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Der nervige Draht im Mund

t-online, Sabine Caron

27.04.2010Lesedauer: 5 Min.
Zwei Jungs, einer trÀgt eine Zahnspange.
Über die HĂ€lfte aller Kinder leidet an einer Zahnfehlstellung. (Bild: Imago) (Quelle: /imago-images-bilder)
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Fast die HĂ€lfte aller Kinder und Jugendlichen landen Statistiken zufolge irgendwann einmal beim KieferorthopĂ€den. Doch wann, warum und wie behandelt wird, ist fĂŒr viele Eltern nicht wirklich durchsichtig. Wenn sich abzeichnet, dass ihr Kind eine Zahnspange bekommt, entstehen fĂŒr Eltern viele Fragen. Welche GrĂŒnde stehen dahinter? Handelt es sich ausschließlich um kosmetische Aspekte oder stehen gesundheitliche GrĂŒnde im Vordergrund? In welchen FĂ€llen und ab welchem Alter zahlt die Krankenkasse?

Die hĂ€ufigsten GrĂŒnde

Dem portal-der-zahnmedizin.de zufolge leiden 60 Prozent aller Kinder und Jugendlichen unter einer Zahnfehlstellung. Die HĂ€lfte der Fehlstellungen sind angeboren, die andere HĂ€lfte ist erworben und durch Angewohnheiten wie zum Beispiel Daumenlutschen, Dauernuckeln an Trinkflaschen oder NĂ€gelkauen ein "hausgemachtes" Problem. Oft kann man schon am Milchzahngebiss mit vier oder fĂŒnf Jahren erahnen, dass die bleibenden ZĂ€hne nicht ausreichend Platz haben werden und es zu Fehlstellungen kommen kann. Dann stehen die ZĂ€hne stehen nicht in einem ordentlichen Bogen, sondern aufgrund des Platzmangels verschachtelt. Das kann auch passieren, wenn MilchzĂ€hne infolge von Karies gezogen werden mĂŒssen, weil die NachbarzĂ€hne dann in die LĂŒcken wandern und die bleibenden ZĂ€hne zu wenig Platz haben. Der Engstand macht etwa 50 Prozent der kieferorthopĂ€dischen Fehlstellungen aus und ist damit das hĂ€ufigste Problem. Weitere hĂ€ufige kieferorthopĂ€dische Probleme sind der offene Biss, der Überbiss oder der Vorbiss. Beim offenen Biss entsteht – meist durch Angewohnheiten wie Daumenlutschen – ein Loch, weil die SeitenzĂ€hne aufeinander beißen, die SchneidezĂ€hne aber nicht. Der Über- oder der Vorbiss dagegen sind meist genetisch bedingt. Beim Überbiss ist der Unterkiefer kleiner als der Oberkiefer, so dass manchmal sind die unteren SchneidezĂ€hne regelrecht verdeckt sind. Beim Vorbiss ist das VerhĂ€ltnis genau umgekehrt, so dass der Unterkiefer aufgrund seiner GrĂ¶ĂŸe weit vorsteht.

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Nur ein kosmetisches Problem?

Eine kieferorthopĂ€dische Behandlung kann bei leichten Fehlstellungen eine rein kosmetische sein. Die Behandlung stĂ€rkerer Fehlstellungen aber dient laut Experten immer auch der Vermeidung von gesundheitlichen Folgeproblemen. In einem intakten Gebiss steht jeder Zahn in einem ganz bestimmten Kontakt zu seinem Gegenzahn. Dadurch wird die Kaukraft gleichmĂ€ĂŸig auf den Kiefer verteilt. "Ist der Kontakt zwischen Zahn und Gegenzahn gestört, zum Beispiel durch Zahnverlust, zu hoch stehende FĂŒllungen oder schlecht sitzende BrĂŒcken und Kronen, kann das RĂŒckenschmerzen auslösen", sagt Dr. Susanne Holthausen, Medizinerin bei der TK. Auch andere chronische Beschwerden wie Gesichts- und Kopfschmerzen können durch schiefe ZĂ€hne ausgelöst werden, so Dr. Werner Schupp vom Berufsverband der Deutschen KieferorthopĂ€den. Außerdem fĂŒhren Fehlstellungen zu SchĂ€digungen des Kieferknochens, die sich hĂ€ufig zuerst in lĂ€stigen OhrgerĂ€uschen oder Schmerzen im Halswirbelbereich Ă€ußern, wie auf dem portal-der-zahnmedizin.de zu lesen ist.

