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Vierte Corona-Welle: Epidemiologe warnt vor neuem Lockdown

INTERVIEWVor dem zweiten Corona-Winter  

Epidemiologe schließt neuen Lockdown nicht aus

Von Christiane Braunsdorf

05.11.2021, 15:20 Uhr
Vierte Corona-Welle: Epidemiologe warnt vor neuem Lockdown. Einsatz auf der Intensivstation (Symbolbild): Früher als erwartet füllen sich derzeit die Krankenhausbetten mit Corona-Patienten. (Quelle: Getty Images/Tempura)

Einsatz auf der Intensivstation (Symbolbild): Früher als erwartet füllen sich derzeit die Krankenhausbetten mit Corona-Patienten. (Quelle: Tempura/Getty Images)

Im Corona-Herbst 2021 steht Deutschland kaum besser da als im Vorjahr  und die Prognosen sind verheerend. Ein Experte warnt vor falschen Signalen und einem möglichen neuen Lockdown.

Heute meldete das Robert Koch-Institut einen historischen Höchststand. Binnen eines Tages wurden 37.120 Corona-Neuinfektionen an die Behörde übermittelt. Die vierte Welle überrollt das Land. Wie konnte das trotz verfügbarer Impfungen geschehen und was erwartet uns noch? t-online sprach mit Markus Scholz, Epidemiologe an der Universität Leipzig.

Er hat jüngst die weitere Entwicklung der Pandemie modelliert. In dem Papier heißt es:  "Daraus ergibt sich, (1) dass wir in diesem Winter in Sachsen mit einer Zahl von mindestens 5.000 weiteren Toten rechnen müssen, wenn die Impfquote nicht wesentlich gesteigert werden kann und wenn die Zahl von Booster-Impfungen weiterhin gering bleiben sollte. (2) Nur bei einer Erhöhung der Impfquote um zehn Prozent und einer Booster-Impfung für die überwiegende Zahl der über 60-Jährigen kann diese Zahl auf unter 2.000 gesenkt werden."

t-online: Herr Scholz, diese Passage macht besonders betroffen. Eine zehnprozentige Impferhöhung jetzt in kurzer Zeit ist ja nicht realistisch, die Lage ist also sehr ernst?

Markus Scholz: Ja, alle Daten zeigen: Das Corona-Jahr 2021 lief schlechter als 2020. Und nichts deutet darauf hin, dass die aktuelle Saison besser verlaufen wird als die verheerende Herbst-Winter-Saison 2020. Das gilt für ganz Deutschland. Das ist bedrückend.

Aber 2020 gab es noch gar keine Impfungen …

Es gibt einige neue Erkenntnisse, die diese Entwicklungen erklären können: Zum einen ist und bleibt die Impfquote zu niedrig. Aber wir sehen mittlerweile auch: Die Schutzwirkung der Impfstoffe nimmt ab, etwas sechs Monate nach der zweiten Impfung. Und das betrifft nicht nur den Schutz vor einer Infektion, sondern auch vor einem schweren Verlauf.


Prof. Markus Scholz (Quelle: Universität Leipzig)Prof. Markus Scholz (Quelle: Universität Leipzig)Markus Scholz ist Epidemiologe an der Universität Leipzig und forscht dort zur weiteren Entwicklung der Pandemie.

Das heißt: Die Booster-Impfung ist das Gebot der Stunde?

Ja, und ich würde dringend dafür plädieren, eine Kampagne für die dritte Impfung zu starten. Ohne die Ständige Impfkommission kritisieren zu wollen: Aber auch hier kommen Entscheidungen wie schon beim Thema Impfung von Jugendlichen sehr spät. Es ist klar, dass hier auf Grundlage valider Daten entschieden werden soll, aber die Pandemie ist hochdynamisch und andere Länder sind deshalb deutlich schneller und weiter als wir und die arbeiten auch nicht weniger genau bei ihren Empfehlungen.

Nicht nur die Stiko ist hier oft zu spät dran, auch die Politik scheint mal wieder geschlafen zu haben?

Ja, um nur ein Beispiel zu nennen: In Sachsen sehen wir schon seit dem Ende der Sommerferien einen exponentiellen Anstieg der Infektionen, zuerst auf niedrigem Niveau, aber erkennbar. Nun ist der auch nahezu deutschlandweit angekommen. Und in dieser Situation werden einfach die falschen Signale gesandt.

Was meinen Sie damit?

Die Beendigung der pandemischen Lage von nationaler Tragweite, die ja auf Ende November datiert wurde, erweckt den Eindruck, die Pandemie sei vorbei. Das ist in der gegenwärtigen Situation absolut falsch. Ebenso, ein konkretes Datum für einen Freedom Day in Aussicht zu stellen. Zunächst müssen wir durch diesen Winter kommen und nach allem, was wir sehen und prognostizieren, wird das alles andere als einfach.

Was befürchten Sie?

Ich habe bislang einen erneuten Lockdown immer ausgeschlossen, doch nun bin ich mir nicht mehr sicher, ob dieser nicht doch wieder nötig werden könnte. Unsere Analysen und Modellierung der Daten für den Herbst/Winter 2021 lassen nichts Gutes erwarten.

Was sehen Sie?

Die Belegung der normalen Krankenhausbetten ist jetzt schon sehr hoch, und wir sind noch gar nicht auf dem Höhepunkt der Welle angekommen. Hier erreichen wir bald Vorjahresniveau und das viel früher als erwartet. Und auch die Todeszahlen steigen wieder. Wir rechnen auch damit, dass wir bald wieder Verlegungen von Patienten in andere Bundesländer sehen werden, weil die Krankenhäuser lokal an die Grenzen ihrer Aufnahmekapazität stoßen.

Was haben wir noch in petto, um einen drohenden erneuten Lockdown zu verhindern?

Viele Maßnahmen haben sich als sehr wirksam erwiesen. Allen voran die Maskenpflicht in Innenräumen und die vorbeugende Teststrategie. Es war ein Fehler, die kostenlosen Tests abzuschaffen, damit wird dieses Mittel zur Viruserkennung und -eindämmung geschwächt. Die Tests an Schulen sollten weiter dreimal wöchentlich stattfinden und man muss über eine Impfpflicht für Pflege- und Krankenhauspersonal sprechen. Darum kommen wir nicht herum. Großveranstaltungen sollten wieder begrenzt oder mit deutlich strengeren Hygieneauflagen versehen werden. All das wären Maßnahmen, die vor einem Lockdown erfolgen könnten. Dieser wäre die Ultima Ratio, die man inzwischen aber auch nicht mehr komplett ausschließen kann.

Herr Scholz, wir danken Ihnen für dieses Gespräch!

Verwendete Quellen:
  • Interview mit Markus Scholz
  • Eigene Recherche 

Wichtiger Hinweis: Die Informationen ersetzen auf keinen Fall eine professionelle Beratung oder Behandlung durch ausgebildete und anerkannte Ärzte. Die Inhalte von t-online können und dürfen nicht verwendet werden, um eigenständig Diagnosen zu stellen oder Behandlungen anzufangen.

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