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Meinung
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Vom Unbekannten zum prominenten Hassobjekt

Eine Kolumne von Nicole Diekmann

Aktualisiert am 05.05.2021Lesedauer: 4 Min.
RKI-Chef Lothar Wieler: Mit der Bekanntheit kamen bei ihm auch die Drohschreiben.
RKI-Chef Lothar Wieler: Mit der Bekanntheit kamen bei ihm auch die Drohschreiben. (Quelle: Political-Moments/imago-images-bilder)
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Der RKI-Präsident hat durch die Corona-Pandemie in Deutschland Berühmtheit erlangt. Und die kommt mit einer hässlichen Beigabe: Hass. Das regt niemanden mehr auf – und das ist gefährlich.

Noch vor einem Jahr war Lothar Wieler ein Unbekannter. Okay, die Fachwelt kannte ihn schon; Präsident des Robert Koch-Instituts, das ist schon was. Aber eben nichts, was die breite Masse interessiert. Dann kam Corona.

Und mit Corona die allfreitägliche Pressekonferenz. Inzwischen sitzen fast jeden Freitagvormittag Lothar Wieler, der Bundesgesundheitsminister und wechselnde Menschen an ihrer Seite im Haus der Bundespressekonferenz im Berliner Regierungsviertel.

Der Minister versucht Woche für Woche, Politik zu erklären, anzupreisen und, ja, natürlich auch dies: schönzureden. Aus dem Corona-Management der GroKo Gold zu machen. Und um das Ganze wieder in ein etwas realistischeres Licht zu rücken, kommt dann, jeden Freitag, Lothar Wielers Part. Und so kam Wieler zu Ruhm.

Wieler warnt deutlich – und von Wählerstimmen unabhängig

Wieler ist der unkorrumpierbare, von Wählerstimmen komplett unbeirrte Teil der Veranstaltung. Er referiert mit heller Stimme und einem leichten rheinländischen Einschlag Fakten, ernst, aber nicht angespannt, durch die Gläser seiner randlosen Brille blickend.

Er warnt in ruhigen, deutlichen Worten. Und er appelliert – und zwar nicht an die Bevölkerung, wie Spahn und andere Regierungsverantwortliche es stets tun, sondern auch an ebendiese Regierungsverantwortlichen.

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"Wir haben einen fürchterlichen Krieg begonnen"
Ein russischer Soldat steht an einem Feld in der Ukraine (Archivbild): Ein ehemaliger Fallschirmjäger berichtet jetzt in einem Buch vom Ukraine-Krieg.


Die Fernsehjournalistin Nicole Diekmann kennt man als seriöse Politik-Berichterstatterin. Ganz anders, nämlich schlagfertig und lustig, erlebt man sie auf Twitter – wo sie bereits Zehntausende Fans hat. In ihrer Kolumne auf t-online filetiert sie politische und gesellschaftliche Aufreger rund ums Internet.

Ginge es nach Wieler, hätte es längst einen Lockdown gegeben, und zwar einen richtigen. Kein Chichi wie "Testen und Bummeln" oder als Modellversuche getarnte Alleingänge allen Warnungen zum Trotz. Daraus macht er keinen Hehl. Wieler ist kein Haudrauf, aber Wieler sagt klar, wie gefährlich die Lage seiner Meinung nach ist. Wie wichtig Einschränkungen sind. Wie richtig harte Einschränkungen wären. Und so kam es zum Hass gegen Lothar Wieler.

Vor ein paar Tagen war der gelernte Fachtierarzt für Mikrobiologie zu Gast in der Sendung "jung & naiv". Und erzählte dort, dass er keine öffentlichen Verkehrsmittel mehr benutze. Weil das zu gefährlich sei. Das sage das Landeskriminalamt, so Wieler. Der nicht vergisst, den Leuten in seiner Behörde zu danken, die den Hass am Telefon und per Mail abbekommen, der ihm, dem Professor der Tiermedizin, gilt.

Der Hass, die Bedrohungen, das sei die bedrückendste Erfahrung, die er in den letzten Monaten gemacht habe. "Ich hab das Gefühl, seitdem ich jetzt selber in bisschen in der Öffentlichkeit stehe, das ist ja scheinbar bei Leuten, die prominent sind, gar nicht so unüblich".

