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Arztpraxis in Quarantäne: "Natürlich ist Corona gefährlicher als die Grippe"

INTERVIEWArztpraxis in Quarantäne  

"Natürlich ist Corona gefährlicher als die Grippe"

Von Manfred Schäfer

09.03.2020, 14:28 Uhr
Arztpraxis in Quarantäne: "Natürlich ist Corona gefährlicher als die Grippe". Ein Hausarzt in Schutzkleidung: So wie dieser Arzt, sind im März 2020 in Deutschland nur wenige Arztpraxen mit Schutzkleidung versorgt. (Quelle: imago images/local pic)

Ein Hausarzt in Schutzkleidung (Symbolbild): So wie dieser Arzt, sind im März 2020 in Deutschland nur wenige Arztpraxen mit Schutzkleidung versorgt. (Quelle: local pic/imago images)

Das Coronavirus breitet sich in Deutschland rasant aus. Mittlerweile gibt es über 900 Infizierte, 40 davon in Berlin. Dort hat t-online.de mit einem Facharzt unter Quarantäne über strenge Maßnahmen, Behördenversäumnisse und fehlende Schutzkleidung gesprochen.

Anfang März 2020 wurde in Berlin die erste Arztpraxis wegen Infektionen mit dem SARS-CoV-2 Erreger vorübergehend geschlossen. Das Virus löst die Erkrankung COVID-19 aus, die weltweit inzwischen über 100.000 Infizierte betrifft.

t-online.de hat mit einem Berliner Facharzt für Allgemeinmedizin und Diabetologie gesprochen, der seit dem 06. März wegen einer infizierten Patientin in Quarantäne häuslich isoliert ist. Zum Schutze seiner Angestellten und Patienten möchte der Mediziner namentlich nicht genannt werden.

t-online.de: Ihre Praxis in Berlin wurde wegen eines mit dem Coronavirus infizierten Patienten vorübergehend geschlossen. Sie und Ihr Team sind jetzt isoliert und in Quarantäne. Wie geht es Ihnen?

Facharzt: Mir geht es gut. Die Quarantäneregeln, über 14 Tage in meiner Wohnung bleiben zu müssen, sind etwas ungewohnt, aber ich habe genug zu organisieren, um die Versorgung meiner Patienten sicherzustellen. Sie können ja nicht einfach zehn Tage unversorgt bleiben.

Wie kam es dazu, dass Ihre Praxis am 06. März geschlossen wurde?

Eine meiner Patientinnen wurde positiv auf die Coronavirus-Infektion getestet. Zum Zeitpunkt ihres Praxisbesuchs war sie als Risikofall leider noch nicht zu identifizieren. Im Nachhinein wurde meine Patientin getestet, weil sie mit einem Corona-Infizierten in Kontakt stand. Daraufhin ordnete das Gesundheitsamt die Quarantänemaßnahme für mich und die Mitarbeiterinnen, die mit der Patientin Kontakt hatten, an. Außerdem haben sie alle Personen, die zum fraglichen Zeitraum in meiner Praxis waren, überprüft.

Hatten Sie zu Ihrem eigenen Schutz genug Desinfektionsmittel und Schutzkleidung vorrätig?

Nein. Schutzkleidung oder Atemschutzmasken, wie es das Robert Koch-Institut empfiehlt, habe ich nicht erhalten. Ich kenne aktuell keine einzige Arztpraxis in Berlin, die mit der Schutzausrüstung versorgt worden ist. Und das ist das Problem: Eine Testung von Corona-Verdachtsfällen ist in einer Praxis ohne Schutzausrüstung nicht sinnvoll und nicht sicher möglich. Weil die Praxis ohne effektiven Schutz weder für Patienten noch für das Praxispersonal bei einem positiven Test auf das Virus natürlich sofort geschlossen werden muss. Mit Schutzkleidung wäre das nicht nötig.

Infobox:
SARS-CoV-2: So heißt das neue Virus aus der Familie der Coronaviren in der Wissenschaft offiziell
COVID-19: So nennt die Weltgesundheitsorganisation (WHO) seit 11. Februar 2020 die Erkrankung, die durch das Virus verursacht wird
Coronavirus: So wird das Virus in der Öffentlichkeit genannt

Wie muss man sich das vorstellen: Kam das Gesundheitsamt vermummt und in Schutzkleidung wie in einem Science-Fiction-Thriller in Ihre Praxis?

