Interview
Unsere Interview-Regel

Der GesprĂ€chspartner muss auf jede unserer Fragen antworten. Anschließend bekommt er seine Antworten vorgelegt und kann sie autorisieren.

"MĂ€nner profitieren vom Feminismus"

Von Ana Grujic

Aktualisiert am 02.06.2019Lesedauer: 6 Min.
Jagoda Marinić: Die Autorin bemĂ€ngelt, dass Feminismus in Deutschland zu wenig auf persönliche Geschichten setzt.
Jagoda Marinić: Die Autorin bemĂ€ngelt, dass Feminismus in Deutschland zu wenig auf persönliche Geschichten setzt. (Quelle: Piroelle/leer)
Facebook LogoTwitter LogoPinterest LogoWhatsApp Logo
Schlagzeilen
AlleAlle anzeigen

Symbolbild fĂŒr einen TextDieser Star gewinnt "Let's Dance"Symbolbild fĂŒr einen TextTrump zahlt saftige GeldstrafeSymbolbild fĂŒr einen TextPanzer-Video als Propaganda entlarvtSymbolbild fĂŒr einen TextBrand legt Flughafen Genf kurz lahmSymbolbild fĂŒr einen TextUS-Bischof verweigert Pelosi KommunionSymbolbild fĂŒr einen TextRekord-Eurojackpot geht nach NRWSymbolbild fĂŒr einen TextNot-OP bei Schlagerstar Tony MarshallSymbolbild fĂŒr einen TextBoeing-Raumschiff an ISS angedocktSymbolbild fĂŒr einen TextFrau protestiert nackt in CannesSymbolbild fĂŒr einen TextÜberraschendes Comeback bei Sat.1Symbolbild fĂŒr einen Watson TeaserFormel 1: Haas-Boss zĂ€hlt Mick Schumacher an

FĂŒr die Schriftstellerin ist #MeToo vor allem eins: ein GesprĂ€chsangebot, von dem auch MĂ€nner profitieren können. Im GesprĂ€ch mit t-online.de erzĂ€hlt Jagoda Marinić, wer den Feminismus am meisten braucht.

Einen GesprĂ€chseinstieg fĂŒr MĂ€nner und Frauen: Das soll #MeToo sein. So sieht es die deutsch-kroatische Autorin Jagoda Marinić. Doch sie findet auch: Deutschland verschlĂ€ft die wichtige Bewegung – und lĂ€sst sich von falschen Fragen ablenken. Die Autorin erzĂ€hlt t-online.de, welche Fragen wir stattdessen stellen sollen und wie ein gleichberechtigtes Leben aussehen kann.

t-online.de: In Ihrem Buch schreiben Sie, dass Sie lange nichts mit Feminismus anfangen konnten. Warum war das so?

Jagoda Marinić: Mir war lange nicht klar, was es bringen sollte, mich Feministin zu nennen. Wenn man jung ist, merkt man ja gar nicht, welche Dinge im Alltag zu tun haben mit dem eigenen Frausein. Es lag aber auch am Feminismus in Deutschland. Einerseits war der deutsche Feminismus oft ein Gegeneinander mit wenig SolidaritĂ€t. Andererseits gab es diesen MĂ€dchenfeminismus der Neuen Deutschen MĂ€dchen. Deren Motto schien zu sein: "Wir machen jetzt Feminismus, aber leichter und lockerer als bisher". FĂŒr mich war diese Bewegung vor allem harmlos. Es waren zwar alle emanzipiert und Feministinnen. Im Privaten fielen sie aber zurĂŒck in klassische Rollenbilder. Dem deutschen Feminismus fehlt die Wucht.

ANZEIGEN
Loading...
Loading...
Loading...
Loading...
Loading...
Loading...
Meistgelesen
Tankrabatt kommt: Weshalb Sie vorher tanken sollten
Schwerer Gang: Die Spritpreise erreichten zuletzt immer neue Rekordhöhen. Ein Rabatt soll die Kosten dÀmpfen.


Wie könnte er diese Wucht entwickeln?

Wir diskutieren in Deutschland oft nur auf einer rein sachlichen Ebene. So kriegen wir aber nicht die Aufmerksamkeit der Menschen. Allein durch Statistiken ĂŒberzeugen wir niemanden. Deshalb finde ich es wichtig, emotionale Aspekte anzusprechen und mit Geschichten zu arbeiten. Denn dann setzt die Empathie ein. Deshalb brauchen wir Archetypen im Kopf, die zeigen, was alles möglich ist im Leben – auch abseits der vermeintlichen NormalitĂ€t.

Die deutsch-kroatische Autorin Jagoda Marinić hat zahlreiche Essays, Kolumnen und BĂŒcher verfasst. In "SHEROES – Neue Held*innen braucht das Land" setzt sie sich mit Feminismus und #MeToo auseinander.

Welche Rolle spielen dabei Sheroes, die Sie in Ihrem Buch beschreiben?

