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Coronavirus-Epidemie: Aktuelle Lage und Umgang bei Hausärzten mit Covid-19

Mediziner zu Corona  

"Viele Patienten verfallen in Panik"

Von Melanie Weiner, Nicole Sagener

08.03.2020, 11:07 Uhr
RKI erwartet Corona-Medikament in wenigen Wochen – auch Einschätzung zu Impfstoff

Ein Impfstoff wird nach Einschätzung des Robert Koch-Instituts aber erst nächstes Jahr verfügbar sein. Bis Donnerstagmittag wurden 350 Fälle in Deutschland gemeldet. (Quelle: Reuters)

Coronavirus: Das Robert Koch-Institut erwartet zeitnah ein Corona-Medikament – auch zu einem Impfstoff gibt es eine Einschätzung. (Quelle: Reuters)


Die Hausärzte in Deutschland wurden von der Coronavirus-Epidemie überrumpelt. Während sich einige Ärzte allein gelassen fühlen, loben andere die Anstrengungen der Behörden.

t-online.de hat mit Hausärzten aus Rheinland-Pfalz und Schleswig-Holstein sowie mit der Ärztevertretung in Berlin gesprochen. Wie sieht die aktuelle Lage in den Praxen aus und wie gehen die Ärzte mit der Herausforderung durch das SARS-CoV-2 genannte Virus um? 

Hausärzte in Rheinland-Pfalz fühlen sich allein gelassen

"Die Patienten sind sehr stark verunsichert, viele verfallen in Panik, Beratungsanlässe nehmen stark zu", sagt Klaus Korte, Hausarzt und Mitglied des Vorstands im Hausärzteverband Rheinland-Pfalz, über die Situation in dem Bundesland auf Anfrage von t-online.de. "Insbesondere Arbeitgeber und Schulen, die die Angst vor Betriebs- und Schulschließungen antreibt, drängen vermehrt auf Tests", so Korte.

Mit fatalen Folgen für die Hausärzte: "In diese Zeit mit der saisonal höchsten Arbeitsbelastung des Jahres kommt jetzt zusätzlich noch die Coronavirus-Epidemie. Das erhöht die tägliche Arbeitsbelastung noch einmal um geschätzt ein Drittel." 

Ohnehin treffe die Epidemie die meisten Arztpraxen in seiner Region unvorbereitet, beklagt der Allgemeinmediziner. "Wir haben bereits vor drei Wochen, mit Beginn der Epidemie in Italien, FFP2- und FFP3-Masken, Schutzbrillen und Einmalkittel aus dem Internet zu völlig überhöhten Preisen ergattert."

Das aber reiche nur für zehn Tests und Nachschub sei nicht lieferbar. Die Folge: Kollegen ohne ausreichend Schutzausrüstung für ihre Praxen baten Korte, die Testung ihrer Patienten zu übernehmen. "Dadurch aber haben meine Mitarbeiter und ich ein erhöhtes Risiko, selbst angesteckt zu werden", sagt der Arzt.

Würde sich Personal anstecken, würde seine Praxis geschlossen und unter Quarantäne gestellt. "Mit dem vollen finanziellen Risiko, das mich dann als Unternehmer trifft: Lohnfortzahlung, laufende Kosten, Kredite und vieles mehr – bei ausbleibenden Einnahmen. Eine Absicherung durch Krankenversicherung oder Staat – Fehlanzeige", moniert der Hausarzt.


Behörden hätten schon eher reagieren müssen

Bislang können Korte und sein Team nur so gut es eben geht mit der Situation umgehen: "Wir versuchen in der Praxis die Untersuchungen an Corona-Verdachtsfällen als Ärzte allein, ohne Personal, außerhalb der regulären Sprechzeiten oder im Rahmen von Hausbesuchen durchzuführen." Er bitte zudem alle Patienten mit dem Verdacht auf eine Coronavirus-Infektion, zunächst telefonisch mit der Praxis Kontakt aufzunehmen. "Das ist", betont Korte, "der beste Schutz für unsere Mitarbeiter und Patienten."

Vom Umgang der Politik und der Ämter mit dem Coronavirus ist Korte irritiert: "Es muss den Behörden sowie ihren Beraterstäben doch schon viel länger bekannt gewesen sein, was da auf uns zukommen könnte." Allein die persönliche Schutzausrüstung für Ärzte und Mitarbeiter hätte seit Wochen auf Abruf bereitgestellt werden können. "Uns Ärzten ist völlig klar, dass auch Improvisation gefragt ist in so einer Situation, aber man kann die Problematik nicht zu 90 Prozent auf die Hausärzte abwälzen und dann ohne weitere Unterstützung sagen: Jetzt macht ihr mal."

Schleswig-Holsteins Behörden haben inzwischen reagiert 

Anders als in Rheinland-Pfalz sieht die Situation in Schleswig-Holstein aus. In dem Bundesland gab es bislang nur wenige Fälle von Infizierten – dementsprechend sei auch die Lage in seiner Praxis "bisher vergleichsweise entspannt", sagt Thomas Maurer, Facharzt für Allgemeinmedizin und Vorsitzender des Hausärzteverbandes Schleswig-Holstein, im Gespräch mit t-online.de.

