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Medikament Ritalin: Kardiologen warnen vor möglichen SpÀtfolgen

Von dpa
30.01.2012Lesedauer: 3 Min.
Ritalin-Patienten kann Arteriosklerose als Langzeitfolge drohen.
Ritalin-Patienten kann Arteriosklerose als Langzeitfolge drohen. (Quelle: /dpa-bilder)
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GefÀhrlicher Bluthochdruck, ausgelöst durch Ritalin und andere ADHS-Mittel? Das war der Verdacht. US-Studien lieferten zuletzt jedoch keine Hinweise auf mehr Herzinfarkte oder gar TodesfÀlle. Doch Kardiologen warnen vor Arteriosklerose (Arterienverkalkung) als möglicher Langzeitfolge.

Ritalin ist kein "rotes Tuch" mehr

Die Zeit der heftigen GrabenkĂ€mpfe zwischen BefĂŒrwortern und Kritikern von Ritalin und Co. scheint vorbei – bei sorgfĂ€ltiger Diagnose einer Aufmerksamkeitsdefizitstörung (ADHS) ist die ergĂ€nzende Gabe der Wirkstoffe Methylphenidat oder Atomoxetin kein rotes Tuch mehr, wenn andere Therapien allein nicht ausreichen.

Die korrekte Anamnese wird immer wichtiger

Betroffene Familien oder Erwachsene haben oft einen hohen Leidensdruck, bis sie zum Medikament greifen. Doch angesichts stetig wachsender Verschreibungszahlen wird die umfassende, korrekte Anamnese immer wichtiger – nicht zuletzt, so betonen Kardiologen, weil unter UmstĂ€nden Arterienverkalkung als Langzeitfolge droht.

Risiko fĂŒr Herzleiden wohl nicht erhöht

Die Frage, ob die langfristige Einnahme von Ritalin das Risiko fĂŒr Herzleiden erhöht, wird seit Jahren diskutiert. Eine große US-Kohortenstudie an Zwei- bis 24-JĂ€hrigen (veröffentlicht im "New England Journal of Medicine") erbrachte jĂŒngst keine Hinweise fĂŒr eine erhöhte Zahl von "schweren ZwischenfĂ€llen" wie Herzinfarkten oder gar TodesfĂ€llen ĂŒber einen Zeitraum von zwei Jahren. Eine Studie im US-Ärzteblatt "Journal of the American Medical Association" ("JAMA") untersuchte Erwachsene – mit Ă€hnlichem Ergebnis. Doch aus Sicht von Kardiologen drohen Probleme möglicherweise erst langfristig.

Bluthochdruck und Arteriosklerose als Langzeitfolge?

"Es gibt Hinweise, dass beispielsweise der Ritalin-Wirkstoff Methylphenidat den Blutdruck bei 80 Prozent der Patienten erhöht. Meist nur geringfĂŒgig, aber bei Einzelnen steigt er auch stark und dauerhaft an. Das erhöht das Risiko fĂŒr eine spĂ€tere Arteriosklerose", sagt der Kinderkardiologe Martin Hulpke-Wette aus Göttingen. Diese Gefahr, so der Fachmann der Deutschen Gesellschaft fĂŒr Kinderkardiologie, werde bislang deutlich unterschĂ€tzt. Denn erst Mitte 2010 seien deutsche Blutdruck-Normwerte fĂŒr normalgewichtige Kinder bestimmt worden. "Die werden aber noch nicht flĂ€chendeckend berĂŒcksichtigt." Eine grĂŒndliche Anamnese vor der Behandlung und ein Check im Drei-Monats-Abstand sei deshalb unerlĂ€sslich. "Eltern sollten dies unbedingt ansprechen", empfiehlt er.

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"Diagnose-Kriterien werden oft nicht eingehalten"

Professor Wolfgang Rascher von der Kinder- und Jugendklinik der Uniklinik Erlangen und Mitglied der Arzneimittelkommission ergÀnzt: "Ich sehe immer noch sehr oft, dass die Diagnose-Kriterien nicht eingehalten wurden." Es sei deshalb sehr wichtig, dass nur Experten mit Zusatzausbildung diese Diagnose stellen und nicht etwa der Hausarzt. Der Anstieg der Ritalin-Verschreibungen habe sich zuletzt zwar abgeschwÀcht, aber sei dennoch enorm.