Sheroes sind fĂŒr mich progressive Menschen, die den Mut haben, Grenzen zu sprengen. Sheroes sind mutige Menschen, die andere inspirieren und auch eine Handlungslust in anderen wecken.

Gibt es in Ihrem direkten Umfeld solche Menschen?

Im Privaten spreche ich gerne von "meinen" Frauen: Meiner Großmutter und Mutter. Meine Großmutter, weil sie in Kriegen aufgewachsen ist und fĂŒnf Kinder auf die Welt gebracht hat und trotzdem immer so viel Leben um sie herum war – bis ins hohe Alter. Und meine Mutter, weil sie eine dieser Einwanderungspioniere ist. Sie ist so eine Traumheldin, die hier her kam, um sich und uns allen ein besseres Leben zu ermöglichen. Und ich finde das unfassbar mutig, damals, als es noch kein Internet gab und nicht jeder alles wusste, so zu handeln. Und zu sagen: Hier baue ich meiner Familie ein besseres Leben auf. Es gibt aber durchaus auch MĂ€nner, die Sheroes sein können. Das finde ich wichtig zu erwĂ€hnen.

Sie sprechen in Ihrem Buch auch darĂŒber, dass Sie sich einen Feminismus wĂŒnschen, der mit MĂ€nnern spricht.

Lange war der Feminismus sehr hart gegenĂŒber dem Mann. Das lag auch an der damaligen Zeit: Frauen mussten den Mann um Erlaubnis fragen, wenn sie arbeiten wollten. Vergewaltigungen waren in der Ehe erlaubt. Wenn ich aber auch heute, zwanzig, dreißig Jahre spĂ€ter, nicht mit dem Mann rede und ihm nicht zugestehe, seinen Lernprozess öffentlich zu machen: Wie soll dann eine gesellschaftliche Bewegung entstehen? Es besteht ja ein AbhĂ€ngigkeitsverhĂ€ltnis der Geschlechter: Wenn sich Frauen verĂ€ndern, mĂŒssen sich MĂ€nner mit verĂ€ndern. Ich fĂ€nde es besser, wenn das positiv geschieht, statt gegeneinander.

Sehen Sie deshalb die #MeToo-Debatte als ein GesprÀchsangebot zwischen MÀnnern und Frauen?

#MeToo ist kein Kampf MĂ€nner gegen Frauen, sondern von Macht gegen AbhĂ€ngigkeit. Auf Grund unserer ganzen FĂŒhrungsstruktur sind die MĂ€chtigen aber oft MĂ€nner. FĂŒr sie ist #MeToo ein guter Moment, darĂŒber nachzudenken, was diese Macht mit ihnen gemacht hat – und auch Verhaltensweisen loszuwerden. So ist #MeToo auch eine Möglichkeit, ArbeitsplĂ€tze gesĂŒnder zu gestalten.

#MeToo ist seit Ende 2017 stark in den Medien prÀsent. Sie meinen in Ihrem Buch jedoch: "Deutschland bleibt Zaungast der wichtigsten feministischen Debatte der letzten Jahrzehnte." Inwiefern versÀumen wir die #MeToo-Diskussion?

Wir sitzen da und berichten, was in den USA, England und Frankreich passiert. In Deutschland kam Gebhard Henke kurz auf, mit einem Nachklapp, als Charlotte Roche ĂŒber ihre Erfahrungen gesprochen hat. Statt aber darĂŒber zu sprechen, haben wir angefangen, #MeToo zu zersetzen in Dinge, um die es gar nicht geht. Darf man noch flirten? FĂŒhlt sich der Mann verunsichert? Gibt es noch eine NatĂŒrlichkeit zwischen MĂ€nnern und Frauen? So eine große Bewegung wie in den USA, dass 250 MĂ€nner in FĂŒhrungspositionen ihren Job aufgrund von sexuellem Machtmissbrauch verloren haben, das gab es bei uns nicht. Manche sagen: "Dann geht es uns nicht so schlecht. Wenn es wirklich so schlimm wĂ€re, wĂŒrde das hier auch passieren." Diesen Argumenten traue ich aber nicht ganz. Ich glaube eher, wir haben so eine Kultur des Schweigens in Deutschland.

Woran liegt das Ihrer Meinung nach?

Zum einen hat Deutschland begrĂŒndete Angst davor, Menschen an den Pranger zu stellen und vorzuverurteilen. Aber ich glaube nicht, dass die Leute anderswo leichtfertiger mit Anschuldigungen umgehen. Zum anderen war in den USA ein Teil von #MeToo, dass die Opfer nicht anonym geblieben sind. Im Fall Gebhard Henke hat sich unter anderem Charlotte Roche getraut, ihr Gesicht dafĂŒr zu zeigen. Einige andere Frauen haben Ă€hnliche Erfahrungen geschildert, wollten aber nicht an die Öffentlichkeit gehen. Was ich heftig fand, wovon aber wenig erzĂ€hlt wird: Es gab einen Brief von 20 Schauspielerinnen, darunter auch Iris Berben, als Reaktion auf Charlotte Roche. In dem Schreiben sagten diese 20 Frauen: "Wir haben nur gute Erfahrungen mit ihm gemacht." Was ja nichts darĂŒber aussagt, wie Henke zu den anderen Frauen war. Da ging also eine Frau in die Öffentlichkeit mit ihren Anschuldigungen und sie verliert die SolidaritĂ€t von anderen Frauen.

