtslosen Versuchen, die neuen Dynamiken mit den traditionellen Instrumenten in den Griff zu kriegen. In etwa so, als würde man ein Pferd vor ein liegengebliebenes Auto spannen.

Kurz: Katastrophale Krisenkommunikation.

Was es schon seit Langem braucht, ist vor allem eine Einsicht: Wir alle müssen wissen, wie zumindest die wichtigsten Plattformen funktionieren. Wissen. Wir müssen nicht mitmischen. Wir müssen sie nicht mal mögen. Love your friend, know your enemy.

Shitstorms muss man überstehen

Und wir brauchen Führungskräfte – völlig egal, ob in den Chefetagen von Medienhäusern oder in denen anderer Unternehmen –, die zu dreierlei fähig sind:

  1. Sich eingestehen, dass sie den Anschluss verpasst haben.
  2. Sich Ratgeberinnen und Ratgeber suchen. Und zwar aus dem Kreis genau derer, die lange bestenfalls als wunderlich und schlimmstenfalls als unfähig für "richtigen" Journalismus erachtet wurden. Netzaffine und -erfahrene Leute.
  3. Geld in die Hand nehmen für vernünftige, sachkundige und mit Fingerspitzengefühl ausgestattete Menschen in den Social Media-Abteilungen.

Ein Rezept gegen Shitstorms ist das nicht. Es wird sie weiter geben. Das Interesse gewisser Kreise an ihnen ist zu groß, die Stimmung zu aufgeheizt, die Maschinerie zu gut geölt, die Politik zu machtlos (hier sind die Probleme ganz ähnlich gelagert wie in Sendern und Medienhäusern), und die Plattformen den Algorithmen zu hörig, die Geld einbringen und Wut als Motor brauchen.

Man muss diese Shitstorms, auch wenn es wehtut, so gut wie möglich überstehen. Und die Autorin dieses Textes kann sagen: Das IST möglich. Hiermit haben Sie das schriftlich.

Verwendete Quellen:
  • Eigene Recherche

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