Es habe erst einen Verdachtsfall im engeren Sinne gegeben. Dieser aber habe angerufen und sei dann an das Gesundheitsamt weitergeleitet worden, berichtet Maurer. "Überhaupt", so Maurer: "Die Patienten sind nicht panisch." Natürlich sprächen viele das Thema an. "Bisher hat uns aber niemand gebeten, einen Test auf das Virus durchzuführen, ohne dass ein begründeter Anlass dazu bestand."

Sollte auch in seiner Region die Zahl der Verdachtsfälle steigen, ist aber auch für Maurer klar: "Es kann nicht jede einzelne Arztpraxis für sich allein in die Pflicht genommen werden, Infektionsketten zu bekämpfen." Deshalb, so der Hausarzt, sei es lobenswert, wie gut das Gesundheitsministerium des Landes in Zusammenarbeit mit der Kassenärztlichen Vereinigung und den Hausärzten in Schleswig-Holstein reagiert hätten: So hat das Bundesland kürzlich einen fahrenden Dienst eingerichtet, der bei Bedarf die Menschen aufsucht, bei denen der Verdacht auf eine Infektion vorliegt. In Maurers Bezirk übernehmen das zum Teil Ärzte freiwillig aus der Praxis heraus. Auch Ärzte im Ruhestand, die in keine Praxis mehr zurückkehren und dort weitere Menschen anstecken könnten, springen freiwillig ein.

Hausarzt: "Es braucht klare Ansagen"

Und noch etwas tut sich in Schleswig-Holstein: Das Land baut gerade an einigen ausgewählten Stellen Testpunkte für Patienten auf, die sich unbedingt testen lassen wollen. "Die Anregungen wurden von den Behörden also durchaus aufgegriffen und recht schnell umgesetzt", meint Maurer. Das alles seien wichtige Maßnahmen, denn einen Massenansturm könnte seine Praxis mit ihrer jetzigen Ausrüstung nicht bewältigen. 

Die Routineversorgung sollte laut Maurer heißen: Patienten mit dem Verdacht auf Corona melden sich telefonisch beim Hausarzt und werden dann gegebenenfalls gleich an die entsprechenden Stellen weitergeleitet.

Für die Zukunft sieht Maurer ganz klar eine Auswertung der jetzigen Situation: "Es braucht klare Ansagen zu der Frage, was eine Praxis für solche Situationen vorrätig haben sollte." Zudem könnte es auch sinnvoll sein, zentral in jedem Bezirk entsprechend Schutzausrüstung zu lagern, die dann nach Bedarf an die Ärzte verteilt werden kann. Denn es könne nicht sein, dass die Ärzte auch noch abgezockt werden, weil Schutzausrüstung überteuert angeboten und verkauft wird.

Auch in Berlin fehlt es an Schutzausrüstung

Der Kassenärztlichen Vereinigung Berlin zufolge beklagten zuletzt viele Berliner Praxen die mangelnde Versorgung mit Schutzausrüstung. Die Ärztevertretung fordert deshalb ausreichend Schutzkleidung für Ärzte und medizinisches Personal und versucht, die Praxen trotz Lieferengpässen zu unterstützen. Nur so könne die Versorgung von Corona-Verdachtsfällen gewährleistet werden. "Höchste Priorität ist es, dass sich unsere Ärzte und deren Praxispersonal nicht mit dem Virus anstecken", sagt Dr. Burkhard Ruppert, stellvertretender Vorstandsvorsitzender der KV Berlin.

Die Vereinigung befinde sich aktuell in intensiven Gesprächen mit der Senatsverwaltung und der Berliner Feuerwehr, um die Praxen mit Schutzkleidung wie FFP2-Masken, Schutzkitteln und -brillen auszustatten.

Auch ein gemeinsamer Fahrdienst der KV Berlin und der Berliner Feuerwehr wurde eingerichtet, um die Hausarztpraxen weiter zu entlasten. Immobile Patienten mit sehr schweren Erkältungssymptomen können so vom ärztlichen Bereitschaftsdienst auf das Coronavirus getestet werden. Allen mobilen Patienten rät Ruppert, sich nur nach vorheriger Anmeldung in den Praxen vorzustellen. "So haben die Praxen genügend Zeit, um sich auf diese Patienten einstellen zu können", sagt er. Die KV Berlin wisse von vielen Praxen, dass diese versuchen, ihre Patienten gut zu beraten und gegebenenfalls zu untersuchen.

Verwendete Quellen:
  • Eigene Recherchen

Wichtiger Hinweis: Die Informationen ersetzen auf keinen Fall eine professionelle Beratung oder Behandlung durch ausgebildete und anerkannte Ärzte. Die Inhalte von t-online können und dürfen nicht verwendet werden, um eigenständig Diagnosen zu stellen oder Behandlungen anzufangen.

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