Wo leben wir eigentlich?

In der Shitstorm-Republik leben wir. Ich habe ein Buch darüber geschrieben. Heute erscheint es. "Das ist ja der perfekte Zeitpunkt", sagen seit ein paar Tagen Leute, die sich für mich freuen. Einerseits haben sie recht, gerade ist wieder viel los – andererseits ist fast immer der perfekte Zeitpunkt. Denn Corona hat die Polarisierung unserer Gesellschaft noch mal verschärft.

Die anfängliche Solidarität ist Üblem gewichen

Wo ganz am Anfang kurz noch Solidarität war, da ist nach ganz kurzer Zeit sehr viel Übles entstanden. Und wieder einmal kommt Facebook, Twitter und Konsorten eine zentrale Rolle dabei zu. Wenn das Virus der Sprit ist, dann sind die sozialen Medien der Brandbeschleuniger. Und das Schlimmste ist: Wir haben uns ein Stück weit schon daran gewöhnt.

Ein Beispiel: Markus Blume, der Generalsekretär der CSU, sagte kürzlich in einem Interview, er habe vor wenigen Tagen von einem Bundestagsabgeordneten aus seiner Partei "WhatsApp-Nachrichten oder Telegram-Nachrichten zugeleitet bekommen, in denen man ihm prophezeit, dass er einen selben Weg gehen wird wie der ermordete Regierungspräsident Lübcke".

Walter Lübcke, Kasseler Regierungspräsident, wurde 2019 auf seiner Terrasse von einem Neonazi erschossen. Jahrelang war der CDU-Politiker Lübcke, der für eine liberale Flüchtlingspolitik eingetreten war, in den sozialen Netzwerken beleidigt, verhetzt und bedroht worden. Lübcke war, nachdem Experten schon lange davor gewarnt hatten, dass der Hass im Netz rüberschwappen könnte in die reale Welt, für die Politik endlich ein Weckruf. Und so kam es zum Gesetz gegen Rechtsextremismus und Hasskriminalität.

Das Gesetz ist eine direkte Reaktion unter anderem auf den Mord an Lübcke, dessen Name auch im Gesetz auftaucht. Und es ist der nächste Versuch der Politik, das einzudämmen, was Bundesinnenminister Horst Seehofer diese Woche als "klare Verrohungstendenzen" bezeichnete.

Seehofer verließ Twitter umgehend wieder

Seehofer war übrigens auch mal dabei. Auf Twitter. Zwei Tweets lang, dann hatte er keine Lust mehr: Was er da lese, so sagte Seehofer "ist oft dermaßen platt und flach, gehässig und bösartig – nein, von so einer Community möchte ich nicht Teil sein".

Es IST flach, gehässig und bösartig. Damit hat Seehofer völlig recht. Dass er als Innenminister zu dieser Erkenntnis allerdings erst im Jahr 2019 gelangt ist – diese viele Jahre in der Politik verbreitete Ignoranz ist ein wichtiger Grund dafür, dass die Tech-Riesen ungehindert wachsen konnten, ohne sich um das immer brisanter werdende, wuchernde Problem zu kümmern, zu verkommen zur Gosse, die einen enthemmten Mob beheimatet.

Twitter ist laut Fachleuten diejenige der gängigen Plattform, die am wenigsten mit den Sicherheitsbehörden zusammenarbeitet. Sie gibt Daten von Usern, die potenziell Strafbares posten, nicht weiter. Wohlgemerkt: Am wenigsten im Vergleich mit den anderen Plattformen. Wirklich gerne tun es alle nicht. Es könnte Nutzer abschrecken und somit Werbekunden kosten.

Die Verrohung hat längst eingesetzt – oder haben Sie einen entsetzen öffentlichen Aufschrei nach der Aussage von Markus Blume vernommen, dass seinem Parteifreund indirekt mit dem Tod gedroht wird? Nein? Ich auch nicht. Es gehört zur Tagesordnung. Das ist schlimm. Und brandgefährlich.

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