Gebhard Henke: Der "Tatort"-Koordinator soll mehr als zehn Frauen bedrÀngt, begrapscht und betatscht haben.
Gebhard Henke: Der "Tatort"-Koordinator soll mehr als zehn Frauen bedrÀngt, begrapscht und betatscht haben. (Quelle: Klaus W. Schmidt)

WĂŒrden Sie Frauen angesichts solcher Reaktionen in Deutschland raten, mit Erfahrungen an die Öffentlichkeit zu gehen?

Ich wĂŒrde keiner Frau dazu raten. Bei #MeToo geht es auch nicht darum, dass jemand bevormundend sagt: Tue dies und jenes. Ich kann nur sagen: Ich bewundere Frauen, die es schaffen, weil ich sehe, welche Konsequenzen auf sie zukommen. Eine Frau muss viel auf sich nehmen und es ist wichtig, sie zu stĂ€rken. Wir brauchen eine andere Opferkultur. Heute drehen wir das oft um und sagen: Die Frau ruiniert den Mann. Aber wenn wir uns zum Beispiel den Fall von Kavanaugh und Blasey-Ford in den USA anschauen, sehen wir: Der beschuldigte Mann ist heute Richter am Obersten Gerichtshof. Die Frau ist mehrfach wegen Morddrohungen umgezogen.

Loading...
Loading...
Loading...

Erwarten wir zu viel von Opfern?

Wir erwarten manchmal zu viel von den Menschen. Viele sprechen davon, dass es an der Frau ist, zu reagieren und sich zu wehren in ĂŒbergriffigen Situationen. Es liegt aber in der Natur der Gewalt, dass sie einen ĂŒberwĂ€ltigen kann. Das sollten wir Opfern auch zugestehen.

ANZEIGE
Produktbild
Sheroes: Neue Held*innen braucht das Land
Produktbild
  • Gebundene Ausgabe
  • 128 Seiten
  • S. Fischer Verlag

Sexismus ist strukturell. Gibt es etwas, was doch jeder dagegen tun kann?

Ich plĂ€diere dafĂŒr, dass wir miteinander reden. Wir brauchen PrivatgesprĂ€che ĂŒber das Thema: Wie bin ich Frau? Wie bin ich Mann? In meinem Buch habe ich 50 Fragen aufgeschrieben, die als GesprĂ€chseinstieg dienen können, als ausgestreckte Hand. Mit GesprĂ€chen können wir uns aus alten Klischees befreien.

Was fĂŒr Klischees meinen Sie?

Wenn jemand durchsetzungsstark ist, ist er mĂ€nnlich. Wenn jemand sensibel ist, ist er weiblich. Wir mĂŒssen aber alle alles werden: sensibel und durchsetzungsstark. Nur so werden wir ganze Menschen. Auch eine gleichberechtigte Beziehung funktioniert nur, wenn MĂ€nner StĂ€rke lieben – Frauen aber auch die SchwĂ€che ihres Partners zulassen.

Sollten wir deshalb alle Feministen sein?

Ja. Auch MĂ€nner profitieren vom Feminismus. Eine Gesellschaft, in der sich alle einbringen können, wird immer als Ganzes gestĂ€rkt. Und die MĂ€nner, die Angst davor haben, ihre Privilegien zu verlieren, brauchen den Feminismus am meisten. Sie fĂŒhlen sich nĂ€mlich oft sehr eingeschrĂ€nkt von den starren Rollenbildern. Man muss ja nicht in einer Zwangsjacke aus alten Rollenbildern durch sein Leben gehen.

Vielen Dank fĂŒr das GesprĂ€ch, Frau Marinić.

Facebook LogoTwitter LogoPinterest LogoWhatsApp Logo
Loading...
Loading...
Loading...
Loading...
Loading...
Loading...
Loading...
Loading...
Loading...
Loading...
Loading...
Loading...

ShoppingANZEIGEN

Loading...
Loading...
Loading...
Loading...
Loading...
Loading...
Loading...
Loading...
Loading...
Loading...
Loading...
Loading...
Neueste Artikel
  • Claudia Zehrfeld
Von Claudia Zehrfeld
DeutschlandUSA

t-online - Nachrichten fĂŒr Deutschland
t-online folgen
FacebookTwitterInstagram

Das Unternehmen
Ströer Digital PublishingJobs & KarrierePresseWerbenKontaktImpressumDatenschutzhinweiseDatenschutzhinweise (PUR)Jugendschutz



Telekom
Telekom Produkte & Services
KundencenterFreemailSicherheitspaketVertragsverlÀngerung FestnetzVertragsverlÀngerung MobilfunkHilfeFrag Magenta


TelekomCo2 Neutrale Website