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Corona-Krise: Warum manche Menschen den Medien nicht vertrauen

INTERVIEWPsychologe zu Medien in der Corona-Krise  

"Verschwörungstheorien haben derzeit Hochkonjunktur"

Von Manfred Schäfer

11.04.2020, 15:23 Uhr
Corona-Krise: Warum manche Menschen den Medien nicht vertrauen. Ein Mann informiert sich in der U-Bahn auf dem Smartphone: Im Internet gibt es zum Coronavirus derzeit besonders viele Fake News und Verschwörungstheorien. (Quelle: imago images)

Ein Mann informiert sich in der U-Bahn auf dem Smartphone: Im Internet gibt es zum Coronavirus derzeit besonders viele Fake News und Verschwörungstheorien. (Quelle: imago images)

In Krisenzeiten haben Medien eine besondere Verantwortung. Forscher wie Kai Sassenberg untersuchen Phänomene wie Verschwörungstheorien und den Einfluss von Medien auf die Menschen. Im Interview mit t-online.de spricht er über Ängste, Panik und seriöse Berichterstattung während der Corona-Krise.

Prof. Dr. Kai Sassenberg ist Sozialpsychologe und Leiter der Arbeitsgruppe Soziale Prozesse am Leibniz-Institut für Wissensmedien (IWM) in Tübingen.

Sassenberg studierte Psychologie an der Universität Mannheim und promovierte 1999 an der Georg-August-Universität Göttingen. Seit 2007 forscht er am Leibniz-Institut für Wissensmedien in Tübingen und lehrt zudem als Professor an der Eberhard Karls Universität Tübingen. Seit 2017 ist er Präsident der European Association of Social Psychology. Ein Schwerpunkt seiner Arbeit liegt unter anderem auf den Auswirkungen der Nutzung digitaler Medien. 

Prof. Dr. Kai Sassenberg: Der studierte Psychologe erforscht unter anderem die Auswirkungen der digitalen Mediennutzung. (Quelle: IWM Tübingen)Prof. Dr. Kai Sassenberg: Der studierte Psychologe erforscht unter anderem die Auswirkungen der digitalen Mediennutzung. (Quelle: IWM Tübingen)

t-online.de: Welche Ängste entstehen momentan durch die Berichterstattung zur Corona-Krise?

Prof. Dr. Kai Sassenberg: Die Berichterstattung über fehlende Schutzausrüstung, überforderte Krankenhäuser und hohe Zahlen von Toten legt nahe, dass Menschen Angst um ihr Leben haben. Hinzu kommt, dass Personen mit Angehörigen, die zu Risikogruppen gehören, auch Angst um diese Menschen haben. Beides ist ja auch durchaus berechtigt und angemessen.

Wie beeinflussen die Medien den Umgang der Menschen mit dem Virus?

Gerade weil weniger persönlicher Kontakt möglich ist, haben Medien derzeit vermutlich einen besonders starken Einfluss. Auch die Tatsache, dass die derzeit lebenden Menschen noch nie eine Pandemie diesen Ausmaßes erlebt haben und deshalb unsicher sind und Information suchen, verstärkt den Einfluss von Medien. Sie sind für die große Mehrheit die einzige Informationsquelle im Zusammenhang mit dem Virus. Abgesehen von den Personen, die infiziert sind oder waren, erreichen die meisten Menschen Informationen über Zeitungen, Radio, Fernsehen und soziale Medien. Selbst wenn es um Informationen vom Arbeitgeber oder der Schule der Kinder geht, wird diese inzwischen zumeist per E-Mail übermittelt. Je nachdem wie diese medialen Informationen ausgestaltet sind, wird Panik, Zuversicht, soziale Distanzierung oder eben auch gerade das Gegenteil ausgelöst.

Die kritische Haltung vieler Menschen gegenüber den Medien ist gestiegen. Ist das ein Vor- oder Nachteil?

In der Corona-Krise sind die Einschaltquoten der Hauptnachrichtensendungen in den öffentlich-rechtlichen Sendern deutlich gestiegen. Das könnte darauf hindeuten, dass die sonst in der Tat gestiegene Skepsis gegenüber den Medien im Moment eine geringere Rolle spielt. Es gibt allerdings auch Menschen, die den klassischen Medien nicht vertrauen. Sie informieren sich häufig über soziale Medien.

