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"Prostituierte wollen nicht gerettet werden"

INTERVIEWKlischees über Sexarbeit aufgeklärt  

"Prostituierte wollen nicht gerettet werden"

23.06.2019, 12:04 Uhr
"Prostituierte wollen nicht gerettet werden". Eine Frau hält bei einer niederländischen Demo ein Plakat mit "Mein Körper ist mein Business" hoch: Sexarbeiterinnen sind oft selbstbestimmte Geschäftsfrauen. (Quelle: imago images/Zuma Press)

Eine Frau hält bei einer niederländischen Demo ein Plakat mit "Mein Körper ist mein Business" hoch: Sexarbeiterinnen sind oft selbstbestimmte Geschäftsfrauen. (Quelle: Zuma Press/imago images)

Warum gehen Frauen anschaffen? Gibt es eine Altersgrenze für Prostitution? Diese und weitere Fragen hat t-online.de einer Expertin gestellt, die sich mit dem Thema auskennt.

Frauen arbeiten nur des Geldes wegen als Prostituierte. Oder sie werden gezwungen und warten nur auf ihre Rettung à la Hollywood. Über diese Klischees hat t-online.de mit der Sozialarbeiterin Joanna Lesniak gesprochen. Sie arbeitet seit über 15 Jahren in der Beratungsstelle für Prostituierte Hydra e.V. und berät und unterstützt Sexarbeiterinnen.

t-online.de: Es heißt, dass man mit Prostitution viel und schnell Geld verdient. Ist der Verdienst der Hauptgrund, weshalb Frauen und Männer in diesem Bereich arbeiten?

Joanna Lesniak: Es gibt viele verschiedene Anreize, weshalb eine Frau in dieser Branche arbeitet. Geld ist nicht der Hauptgrund. Einige wollen beispielsweise ihre sexuellen Grenzen austesten, BDSM probieren – andere wollen einfach Macht ausüben. Es gibt noch viele weitere Beweggründe, um in der Branche zu arbeiten. Die meisten sind jedoch in einer Notlage und rutschen dann ‘so rein‘.

Können Sie das erkennen?

In einem Orientierungsgespräch fragen wir auch nach der Haltung und der Motivation zu dem Beruf. Merken wir, dass die Frau falsche Vorstellungen hat, helfen wir ihr, Alternativen zu finden. Frauen mit einer Essstörung oder einer Phobie, Menschen zu berühren, raten wir hingegen ganz davon ab, in der Branche zu arbeiten. Einige Frauen merken es nach ein paar Monaten selbst, dass ihnen der Beruf nicht liegt. Dann müssen sie sich beruflich umorientieren.

Ist es schwierig, sich als Prostituierte umzuorientieren?

Ja, das ist sehr schwierig, besonders wenn sie bereits länger in dem Bereich gearbeitet haben. Zum einen liegt es an ihrer Einstellung: Wenn sie plötzlich Geld für die Reparatur ihres Wagens oder einen spontanen Urlaub brauchen, können sie einfach mehr arbeiten und werden entsprechend entlohnt. Zum anderen können sie sich ihre Zeit frei einteilen: ‘Heute habe ich keine Lust, da bleibe ich zuhause.‘ Allerdings fehlt es ihnen auch an Arbeitslosenversicherung, Rentenversicherung, bezahlten Urlaub usw. Dafür müssen sie selbst vorsorgen.

Gibt es auch den umgekehrten Fall, also dass Frauen erst ab einem gewissen Alter in der Sexarbeit tätig sein möchten?

Sehr oft sogar. Häufig kommen Frauen, die in der zweiten Hälfte ihres Lebens stehen, zu uns und wollen sich umorientieren. Meistens handelt es sich dabei um Alleinerziehende, die ihren Kindern das Studium oder eine Auslandsreise finanzieren wollen. Durch die Sexarbeit ist das teilweise möglich. Und bei diesen Frauen ist es auch schnell klar, dass sie erfolgreich sein werden. Denn sie wissen, was sie im Leben wollen. Sie haben klare und feste Grenzen.