Schon 700.000 Kinder mit Bluthochdruck?

Kardiologe Hulpke-Wette schĂ€tzt, dass in Deutschland bereits rund 700.000 Kinder Bluthochdruck haben, zumeist unentdeckt. "FĂŒr Arteriosklerose, die sich ja ĂŒber viele Jahre entwickelt, zĂ€hlt jeder Risikofaktor wie Übergewicht, erhöhte Lipidwerte oder Rauchen. Aber ab drei Faktoren wirken sie nicht mehr additiv, sondern exponentiell", erlĂ€uterte er.

Hersteller Strattera warnt vor Blutdruckanstieg

Im Dezember hatte der Hersteller des ADHS-Medikaments Strattera (Wirkstoff Atomoxetin) gemeinsam mit dem Bundesamt BfArM in einem Roten-Hand-Brief auf einen deutlich stĂ€rkeren Blutdruckanstieg bei einem Teil der Patienten hingewiesen. Ärzte sollten Menschen mit schweren Herzproblemen das PrĂ€parat deshalb nur eingeschrĂ€nkt verschreiben.

Auch Erwachsene Ritalin-Konsumenten im Fokus

Angesichts der Tatsache, dass ADHS-Medikamente seit geraumer Zeit auch erwachsenen Patienten verschrieben werden dĂŒrfen, gewinnt der Aufruf der Kardiologen an Gewicht. Denn viele erwachsene ADHS-Betroffene "therapierten" ihren gestörten Dopamin-Haushalt bereits in Eigenregie durch Zigaretten und Alkohol - also weiteren Arteriosklerose-Risikofaktoren, berichten Ärzte. Hinzu kommt die unbekannte Menge an Erwachsenen, die Ritalin in PrĂŒfungszeiten oder beruflichen Stressphasen als "Wachmacher" schlucken - illegal ĂŒbers Internet besorgt.

"Viele Betroffene haben sehr schwierige Zeiten hinter sich"

FĂŒr viele betroffene Familien dĂŒrften die Bedenken der FachĂ€rzte an ihrem Umgang mit der individuellen Situation dennoch wenig Ă€ndern. "Anders als in den Medien hĂ€ufig dargestellt, tun sich die meisten Eltern, aber auch viele betroffene Erwachsene, mit der Entscheidung zur Medikation der ADHS sehr schwer", berichtet der Sprecher des Selbsthilfeverbands ADHS-Deutschland, Johannes Streif. Das gesamte FĂŒr und Wider sei meistens grĂŒndlich durchdacht. "Viele Betroffene und ihre Familien haben sehr schwierige Zeiten hinter sich, angesichts derer manche Nebenwirkung, die nur mit geringer Wahrscheinlichkeit auftritt, weder Eltern noch Betroffenen wirklich bedeutsam erscheint."

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Abwarten und HibiskusblĂŒtentee trinken

Kardiologe Hulpke-Wette versteht dies und unterstĂŒtzt die Eltern: "Generell ist aus meiner Sicht gegen die Medikamententherapie nichts einzuwenden – wenn man eben auf die Nebenwirkungen im Herz-Kreislaufsektor achtet. Solange Bluthochdruck entdeckt und beobachtet wird, ist das ja nichts Schlimmes." Oft reiche es schon aus, die Medikamentendosis anzupassen oder – falls dies in schweren ADHS-FĂ€llen nicht möglich sei - HibiskusblĂŒtentee zu trinken.

Wichtiger Hinweis: Die Informationen ersetzen auf keinen Fall eine professionelle Beratung oder Behandlung durch ausgebildete und anerkannte Ärzte. Die Inhalte von t-online können und dĂŒrfen nicht verwendet werden, um eigenstĂ€ndig Diagnosen zu stellen oder Behandlungen anzufangen.
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