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Kampf gegen Coronavirus: Wie sinnvoll sind Tracking-Apps für Covid-19-Infizierte?

Tracking-Apps  

Was bringen Handydaten im Kampf gegen das Coronavirus?

30.03.2020, 14:46 Uhr | dpa, str

Kampf gegen Coronavirus: Wie sinnvoll sind Tracking-Apps für Covid-19-Infizierte?. "#StayHome" steht auf einem Handy, an der eigentlich der Schriftzug des Netzbetreibers Vodafone steht: Um die Ausbreitung des Coronavirus zu verlangsamen, sind die Menschen angehalten zu Hause zu bleiben. (Quelle: dpa/Sebastian Gollnow)

"#StayHome" steht auf einem Handy, an der eigentlich der Schriftzug des Netzbetreibers Vodafone steht: Um die Ausbreitung des Coronavirus zu verlangsamen, sind die Menschen angehalten zu Hause zu bleiben. (Quelle: Sebastian Gollnow/dpa)

Handydaten sollen bei der Eindämmung des Coronavirus helfen: Bei Politikern und in großen Teilen der Bevölkerung kommt die Idee gut an. Doch die GPS- und Mobilfunktechnik, die die meisten im Sinn haben, eignet sich nur bedingt dafür. Experten haben einen Gegenvorschlag. 

Es klingt bestechend: Das Handy soll zum Mitstreiter gegen das Coronavirus werden. Wer Kontakt hatte zu einem Infizierten, könnte über die Standortdaten seines Mobiltelefons ermittelt und informiert werden. Im ersten Anlauf ist Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) mit der Idee gescheitert. Aufgegeben hat er sie noch nicht. Das Thema soll nun bei den Beratungen nach Ostern eine Rolle spielen – wenn es um "eine Zeit nach Corona" geht, in der der Kampf gegen das Virus anhält, die Einschränkungen aber gelockert werden.

Nach einer Umfrage des Meinungsforschungsinstituts YouGov im Auftrag der Deutschen Presse-Agentur gäbe es viel Rückhalt für solche Überlegungen: 50 Prozent sagten, sie hielten die Ortung von Kontaktpersonen von Infizierten für sinnvoll. 38 Prozent fänden das unangemessen. 12 Prozent machten keine Angaben.

Datenschützer warnen vor einem massiven Eingriff in die Privatsphäre der Bürger, der auch nach Bewältigung der Krise Bestand haben könnte. Darüber hinaus sprechen aber auch technische Argumente gegen den Einsatz von GPS- und Funkzellen-Tracking. Dazu muss man wissen, wie die jeweilige Technik funktioniert und welche Alternativen es gibt. Wir erklären die wichtigsten Punkte. 

Welche Ortungsdaten kann man von Smartphones überhaupt bekommen?

Es gibt im Kern zwei Wege, Informationen über die Position eines Mobiltelefons zu kommen: darüber, in welche Funkzelle es eingebucht ist  – also welche Masten Daten übermitteln – , und über Satelliten-Systeme zur Positionsbestimmung wie GPS oder Galileo.

Die Satelliten-Ortung ist zwar recht präzise – im Idealfall kann der Standort des Nutzers damit bis auf wenige Meter genau bestimmt werden. Doch jeder, der sich schon mal beim Navigieren über den wild umher springenden Punkt geärgert hat, weiß, dass auf das GPS-Signal nicht immer Verlass ist. Vor allem in der Stadt wird das Signal von Häuserwänden gestört. Und innerhalb von Gebäuden ist an eine genaue Standortbestimmung schon gar nicht zu denken. Ob man also beispielsweise an der Supermarktkasse mit einem Infizierten in Kontakt gekommen ist, lässt sich so kaum ermitteln.

Und wie sieht es mit der Genauigkeit der Funkzellen-Daten aus?

In einer Funkzelle kann man die ungefähre Position eines Telefons am Abstand zu Sendemasten bestimmen. Allerdings geht das selbst in Innenstädten mit dicht gesäten Antennen nach Angaben von Experten bestenfalls auf etwa 50 Meter genau. In Vororten oder auf dem Land ist das Ergebnis noch weniger präzise. Die Methode wäre damit viel zu ungenau, um Annahmen über eine Ansteckungsgefahr zu treffen.