Es gibt also keine Altersgrenze für die Prostitution?

Ganz und gar nicht! Sehr viele junge Männer stehen auf ältere Frauen. Sie stehen auf die Klarheit, die diese Frauen haben und die eindeutigen, festen Grenzen auch in Bezug auf Sex. Das fehlt vielen Männern in ihren Beziehungen und ist für sie wichtiger, als der junge, makellose Körper einer Frau. Reifere Frauen geben den Männern die Ernsthaftigkeit, die sie suchen, und helfen ihnen, viel über sich und ihre eigene Sexualität zu lernen.

Gehen Sie auf Prostituierte zu, wenn sie sehen, dass die nicht glücklich sind?

Ja, wir gehen auf die Straßen und sprechen Frauen an, bei denen wir glauben, sie machen den Beruf nicht freiwillig. Überall, wo Prostitution stattfindet, muss Aufklärungsarbeit geleistet werden. Dabei gibt es auch viele schwarze Schafe. Dubiose Mitarbeiter einiger Vereine wollen ihren Voyeurismus bedienen und sprechen daher die leicht bekleideten Frauen an. Andere wiederum arbeiten hartnäckig daran, die Sexarbeiterinnen zu bekehren. Das ist aber sinnlos. Denn Frauen, die gerne in dieser Branche arbeiten, wollen nicht gerettet oder bekehrt werden. All das macht es schwer, das Vertrauen der Prostituierten zu gewinnen. Denn wir wollen sie nicht bekehren oder “gaffen“, sondern sie betreuen und bei der Wahrung ihrer Rechte und Pflichten helfen.

Also nicht wie bei Pretty Woman?

Nein. Es gibt wirklich Männer, die an diese Geschichte glauben. Sie sehen sich als Retter. Sie wollen die Frau aus der Prostitution holen und bieten ihnen ein Leben an, bei dem sie nicht mehr ihren Körper für Sex anbieten müssen. Aber die Frauen, die wirklich gerne in dem Beruf arbeiten, wollen nicht gerettet werden. Sie haben sich den Beruf ja selbst ausgewählt. Das stößt bei den Männern auf Unverständnis. Die Frauen, die in der Prostitution arbeiten, sind Geschäftsfrauen. Das sollten Männer wissen. Daher kann der Wunsch, ein Retter für die Frau zu sein, sehr schnell zur großen Enttäuschung werden. Es kann auch passieren, dass die gutgläubigen Männer ausgenutzt werden. Das muss man leider so sagen. Auch wenn die Männer das nicht hören wollen. Schließlich wollen sie etwas Gutes tun.

In das Bild spielt sicherlich auch noch das Bild der Frauen mit ein: Ihre Freundlichkeit, Attraktivität und unkomplizierte Art. Verlieben sich viele Freier in eine Prostituierte?

Ja, vor allem in den Monaten April und Mai kommt das sehr häufig vor. Es ist daher wichtig, auch hier anzusetzen und den verliebten Freiern Hilfe zu bieten. Die Männer wissen nicht, was sie tun sollten und können. Wird ihre Liebe nicht erwidert oder werden ihre Gefühle enttäuscht, kann das Verliebtsein auch schnell in Hass umschlagen und gefährlich für die Frauen werden.



Männer verstehen oft nicht, dass Frauen Gefühle und Sex trennen können. Daher ist es auch möglich, dass Prostituierte eine feste Partnerschaft trotz Beruf haben. Das Business kann hart sein. Aber wenn es die Frau drauf hat, dann ist sie erfolgreich und hat Spaß daran. Dann tut sie es aber auch nicht nur des Geldes wegen.

Vielen Dank, Frau Lesniak, für das Gespräch

Joanna Lesniak arbeitet seit über 15 Jahren als Sozialarbeiterin in der Beratungsstelle für Prostituierte Hydra e.V. in Berlin. Ihr Ziel ist es, Sexarbeiterinnen zu unterstützen und zu beraten und die Rechte der Frauen auf dem Arbeitsmarkt und bei ihrer Selbstbestimmung zu fördern.
 

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