Kieferprobleme, MigrÀne und Nackenschmerzen

Bei einem Überbiss warnen KieferorthopĂ€den vor allem vor funktionellen Problemen mit "Knacken" und schmerzhaften Kiefer- und Kiefergelenksproblemen sowie migrĂ€neartigen Kopfschmerzen und Nackenschmerzen. Die Kaufunktion kann deutlich beeintrĂ€chtigt werden, so dass die Nahrung schlechter zermahlen wird. In manchen FĂ€llen kann das spĂ€ter Magen-Darm Probleme nach sich ziehen. Auch im "Alter" können laut Experten Folgeprobleme entstehen, wenn eine Patientin oder ein Patient Zahnersatz braucht. Trifft ein Zahn nicht auf das passende GegenstĂŒck, hĂ€lt der Zahnersatz hĂ€ufig schlechter oder kann nicht richtig eingestellt werden. Der Anteil der Betroffenen, die an den genannten Folgeproblemen leidet, ist aber nicht quantifiziert. Und viele Erwachsene, die von einem Engstand betroffen sind, berichten von Beschwerdefreiheit. Da es fĂŒr Laien fast unmöglich ist, zu beurteilen, ob eine Behandlung – jenseits der kosmetischen Aspekte – notwendig ist, ist es empfehlenswert, eine zweite Meinung einzuholen.

Wann sollte die Behandlung beginnen?

Entscheidend fĂŒr den Behandlungsbeginn ist die vor allem die Schwere der Fehlstellung. Die meisten kieferorthopĂ€dischen Behandlungen werden mit etwa zehn Jahren begonnen. Noch entscheidender als das Alter ist der Durchbruchsbefund der bleibenden ZĂ€hne. Je spĂ€ter die bleibenden ZĂ€hne durchgebrochen sind, desto spĂ€ter wird auch mit der Behandlung begonnen. Ein zu frĂŒher Beginn verlĂ€ngert die Behandlungszeit, weil wĂ€hrend der Behandlung auf neue ZĂ€hne gewartet werden muss. Damit es nicht zu RĂŒckschlĂ€gen kommt und das Erreichte erhalten bleibt, muss die Zahnspange auch wĂ€hrend der Wartezeit getragen werden. Diese normalen Behandlungen werden bei folgenden Diagnosen durchgefĂŒhrt.

  • bei einem Überbiss
  • bei LĂŒcken
  • bei verlagerten ZĂ€hnen
  • bei einem Vorbiss
  • bei einem offenen Biss
  • bei einem Tiefbiss
  • bei einem Kreuzbiss
  • bei Engstand
  • bei Platzmangel

Wann ein frĂŒher Behandlungsbeginn nötig ist

Wenn die Fehlstellung besonders ausgeprĂ€gt ist, wird manchmal auch schon frĂŒher mit der Behandlung begonnen. Das gilt zum Beispiel fĂŒr einen offenen Biss, der mehr als 4 Millimeter misst und auf eine angeborene Kieferfehlstellung zurĂŒckgeht. In AusnahmefĂ€llen (z.B. umgekehrter FrontzahnĂŒberbiß, die unteren SchneidezĂ€hne stehen vor den oberen) muss schon viel frĂŒher (ab dem 6. Lebensjahr) begonnen werden. Den Zeitpunkt des Behandlungsbeginnes sollte der behandelnde KieferorthopĂ€de bestimmen.

