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Politik im Schrebergarten: "Wieso hofiert man diesen Dampfplauderer Lindner?"

Politik im Schrebergarten  

"1.000 Euro Miete, das muss man erstmal ranschaffen"

Von Henning Seelmeyer

30.05.2019, 10:22 Uhr
Politik im Schrebergarten: "Wieso hofiert man diesen Dampfplauderer Lindner?". Hans sitzt in seinem Kleingarten: Hektik mag der Hobbygärtner gar nicht. (Quelle: Henning Seelmeyer)

Hans sitzt in seinem Kleingarten: Hektik mag der Hobbygärtner gar nicht. (Quelle: Henning Seelmeyer)

Die Beteiligung bei der Wahl zum EU-Parlament war hoch. Sind es wirklich politische Themen, die die Menschen umtreiben? Wir haben in einer Kleingartenkolonie nachgefragt.

Energisch schiebt André seinen mechanischen Rasenmäher über die Halme. Seit Januar hat er seine Parzelle in der Kleingartenkolonie "POG – Potsdamer Güterbahnhof" in Berlin-Kreuzberg und es gibt noch viel zu tun. "Mir geht es ausgesprochen gut", sagt er und wird gleich politisch. "Die Politik hat den Bezug zur Lebensrealität der Menschen verloren. Die Klientelpolitik hat die Leute komplett verprellt." Das Problem sei der Lobbyismus, mit dem André nichts anfangen kann. 

Die Kolonie befindet sich auf einem ehemaligen Bahngelände. Bei der Gartenarbeit buddelt André schon mal Schienennägel aus, mit denen er seinen Garten dekoriert. Industriearchäologie, nennt er das. Das Problem dabei sind die Schottersteine, mit denen er nichts anfangen kann.

"Wieso hofiert man diesen Dampfplauderer Lindner?", fragt sich André. "Wenn der redet, kräuseln sich mir die Fußnägel!" Vor zehn Jahren hat er als Hobbygärtner angefangen. Damals hat er Tomaten in einem Hinterhof gezogen, jetzt kann er sich in seinem Garten austoben. Zwei Beete hat er schon angelegt, ein Gewächshaus kommt bald.

Schienennägel und Schottersteine: Beim Graben stößt André immer wieder auf Industrieartefakte. (Quelle: Henning Seelmeyer)Schienennägel und Schottersteine: Beim Graben stößt André immer wieder auf Industrieartefakte. (Quelle: Henning Seelmeyer)

Politik ist André sehr wichtig, das merkt man sofort. Ist das bei seinen Nachbarn in der Kolonie auch so? Was bewegt sie?

Koreanisches Gemüse in Berlin-Kreuzberg

"Ich bin glücklich, wenn ich in meinem Garten arbeiten kann", sagt Gum-Sum Kim-Münchow. Die 76 Jahre alte Rentnerin arbeitet noch ein paar Tage im Monat als Krankenschwester für etwas Taschengeld, wie sie sagt. Um den Arbeitsstress abzubauen, pflegt sie das koreanische Gemüse auf ihrer Parzelle. In ihrem Garten wachsen Mohnblumen, Koriander und Pflücksalat. Der chinesische Schnittlauch riecht beim Pflücken nach scharfem Knoblauch.

Gum-Sum Kim-Münchow: Koreanisches Gemüse schmeckt ihr gut, Blumen findet sie aber hübscher. (Quelle: Henning Seelmeyer)Gum-Sum Kim-Münchow: Koreanisches Gemüse schmeckt ihr gut, Blumen findet sie aber hübscher. (Quelle: Henning Seelmeyer)

40 Jahre lang hat sie in der Rettungsstelle im Urbankrankenhaus gearbeitet. Jetzt jätet und harkt sie in völliger Gelassenheit ihren Garten und freut sich, wenn sie Besuch von ihrer Familie bekommt. "Die lasse ich hier aber nichts machen, die haben eh keine Ahnung", sagt sie grinsend und kaut entspannt auf einem Blatt herum, das sie gerade abgezupft hat.

Sie geht regelmäßig zu ihrer Tanzgruppe, mit der sie traditionelle koreanische Tänze aufführt. An eine Darbietung bei der der damalige Generalsekretär der Vereinten Nationen, Ban Ki-moon, im Publikum saß, erinnert sich Kim-Münchow besonders gern. Und auch sie redet über Politik: "Viele haben ja jetzt die AfD gewählt. Das ist gar nicht gut." Was gefällt ihr denn besser? "Grün finde ich gut. Grün, wie mein Garten."

Hobbygärtner Hans: "Am Schluss kommt nur Hektik raus"

Hans sitzt lässig auf seinem Gartenstuhl im Schatten und sinniert über das Leben. "Ich bin schon zufrieden mit dem Schicksal. Mein Leben, das ist schon in Ordnung." Das volle Haar flott nach hinten gekämmt, sieht er aus wie ein rüstiger 60-Jähriger, ist aber Jahrgang 1939. Über Fragen denkt er gründlich nach, während er mit der Hand verwelkte Blätter vom Gartentisch fegt. Dann redet er los: präzise, klar und am liebsten – natürlich – über Politik.

Hans denkt gründlich nach: Er hofft, dass ihm niemand den Garten wegnehmen will, um etwas "draufzubauen". (Quelle: Henning Seelmeyer)Hans denkt gründlich nach: Er hofft, dass ihm niemand den Garten wegnehmen will, um etwas "draufzubauen". (Quelle: Henning Seelmeyer)

"Der Druck ist schon enorm: Wer 1.000 Euro Miete zahlen soll, der muss das Geld erstmal ranschaffen. Dafür müssen alle Karriere machen. Am Schluss kommt nur Hektik dabei raus", sagt er und ruckelt es sich in seinem Gartenstuhl bequem. "Dem will ich mich entziehen", sagt er.

Mit Fragen nach persönlichen Befindlichkeiten will er sich gar nicht lange aufhalten. Lieber erzählt er, dass er dem griechischen Politiker Yanis Varoufakis einen Brief geschrieben hat mit Dingen, die er bitteschön hätte tun sollen, wäre er in das EU-Parlament gekommen.


Zum Abschied hat Hans noch einen Rat: "Leute, giert doch nicht so nach Arbeit und Geld! Lasst es ruhiger angehen. Dann habt ihr auch mehr Zeit und lebt einfach besser."

Verwendete Quellen:
  • Gespräche vor Ort

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