(lacht) Nein, das war ganz unspektakulär. Die Mitarbeiterin des Gesundheitsamtes hat mich und meine Angestellten gebeten, eine Probenentnahme, das heißt einen Abstrich aus dem Rachen- und Nasenbereich, selbst vorzunehmen. Die Dame hat die Proben dann kontaktlos entgegengenommen. Deshalb war in diesem Fall keine Schutzkleidung erforderlich.

Warum so drastische Maßnahmen wie Quarantäne, wenn das Virus doch angeblich nur so gefährlich ist wie eine Grippe?

Das kann man aus meiner Sicht so nicht behaupten. Wir haben im Augenblick sehr viele Grippefälle und nur sehr wenig Coronafälle. Also kann man die Anzahl der aufgetretenen komplikationsreichen Fälle nicht vergleichen. Bezogen auf jeweils 100 Erkrankte ist die Corona-Infektion natürlich gefährlicher als die Grippe. Letztendlich können wir zum jetzigen Zeitpunkt noch nicht genau einschätzen, wie gefährlich eine Coronavirus-Infektion ist.

Halten Sie die Quarantänemaßnahme also für gerechtfertigt?

In meinem Fall mag das noch gerechtfertigt sein, um eine sehr schnelle Ausbreitung der Infektion zu verhindern. Dadurch wird vermieden, das hohe Erkrankungszahlen das Gesundheitssystem überfordern. Andererseits kann die Schließung von Praxen bei steigenden Fallzahlen aber schnell zu einem Kollaps des Gesundheitssystems führen. Die Versorgung von chronischen wie akut erkrankten Menschen wird dann gefährdet. Das können wir uns nicht leisten.

Das Robert Koch-Institut hat eine sehr lange Liste mit Maßnahmen für die Behandlung von Corona-Infizierten erstellt, die viele Virologen und Hausärzte als praxisfremd kritisieren bzw. im Falle der Berliner Charité auch ignorieren. Teilen Sie deren Meinung?

Ja. Wir müssen immer aktuell prüfen, ob die Balance zwischen Infektionsschutz und dem Auftrag der Gesundheitsversorgung gewährleistet ist. Wenn durch die Schließung von Krankenhausabteilungen und Arztpraxen die Versorgung von schwer kranken Menschen gefährdet ist, muss die Verhältnismäßigkeit der Maßnahmen überdacht werden. Sonst würden die Patienten dort ja sterben.

Der Virologe Alexander Kekulé schlägt vor, Schulen, Kitas und Großveranstaltungen 14 Tage "Coronaferien" zu verordnen, um die Zahl der künftigen Erkrankungen und Toten erheblich zu reduzieren. Würde sowas wirklich helfen?

Das Unterbrechen wichtiger Infektionsketten ist aus meiner Sicht schon sinnvoll. Italien ist gerade gezwungen, solche Maßnahmen einzusetzen. Das kostet natürlich viel Geld und bedeutet auch für die Bevölkerung deutliche Einschränkungen in ihrem Alltag. Aber andernfalls droht die Situation dort außer Kontrolle zu geraten.

Sehen Sie unser Gesundheitssystem gut vorbereitet für Krankheiten wie COVID-19?

Nein. Corona ist nicht letzte Woche vom Himmel gefallen. Es gab ein Zeitfenster, in dem sich das Gesundheitssystem auf die Erkrankung vorbereiten konnte. Das ist aus meiner Sicht nicht ausreichend erfolgt. Selbst, wenn wir von einer schweren Epidemie überrascht werden, sollte es in einem wohlhabenden Land wie Deutschland ja wohl einen ausreichenden Vorrat an Schutzmaterialien für Ärzte geben. Medizinischer Katastrophenschutz kostet Geld, das sollten wir uns leisten.

Wissen Sie schon, wann Sie Ihre Praxis wieder öffnen können?

Voraussichtlich in einer Woche. Dann ist die normale Quarantänezeit von 14 Tagen vorbei. Das hängt aber noch davon ab, ob ich oder eine meiner Angestellten selbst positiv oder negativ auf das Virus getestet werden. Das Ergebnis liegt vor, aber das Gesundheitsamt hat es mir noch immer nicht mitgeteilt. Die machen wohl gerade Wochenende. (lacht)

Verwendete Quellen:
  • Interview mit einem Facharzt für Allgemeinmedizin und Diabetologe
  • Robert Koch-Institut
  • Eigene Recherche
  • weitere Quellen
    weniger Quellen anzeigen

Wichtiger Hinweis: Die Informationen ersetzen auf keinen Fall eine professionelle Beratung oder Behandlung durch ausgebildete und anerkannte Ärzte. Die Inhalte von t-online.de können und dürfen nicht verwendet werden, um eigenständig Diagnosen zu stellen oder Behandlungen anzufangen.

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