Zudem speichern die Anbieter aktuell nur anonymisierte Positionsdaten. Sobald ein Telefon eine Funkzelle verlässt, verfallen die Informationen, die einem konkreten Nutzer zugeordnet werden können. Will man sie erheben, müssten die Systeme erst umprogrammiert werden.

Wo erweist sich das Handytracking bereits als nützlich?

Die Behörden interessieren sich dafür, ob die angeordneten Ausgangsbeschränkungen eingehalten werden – oder ob weitere, strengere Maßnahmen erforderlich sind. Da davon ausgegangen wird, dass die Leute ihr Handy immer bei sich tragen, könnten die Standortdaten hier generell Auskunft geben.

Entsprechende anonymisierte Daten hat die Telekom bereits dem Robert-Koch-Institut übergeben. Diese erlauben ausschließlich Rückschlüsse darüber, wie viele Telefone sich in welchen Gebieten bewegt haben. Das funktioniert immerhin bis auf Landkreisebene, aber nicht so detailliert, dass einzelne Bewegungsmuster ausgelesen werden könnten. 

Die Weitergabe der anonymisierten Telekom-Informationen stufte der Bundesdatenschutzbeauftragte Ulrich Kelber als rechtskonform ein. Zugleich mahnte er: "Ich sehe, dass in anderen Staaten während der Corona-Pandemie der Datenschutz teilweise vernachlässigt wird." 

Könnte man Infektionsketten mit Hilfe von Standortdaten nachverfolgen?

Daneben gibt es Überlegungen, ob Handydaten dazu beitragen könnten, die Zahl der potenziell infizierten Menschen stärker einzugrenzen und diese dann gezielt zu isolieren. Dann wäre die Lockerung der Ausgangsbeschränkungen für andere womöglich weniger riskant. 

Im Bezug auf Standortdaten wurden solche Gedankenspiele von den meisten Experten aber bereits verworfen. "Bisher fehlt jeder Nachweis, dass die individuellen Standortdaten einen Beitrag leisten könnten, Kontaktpersonen zu ermitteln. Dafür sind diese viel zu ungenau", gibt auch der Datenschützer Kelber zu bedenken. 

Eine individuelle Kontrolle und Nachverfolgung einzelner Nutzer ist nicht nur technisch, sondern auch rechtlich extrem heikel. Sie setzt einen umfassenden Überwachungsapparat und massive Eingriffe in die Privatsphäre der Bürger voraus. Der Schaden für die Gesellschaft wäre größer als der Nutzen, sagen die Kritiker. 

Gibt es eine bessere Alternative? 

Für die Übertragung des Coronavirus spielt nicht nur die räumliche Nähe, sondern vor alle auch die Dauer eines Kontakts eine große Rolle. Beide Faktoren könnten von einer App erfasst werden, die die Bluetooth-Signale von Mobilgeräten in der Nähe erfasst. Das Vorbild für eine solche Anwendung befindet sich bereits in Singapur im Einsatz. Der Vorteil: Die Lösung gilt als deutlich datenschutzfreundlicher und effektiver als die Standorterfassung. 

Und so funktioniert sie: Die App scannt die Umgebung nach Bluetooth-Signalen im Umkreis von weniger als zwei Metern – alles darüber gilt als eine sichere Distanz, alles darunter erhöht das Infektionsrisiko. Stellt sich heraus, dass ein anderer App-Nutzer an Covid-19 erkrankt ist, erhalten alle, die sich mit ihrem Gerät in seiner Nähe aufgehalten haben, eine Push-Nachricht. Der genaue Standort ist bei dieser Methode irrelevant, was zählt, ist die Distanz. 

Allerdings müssten die Nutzer die App immer noch freiwillig herunterladen und ihr Bluetooth-Signal aktivieren. Je mehr mitmachen, desto größer der Nutzen. Und selbst dann besteht immer noch die Möglichkeit, mit einem Virus-Überträger in Kontakt zu kommen, der die App nicht nutzt. Zur Bekämpfung der Pandemie stehen daher andere, überwiegend analoge Methoden weiterhin im Vordergrund, wie beispielsweise verstärktes Testen der Bevölkerung, strenge Hygiene, Schutz der Risikogruppen und gegenseitige Rücksichtnahme. 

Verwendete Quellen:

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