Welche Rolle spielen dabei Fake News und Verschwörungstheorien?

Eine WhatsApp-Nachricht, die die Verwendung des Schmerzmittels Ibuprofen als Risikofaktor für Covid-19 beschrieb, verbreitete sich rasend schnell. Warum? In Zeiten großer Unsicherheit suchen Menschen nach Nachrichten, die einen Funken Sicherheit geben. Sie prüfen die Richtigkeit der Information nicht. Oft können Laien dies auch nicht. Allein die Tatsache, dass eine Handlungsanweisung in einer Nachricht enthalten ist, reicht, um sie wichtig erscheinen zu lassen. So nehmen Fake News in sozialen Medien Fahrt auf. 

Fake News und Verschwörungstheorien werden vor allem bei Unsicherheit ("Was soll ich tun?") und Angst ("Werden wir das überleben?") verbreitet, weil sie einfache Antworten auf komplexe Fragen liefern. Beides – Fake News und Verschwörungstheorien – haben derzeit deshalb Hochkonjunktur. Das ist gefährlich, weil sie mit geringer Zustimmung von Maßnahmen, die durch offizielle Stellen verordnet werden, einhergehen und so die Pandemiebekämpfung erschweren.

Wie sollten Medien berichten, um Angst und Panik zu vermeiden?

Medien stehen in der gegenwärtigen Situation vor einer besonders schwierigen Aufgabe. Auf der einen Seite dürfen sie die Auswirkungen des Coronavirus nicht verharmlosen, weil sonst die Unterstützung der Bevölkerung für die einschneidenden Maßnahmen zurückgehen könnte. Auf der anderen Seite darf die Berichterstattung auch nicht Angst und Panik auslösen, weil sonst Hamsterkäufe und ein Ansturm auf Ärzte und Krankenhäuser ausgelöst werden könnten.

Die Berichterstattung muss also die schrecklichen Bilder zum Beispiel aus den Krankenhäusern in Italien und New York enthalten. Gleichzeitig ist es aber sinnvoll, genau diesen Schrecken weit weg von der Situation der Leser und Zuschauer in Deutschland zu platzieren. So wirkt das Berichtete mahnend. Und es entsteht trotzdem nicht der Eindruck, dass diese Schreckensszenarien kurzfristig auch in Deutschland drohen. Das leistet einen Beitrag zum Vermeiden von Panik.

Was ist in dieser Hinsicht die denkbar schlechteste Variante, um über das Virus zu berichten?

Es gibt zwei offensichtliche Fehler, die auf jeden Fall vermieden werden sollten: Einerseits sollte die Berichterstattung nicht den Eindruck erwecken, die Situation sei in Deutschland außer Kontrolle geraten oder unkontrollierbar. Würde beispielsweise berichtet, dass das Virus jeden – unabhängig von Risikofaktoren – mit gleicher Wahrscheinlichkeit töten kann, würde dies sicher Angst und Panik nach sich ziehen. Dieser Eindruck kann entstehen, wenn über junge Opfer häufiger berichtet wird als sie auftreten (das heißt, wenn ein junges Opfer in der Berichterstattung genauso viel Raum erhält wie 100 ältere Opfer).

Andererseits wäre eine Bagatellisierung der Situation gefährlich, weil dann die Öffentlichkeit vermutlich nicht mehr bereit wäre, die einschneidenden Maßnahmen zu akzeptieren.

Was wünschen Sie sich von den Medien in Zukunft?

Dass auch bei weniger dramatischen Themen als Corona genug Wert auf Sachlichkeit, Informationen und Erkenntnisse gelegt wird und nicht wie so oft auf Emotionen und Einstellungen. Die aktuelle Sachlichkeit würde der Berichterstattung zu vielen anderen Themen gut tun. 

Verwendete Quellen:

Wichtiger Hinweis: Die Informationen ersetzen auf keinen Fall eine professionelle Beratung oder Behandlung durch ausgebildete und anerkannte Ärzte. Die Inhalte von t-online.de können und dürfen nicht verwendet werden, um eigenständig Diagnosen zu stellen oder Behandlungen anzufangen.

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