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Coronavirus: So entscheiden Ärzte, wer gerettet wird – und wer nicht

Triage-Regeln in der Corona-Krise  

So entscheiden Ärzte, wer gerettet wird – und wer nicht

27.03.2020, 16:16 Uhr | mwe, dpa

Infiziertenzahlen in Deutschland-Karte: So ist die Lage in der Bundesrepublik

Das Coronavirus breitet sich weiter in Deutschland aus. Mehr als 122.000 Fälle wurden offiziell bestätigt. Eine Animation zeigt, wie sich das Virus in Deutschland verbreitet. (Quelle: t-online.de)

Ausbreitung in den Bundesländern: So verteilen sich die statistisch erfassten positiven Covid-19-Tests in Deutschland. (Quelle: t-online.de)


Wegen der Corona-Pandemie reichen in Ländern wie Italien oder Frankreich die medizinischen Ressourcen nicht aus, um alle Covid-19-Patienten zu behandeln. Auch in Deutschland könnten die Kapazitäten bald knapp werden.

Aktuell befürchten viele Mediziner einen Mangel an Intensivbetten und Beatmungsgeräten in deutschen Krankenhäusern. Die Ärzte müssten im Ernstfall die Ressourcen an die Covid-19-Erkrankten verteilen – nach dem System der Triage.

Was bedeutet Triage?

Unter Triage wird in der Notfall- und Katastrophenmedizin die Einteilung von Verletzten oder Erkrankten im Fall eines Massenaufkommens von Patienten verstanden. Die Entscheidung darüber, wer behandelt wird, richtet sich dabei nach der Schwere der Infektion oder Krankheit.

Das System kommt aus der Militärmedizin. Ende des 18. Jahrhunderts fanden sich im "Königlich-Preußischen Feldlazareth-Reglement" erste Angaben, wie Verwundete nach Schweregraden eingeteilt werden sollten. Unter Napoleon I. entwickelte der Militärchirurg Dominique Jean Larrey "fliegende Lazarette": Die Verwundeten wurden auf dem Schlachtfeld nach der Schwere ihrer Verletzungen sortiert und, wenn nötig, vor Ort behandelt. Der Begriff "Triage" wurde noch nicht verwendet, er setzte sich erst später durch.

Diese Kriterien gelten bislang in Deutschland

In Deutschland wird die Triage heutzutage in Notaufnahmen angewandt. Beim "Manchester Triage System" etwa wird der Patient innerhalb kürzester Zeit nach den folgenden Kategorien beurteilt:

  • Lebensgefahr
  • Bewusstsein
  • Blutverlust
  • Schmerzen
  • Temperatur
  • Krankheitsdauer

Entsprechend dieser Einschätzung wird er eine von fünf Dringlichkeitsstufen zugewiesen: sofort, sehr dringend, dringend, normal, nicht dringend. Diesen Gruppen wiederum sind maximale Wartezeiten zugeordnet, also die Zeitspanne, nach der ein Patient spätestens Arztkontakt haben soll.

Allerdings geht man im Krankenhausalltag gewöhnlich davon aus, dass alle Patienten bestmöglich behandelt werden können. Das könnte sich in Deutschland aber bald ändern – wie bereits in Italien, Frankreich und Spanien, wo Ärzte nun entscheiden müssen, wer beatmet wird und wer nicht.

"Für diesen Fall muss es allgemeingültige, transparente Kriterien für die Triage geben", sagte Uwe Janssens, Präsident der Deutschen Interdisziplinären Vereinigung für Intensiv- und Notfallmedizin (DIVI).

Kapazitäten in Krankenhäusern
In Deutschland gibt es der Deutschen Krankenhausgesellschaft (DKG) zufolge aktuell (März 2020) bundesweit 28.000 Intensivbetten, davon 20.000 mit Beatmungsmöglichkeit. Diese sind durchschnittlich mit einer Quote von 70 bis 80 Prozent belegt. Das heißt, es gäbe im Moment noch ausreichend Kapazitäten für die schwerkranken Corona-Patienten.

Corona-Krise: Wer wird behandelt – und wer nicht?

Entsprechende Handlungsempfehlungen für die Triage in Corona-Zeiten sind nun von sieben medizinischen Fachgesellschaften – unter anderem der DIVI – erarbeitet worden. Die Leitlinien sollen die behandelnden Ärzte bei den schwierigen Entscheidungen unterstützen.

In dem elfseitigen Dokument heißt es: "Wenn nicht mehr alle kritisch erkrankten Patienten auf die Intensivstation aufgenommen werden können, muss analog der Triage in der Katastrophenmedizin über die Verteilung der begrenzt verfügbaren Ressourcen entschieden werden."

So sei es "unausweichlich", eine Auswahl zu treffen, welche Patienten akut- oder intensiv-medizinisch behandelt werden "und welche nicht (oder nicht mehr)".

Die höhere Überlebenswahrscheinlichkeit entscheidet

Gibt es also mehrere Patienten in kritischem Zustand, aber nicht genügend Ressourcen, müssten Ärzte allein nach den klinischen Erfolgsaussichten entscheiden. Zum Beispiel: Wie ist der allgemeine Gesundheitsstatus? Welche Vorerkrankungen hat der Patient? Wie hoch ist der Sauerstoffgehalt im Blut?

Es ist nach den deutschen Richtlinien nicht zulässig, aufgrund des Alters oder sozialer Kriterien eine Entscheidung zu treffen.

Die Empfehlungen sprechen sich außerdem für ein Mehr-Augen-Prinzip aus. Wenn möglich sollten zwei intensivmedizinisch erfahrene Ärzte gemeinsam mit einem Vertreter des Pflegepersonals und anderer Fachleute beschließen, welche Patienten welche Behandlung bekommen. Dabei dürfen Corona-Erkrankte auch nicht vor beispielsweise Krebs- oder Schlaganfall-Patienten bevorzugt werden.

Generell gilt immer die Regel: möglichst viele Menschenleben zu retten.

Verwendete Quellen:
  • Nachrichtenagentur dpa
  • Ärzte Zeitung
  • Eigene Recherche
  • weitere Quellen
    weniger Quellen anzeigen

Wichtiger Hinweis: Die Informationen ersetzen auf keinen Fall eine professionelle Beratung oder Behandlung durch ausgebildete und anerkannte Ärzte. Die Inhalte von t-online.de können und dürfen nicht verwendet werden, um eigenständig Diagnosen zu stellen oder Behandlungen anzufangen.

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