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Wein in Bierflaschen? Winzer greift auf Mehrweg-Pfandflaschen zurück


Pfand-Revolution
Winzer greifen beim Wein zur Bierflasche

  • Lars Wienand
Von Lars Wienand

Aktualisiert am 22.02.2023Lesedauer: 3 Min.
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Wein in der Bierflasche: Ein Winzerbetrieb in der Pfalz stellt um auf Mehrweg und füllt in die 0,5-Liter-Flaschen ab.Vergrößern des Bildes
Wein in der Bierflasche: Ein Pfälzer Weingut stellt auf Mehrweg um und füllt in 0,5-Liter-Flaschen ab. (Quelle: Weingut Galler)

Mehrwegsysteme sind auf dem Vormarsch. Auch die Winzer denken über neue Pfandsysteme nach – mit einer überraschenden Lösung.

Beim Einkaufen und beim Anblick des typischen Joghurt-Pfandglases kam Katja Galler die Idee: Sie fragte sich, warum es zwar Nüsse oder Kichererbsen in diesem Pfandglas gibt, das Prinzip aber beim Wein noch nicht angekommen ist. Das ändert sich nun: Der Wein kommt in die Bierflasche.

Das Weingut von Katja und Ansgar Galler in Kirchheim in der Pfalz wird im März auf der weltgrößten Weinmesse ProWein in Düsseldorf aus den Flaschen ausschenken, die bisher mit Gerstensaft in Verbindung gebracht wurden. Auch in den Handel kommt der Wein in der 8-Cent-Pfandflasche. Die Glasfrage wird in der Branche schon seit Jahren diskutiert, doch die Umstellung auf die 0,5-Liter-Flaschen der Brauereien ist für die Weinszene eine Revolution.

"Viele Winzerkollegen haben mich für verrückt erklärt", sagt Ansgar Galler im Gespräch mit t-online. "Aber ich bin mir sicher, dass wir mit unserem Schritt auch anderen Winzern Mut machen und aufgeschlossene Weintrinker inspirieren werden. Die jüngere Zielgruppe ist ohnehin flexibler, wenn es um die Optik geht.

Pfandflaschen werden 50 Mal verwendet

Die üblichen Einwegflaschen bereiteten vielen Winzern Sorgen: Es gab Lieferengpässe, weil wichtige Lieferanten in der Ukraine und Russland ausfielen. Gleichzeitig verteuerten die Energiepreise die Herstellung. Die Produktion bei über 1.000 Grad Celsius verschlingt große Mengen an Energie, und die Verpackung ist für einen Großteil des CO2-Ausstoßes von Wein verantwortlich. "Die Flasche ist eine wichtige ökologische Drehschraube der Weinbranche", sagt Winzer Galler.

Das Deutsche Weininstitut empfiehlt zur Nachhaltigkeit leichtere, dünnwandigere Flaschen. Mehrweg ist bisher kaum ein Thema, obwohl die Flaschen dann bis zu 50 Mal wiederverwendet werden können. Lediglich in Württemberg gibt es ein funktionierendes regionales Mehrwegsystem, allerdings bisher nur im 1-Liter-Bereich. Von dort kommt auch der Plan, das Pfandsystem auf die 0,75-Liter-Flasche auszuweiten. Auch dieses Konzept soll auf der ProWein vorgestellt werden.

Doch warum nicht auf ein etabliertes System mit Rücknahmestellen an jeder Ecke setzen? Eine Antwort haben die beiden Kölnerinnen Leonie Berents und Silja Mende-Kamps, die das Unternehmen "Abgefüllt" mit Wein in Bierflaschen gegründet haben. Zuvor hatten sie mit vielen Winzern gesprochen: "Viele haben Angst, dass die Kunden dann nicht mehr kaufen, wenn die Flasche nicht mehr wie eine typische Weinflasche aussieht", berichteten sie der "Bild"-Zeitung. Im Kölner Raum bieten sie den Wein eines Winzers aus Baden in braunen 0,5-Liter-Mehrwegflaschen an und waren damit branchenfremde Pioniere.

Mit den Gallers in der Pfalz stellen erstmals Winzer selbst um. Der Plan war unabhängig vom Kölner Projekt gereift, hat aber mit einer ähnlichen Philosophie zu tun. Die "Abgefüllt"-Unternehmerinnen und das Pfälzer Weingut verbindet bereits, dass sie bewusst sogenannte Piwi-Weine anbieten: Das sind Weine aus neu gezüchteten Rebsorten, die besonders widerstandsfähig gegen Pilzkrankheiten sind. Es müssen weniger Pflanzenschutzmittel gespritzt werden. Außerdem sollen die Reben besser mit dem Klimawandel zurechtkommen. Eine Weißwein-Cuvée aus Sauvignac und Johanniter kommt jetzt bei Gallers als "2/4 Piwi-Wein" in die Mehrwegflasche.

Für den Anfang hat das Weingut 5.000 Flaschen abgefüllt und plant bereits einen Rotwein und einen Rosé. Die Hoffnung ist, dass andere nachziehen: "Wenn die Großen mitmachen, ist viel gewonnen", sagt Galler. Ein breites Umdenken bei der Weinverpackung in der Branche könnte sich dann auch auf die Strukturen im Handel und auf das Konsumverhalten auswirken – und mittel- und langfristig auch positiv auf die Umwelt.

Weinexpertin Julia Klöckner: Verwirrt Verbraucher

Die CDU-Politikerin Julia Klöckner (CDU), die aus einer Winzerfamilie stammt und früher Chefredakteurin der Zeitschrift "Sommelier" war, ist skeptisch, was die Akzeptanz angeht. Sie lobt zunächst: Als Bundeslandwirtschaftsministerin habe sie die Entwicklung von Piwi-Weinen gefördert, "Piwi-Weine haben Zukunft". Aber in Bierflaschen? Wein sei keine Variante von Bier, sondern habe einen eigenständigen Ansatz: "Hier geht es nicht um Durstlöschen. Weingenuss und Weinkultur sind etwas anderes." Viele Verbraucher könnten bei Wein in Bierflaschen "mehr als verwirrt" sein – unabhängig von der Qualität des Weins.

Es geht um gewaltige Mengen: Das Statistische Bundesamt hat errechnet, dass die Menge an Wein und Most, die 2021 in Deutschland produziert wird, rund 1,1 Milliarden Flaschen entspricht. Dabei gingen die Statistiker von 0,75-Liter-Einwegflaschen aus.

Künftig ist auch mit 0,5-Liter-Bierflaschen zu rechnen, die dann keine Bierflaschen mehr sind.

Verwendete Quellen
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