Krankenkassen zahlen ab bestimmten Schweregrad

Seit 2002 hat der Gesetzgeber ein Abstufungssystem eingefĂŒhrt, mit dem die gesetzlichen Krankenkassen die Behandlung nur noch ab einem bestimmten Schweregrad ĂŒbernehmen. Dieses Abstufungssystem teilt die Fehlstellungen in fĂŒnf so genannte kieferorthopĂ€dische Indikationsgruppen (KIG) ein. FĂ€llt eine Fehlstellung in die Stufen KIG 1 oder KIG 2, mĂŒssen die Kosten von den Eltern selbst ĂŒbernommen werden, weil diese leichteren Fehlstellungen keine erheblichen BeeintrĂ€chtigungen der Gesundheit darstellen. Die Kassen zahlen also erst ab Stufe KIG3. Seitdem hat die Zahl der Behandlungen deutlich abgenommen.

WillkĂŒrliche Grenze?

Kritiker beklagen, dass die Grenzziehung medizinisch willkĂŒrlich ist: Die Behandlung eines Überbisses beispielsweise wird ersetzt, wenn der Abstand zwischen den oberen und unteren SchneidezĂ€hnen mindestens 6,1 Millimeter betrĂ€gt. Sind es nur 6 Millimeter, hat der Patient das Nachsehen und muss selber fĂŒr die Kosten aufkommen.

20 Prozent Eigenanteil

Eltern mĂŒssen zunĂ€chst 20 Prozent der Kosten fĂŒr eine kieferorthopĂ€dische Behandlung selbst an den Zahnarzt zahlen. Sind mehrere Kinder gleichzeitig in kieferorthopĂ€discher Behandlung, sinkt der Eigenanteil auf 10 Prozent pro Kind. Die Kasse ĂŒbernimmt also zunĂ€chst nur 80 Prozent der Rechnung. Ist die kieferorthopĂ€dische Behandlung beendet und hat der Zahnarzt die erfolgreiche Beendigung bestĂ€tigt, bekommen Eltern das Geld auf Antrag zurĂŒckerstattet. Diese ZurĂŒckzahlung kann ausbleiben, wenn die Behandlung abgebrochen wurde oder der Patient nur unzureichend mitgearbeitet hat.

In die eigene Tasche greifen

ZusĂ€tzlich zu dem – in der Regel erstatteten Eigenanteil - mĂŒssen Eltern hĂ€ufig auch noch aus eigener Tasche etwas zur Behandlung dazuzahlen. Damit lassen sich KieferorthopĂ€den Korrekturen und GerĂ€te bezahlen, die von den Kassen als nicht zwingend notwendig eingestuft werden und deshalb nicht erstattet werden. Einige KieferorthopĂ€den weigern sich mittlerweile aber, ohne diese Zusatzzahlungen der Eltern eine Behandlung zu beginnen, und verlangen monatliche Summen von etwa 25 Euro. Ob diese Extras notwendig sind, ist fĂŒr die Eltern hĂ€ufig nicht zu beurteilen.

Zusatzversicherungen können sinnvoll sein

Um die Kosten zu begrenzen, kann eine kieferorthopĂ€dische Zusatzversicherung sinnvoll sein. Stiftung Warentest hat diese Versicherungen unter die Lupe genommen und Tipps fĂŒr die Auswahl der geeigneten Versicherung zusammengestellt. Besonders wichtig ist dabei, auf den Leistungsumfang zu achten. So sollte eine Zusatzversicherung sowohl die teuren reinen Privatbehandlungen erstatten, aber auch fĂŒr Behandlungen mit Kassenanteil leisten. Prozentzahlen dagegen bedĂŒrfen der genauen Betrachtung, denn Versicherungen die 100 Prozent ĂŒbernehmen begrenzen die Gesamtzahlen hĂ€ufig auf einen Gesamtwert, so dass der Patient insgesamt oft weniger bekommt.

Wichtiger Hinweis: Die Informationen ersetzen auf keinen Fall eine professionelle Beratung oder Behandlung durch ausgebildete und anerkannte Ärzte. Die Inhalte von t-online können und dĂŒrfen nicht verwendet werden, um eigenstĂ€ndig Diagnosen zu stellen oder Behandlungen anzufangen.
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